Chatschkar und Chruschtschowka
Eine Schleife durch den Kaukasus
Jerewan ist eine Stadt, die ich nicht erwartet hatte. Ein Café-Leben mitten in der Steppe, der Kaukasus am Horizont und ein Vulkan in der Türkei, der von überall zu sehen ist.
Aber irgendwann reicht mir die Stadt nicht mehr. Armenien liegt drumherum, und solange es nur als Kulisse durch die Fenster wandert, weiß ich nichts davon.
Drei Tage habe ich noch. Kein durchgeplanter Roundtrip, eher eine Schleife in den Osten und den Süden und zurück. Ein paar Klöster, die alle nennen. Der Sevansee. Die Schlucht von Noravank, die Symphonie der Steine, Wasserfälle, die Ebene am Ararat.
Irgendwann am Ende der Strecke will ich zum Kloster Tatev mit seiner Seilbahn, der längsten der Welt. Dazwischen Straße, Berge, Dörfer, die ich noch nicht kenne.
Der erste Halt soll das Kloster Geghard sein. Eine knappe Stunde östlich von Jerewan, aus der Stadt hinaus, in ein Tal hinein, das sich verengt, bis nur noch eine schmale Straße zwischen Felswänden bleibt. Am Ende ein Parkplatz, ein paar Stände, dann zu Fuß weiter.
Die Klosteranlage liegt tief in einer Schlucht. Aus dunklem Basalt gebaut, fast schwarz, wenn der Schatten der Felswände auf ihn fällt.
Etwas an diesem Ort wirkt älter als alles, was ich bisher gesehen habe. Der Boden ist glattgelaufen, die Wände dunkel vom Rauch der Kerzen, der Räucherstäbchen, der Jahrhunderte.
Die heutigen Mauern stammen aus dem dreizehnten Jahrhundert. Aber der Ort ist viel älter. Es gibt eine Quelle in einer der Höhlen, ein vorchristliches Heiligtum, das ins dritte Jahrtausend vor Christus zurückreicht.
Die Christen kamen schließlich im vierten Jahrhundert, übernahmen die Höhle und ließen die Quelle, wie sie war.
Gegründet wurde es von Gregor dem Erleuchter, auf Armenisch Grigor Lusaworich, dem Lichtbringer. Der Beiname ist aktiv gemeint. Nicht der, dem Licht zuteil wurde, sondern der, der es hierher brachte. Seinen Weg dorthin werde ich noch erzählen.
Damals hieß Geghard noch Ayrivank, Höhlenkloster. Seitdem wurde es mehrfach zerstört. Von Arabern im zehnten Jahrhundert, von Mongolen, von Erdbeben. Und immer wieder aufgebaut, immer mit demselben dunklen Stein.
Das Wort “Geghard” heißt im Armenischen “Speer”. Das Kloster trug den Namen lange wegen der Heiligen Lanze, die hier aufbewahrt worden sein soll. Die Lanze des römischen Soldaten Longinus, mit der er Christus am Kreuz in die Seite gestochen hat.
Heute liegt sie im Schatzhaus von Etschmiadsin, aber der Name ist geblieben.
Ein Teil von Geghard ist gebaut. Ein Teil aus dem Berg herausgeschlagen. Kapellen, Gänge, ganze Räume. Wer darin steht, hört seine eigenen Schritte zurückgespiegelt aus einer Tiefe, die er nicht sieht.
Und draußen, in den Felswänden ringsum, überall Kreuze. Manche direkt in den Berg gehauen, manche als einzelne Platten eingelassen. Groß, klein, manche nur noch Bruchstücke.


Sie heißen Chatschkare, Kreuzsteine. “Chatsch” das Kreuz, “Kar” der Stein. Es gibt sie nur hier in Armenien, in dieser Form nirgendwo sonst auf der Welt.
Über vierzigtausend dieser Steine sind erhalten. Jeder einzeln gemeißelt, jeder anders, und alle nach demselben Grundmuster. Ein Kreuz, dessen Enden blühen wie Pflanzen. Drumherum Flechtwerk, Ranken, geometrische Muster, die ineinanderlaufen wie Spitze.
Die UNESCO hat sie 2010 zum immateriellen Welterbe erklärt.
Die meisten Chatschkare stehen frei. Stelen, in den Boden gerammt, oft als Gedenksteine. Für Tote, für Schlachten, für Stiftungen, für Heilungen.
In Geghard sind einige direkt in den Berg geschlagen. Man kann sie nicht versetzen. Man kann sie nicht stehlen. Sie sind der Berg, und der Berg ist sie.
In den nächsten Tagen geht es weiter durch das Land. Tausend Kilometer Straße, ein halbes Dutzend Klöster, dazwischen Berge, Pässe, Dörfer.
Sevanavank steht auf einer Landzunge im See, eine Treppe führt hinauf zum dunklen Stein. Khor Virap liegt in einer flachen Ebene, der Ararat dahinter. Noravank versteckt sich in einer Schlucht zwischen rotem Sandstein, die Wände leuchten warm am Nachmittag.



Dazwischen die kleineren Kirchen, immer auf einem Hügel, immer derselbe Anblick aus der Ferne. Dunkler Stein, schmaler Tambour, spitzes Dach.
Am Anfang fasziniert mich jedes einzelne Kloster, jede Kirche. Die Lage, der Ausblick, die Stille der dicken Wände. Irgendwo zwischen Sevanavank und Khor Virap kippt das.
Sie sehen alle gleich aus.
Nicht oberflächlich gleich. Nicht im Sinne von “alle Kirchen sehen irgendwann gleich aus, wenn man genug gesehen hat”. Sondern strukturell: dasselbe Material, dieselbe Bauform, dasselbe Vokabular.
Ein kreuzförmiger Bau aus dunklem Tuff. Dicke Mauern, schmale Fensterschlitze. Höher als breit, im Verhältnis fast streng. Darüber ein acht- oder zwölfeckiger Tambour - eine kurze Trommel aus Stein - und darauf das Kegeldach mit Tuffschindeln gedeckt, in Segmente gegliedert wie ein Fächer. Kaum Verzierungen. Innen wie außen die Chatschkare. In den Wänden. Frei aufgestellt. An die Mauern gelehnt.
Sevanavank ist aus dem neunten Jahrhundert. Noravank aus dem dreizehnten. Khor Virap, das Hauptgebäude, aus dem siebzehnten. Achthundert Jahre zwischen dem ältesten und dem jüngsten. Und doch derselbe Stein, dasselbe Dach, dieselbe Form.
In Deutschland würde ich auf einer vergleichbaren Strecke acht Jahrhunderte Architekturgeschichte abfahren. Romanik mit ihren Rundbögen, Gotik mit ihren Spitzen, Renaissance mit ihren Proportionen, Barock mit seiner Bewegung.
Vier Welten, vier Sprachen, sofort erkennbar. Selbst innerhalb einer Epoche bricht sich der Stil regional. Bayerischer Barock ist nicht norddeutscher Barock.
Hier sind es achthundert Jahre, in denen sich kaum etwas verändert hat.
Um zu verstehen, warum, muss man weit zurückgehen.
Armenien hat das Christentum im Jahr 301 zur Staatsreligion gemacht. Vor allen anderen. Zwölf Jahre, bevor Konstantin in Rom das Mailänder Edikt erließ. Es war das erste Land der Welt, das diesen Schritt ging.
Es gab damals bereits ein Armenien. Das Königreich Großarmenien, eingeklemmt zwischen Rom im Westen und dem sassanidischen Persien im Osten.
Auf dem Thron saß ein König namens Trdat, latinisiert Tiridates. Heide wie das ganze Land, das damals zoroastrisch geprägt war. Christen ließ er verfolgen.
Einen davon, einen gewissen Gregor, ließ er in ein tiefes Loch im Boden werfen. Eine Grube in der Nähe der alten Hauptstadt Artaxata. “Khor Virap” hieß die Grube - tiefes Verlies. Dreizehn Jahre lang blieb Gregor in dieser Grube.
Dann wurde der König krank und seltsam. Seine Schwester hatte einen Traum, in dem nur Gregor ihn heilen konnte. Gregor wurde geholt, der König gesund, und das ganze Königreich getauft.
Gregor, der dreizehn Jahre in der Grube saß, wurde später der Lichtbringer genannt. Derselbe, der wenige Jahre nach seiner Entlassung das Kloster Geghard gründen sollte.
Khor Virap ist heute eines der Klöster auf meiner Strecke. Eine Klosteranlage in einer flachen Ebene, der Ararat dahinter. Damals war es nur ein Loch im Boden.
Hundert Jahre später war Armenien zwar christlich, aber die Bibel lag in Sprachen vor, die kaum jemand lesen konnte. Griechisch, Syrisch. Das Volk war getauft, ohne zu verstehen, was genau es nun glauben sollte.
Ein Mönch namens Mesrop Maschtoz machte sich schließlich daran, das zu ändern. Er reiste durch Edessa und Samosata, studierte fremde Schriften, suchte nach einer Lösung. Fand nichts Passendes und schuf etwas Neues.
Im Jahr 405 stellte er das armenische Alphabet vor. Sechsunddreißig Buchstaben, die es vorher nicht gab.
Der erste Satz, der damit übersetzt wurde, stammt aus den Sprüchen Salomos.
Ճանաչել զիմաստութիւն եւ զխրատ, իմանալ զբանս հանճարոյ
Weisheit zu erkennen und Zucht, Verständnis zu gewinnen für verständige Worte.
Eine Schrift, die nirgendwo sonst gebraucht wird. Bis heute.
Bald nach der Erfindung der Schrift begannen die Bedrängungen. Armenien hatte 428 seine Unabhängigkeit verloren und stand unter persischer Oberhoheit.
Die Perser tolerierten zunächst den christlichen Glauben. Doch unter König Yazdegerd II. wuchs der Druck, ihn aufzugeben oder wenigstens dem persisch geprägten Zweig anzuschließen.
Im Jahr 451 kam es zur Schlacht. Auf der Awarair-Ebene stand ein armenisches Heer einer weit überlegenen persischen Streitmacht gegenüber. Die Armenier verloren die Schlacht.
Aber die Perser hatten so hohe Verluste, dass sie wenig später nachgaben. Armenien durfte christlich bleiben.
Im selben Jahr, weit weg in Kleinasien, tagte das Konzil von Chalcedon. Dort wurde verhandelt, wie sich das Göttliche und das Menschliche in Christus zueinander verhalten.
Armenien war nicht dabei. Es kämpfte gerade um sein Überleben als christliches Land.
Als die armenischen Theologen die Beschlüsse später lasen, lehnten sie ab. Die Formulierung, auf die sich der Rest der Christenheit geeinigt hatte, entsprach nicht ihrer eigenen Lehre.
Seitdem steht die armenische Kirche alleine da. Nicht katholisch, nicht orthodox im üblichen Sinn. Eine altorientalische Kirche, wie die koptische, die syrische, die äthiopische. Eine Familie weit am Rand der christlichen Welt.
Und seitdem baut Armenien diese Kirchen, schreibt diese Schrift, meißelt diese Steine. Wenn alles andere weggenommen wird, bleibt die Form.
Armenien hat im Lauf seiner Geschichte fast alles verloren. Souveränität für die meiste Zeit. Persische, byzantinische, arabische, seldschukische, mongolische, osmanische Herrschaft. 1915 wurden anderthalb Millionen Armenier im Osmanischen Reich umgebracht, ein Drittel des Volkes, vielleicht mehr.
Was übrig blieb, sind die Formen. Nicht als Institutionen, sondern als Formen.
Derselbe Stein, dasselbe Dach, dieselben Buchstaben, dasselbe Kreuz im Tuff. Eintausend Jahre lang, zweitausend Jahre lang, ohne Unterbrechung.
Am vorletzten Abend sitze ich in Goris, einer Kleinstadt im Süden, in einem Gartenrestaurant am Rand der Stadt.
Plastikstühle auf einem Stück Wiese, ein paar Tische, hinter mir ein Holzschuppen. Eine ältere Armenierin betreibt das Lokal, mütterlich, in gebrochenem Englisch erklärt sie jedes Gericht, kommt mehrmals an den Tisch, fragt nach, fragt nochmal.
Es wird frisch, als die Sonne hinter den Bergen verschwindet. Sie bringt mir eine Decke. Vor mir die Berge, das alte Goris im Licht, die Felshäuser am Hang. Niemand würde hier ein Restaurant vermuten.
Am nächsten Morgen geht es schließlich nach Tatev. Eine halbe Stunde Fahrt, vielleicht vierzig Minuten. Mich interessiert die Seilbahn, die längste der Welt. Fast sechs Kilometer Stahlseil über einer Schlucht, die spektakuläre Anfahrt, von der alle reden.
Auf dem Parkplatz keine Autos. Zwei rote Geländer versperren die Einfahrt. Aussteigen, zum Schild gehen, lesen. Geschlossen montags.
Es ist Montag.
Zweihundertfünfzig Kilometer Anfahrt aus Jerewan, fast bis an die iranische Grenze. Die Hauptattraktion ist heute geschlossen.
Es gibt eine Straße zum Kloster, über Serpentinen. Eng, langsam, ein paar Mal muss ich an Felsvorsprüngen vorbei.
Oben sind ein paar alte Frauen dabei, ihre Stände aufzubauen. Trockenfrüchte, Wein in Flaschen ohne Etikett, kleine Andenken, Magnete, Kreuze. So viele Touristen werden heute nicht kommen.
Ich gehe durch das Tor in den Klosterhof und bin allein.
Die Aussicht ist spektakulär. Tatev steht auf einer Felsnase über einer Schlucht, die so tief ist, dass die Adler unter mir kreisen. Hinter der Schlucht öffnet sich ein Tal, weit, blassgrün, die Berge weiß im Hintergrund. Schnee hier und da.
Und die Kirche im Hof sieht aus wie alle anderen davor. Dunkler Tuff. Kreuzkuppel. Achteckiger Tambour. Kegeldach. Chatschkare in den Mauern.
Ein Bauwerk aus dem neunten Jahrhundert, das aussehen könnte, als wäre es aus dem zwölften, oder aus dem siebzehnten. Es macht keinen Unterschied.
Auf dem Rückweg, in den Serpentinen hinab, ein paar Lastwagen, kein einziger Touristenbus.
Vor mir liegen viereinhalb Stunden Straße. Goris, Sissian, der Pass nach Jermuk, dann die Ebene, dann der Sevansee, dann Jerewan.
In den Orten unterwegs immer dasselbe Bild. Am Ortsrand die Chruschtschowkas aus den fünfziger und sechziger Jahren, fünf Stockwerke, rötlich-grau, ohne Aufzüge, ohne Balkone.
Daneben die Breschnewkas der siebziger Jahre, höher, neun oder elf Stockwerke, mit Aufzügen und Loggien. Dieselbe Bauphilosophie wie in Halle-Neustadt, in Marzahn, in jedem Ostberliner Außenbezirk. Dieselbe Platte, vom Kaukasus bis zur Ostsee.
Hier und da ein verwittertes Monument aus der Sowjetzeit, ein Soldat aus Beton, ein Stern, eine Inschrift, die niemand mehr liest.
Und dazwischen, auf den Hügeln, in den Tälern, an Kreuzungen: die Kirchen. Immer dieselbe Form. Ich halte nicht mehr an. Ich weiß jetzt, was ich sehe.
Zwei Schichten in einem Land. Die eine sechzehnhundert Jahre alt, in dunklem Tuff. Die andere kaum hundert, in grauem Beton. Dazwischen fast nichts.
Keine Renaissance. Keine Aufklärung. Kein Barock. Keine bürgerliche Moderne.
Die Zeit hat hier andere Schritte gemacht.







Verflixt, hat die Seilbahn am Montag geschlossen. Das ist sehr sehr ärgerlich, zumindest hätte ich mich sehr geärgert. Und diese Seilbahn ist übrigens auch privat finanziert, mir fällt der Name nicht ein von wem… Doch den hat Aserbaidschan gerade im Gefängnis, weil er angeblich nicht hörig ist oder in einer abtrünnigen Provinz aktiv war.
Wieder ganz große Klasse berichtet, Danke Holm !