Das Tal hinter den Bergen
Kazanlak feiert seine Rosen
Wir wohnen jetzt in einem winzigen Dorf an den Ausläufern des Balkangebirges, in Nikolaevo, unweit von Trjavna. Ljuben, unser Vermieter, sagte uns, dass hier “ungefähr” sechs Menschen leben.
Das Dorf liegt mitten im Wald. Hinter unserem Haus beginnt ein Wanderweg. Er führt an einem kleinen Wasserfall vorbei, der so unspektakulär ist, dass wir keine Touristen zu befürchten haben.
Und das ist der Balkan hier: Wald, soweit das Auge reicht, kleine Dörfer, endlose Serpentinen und Flüsse.
Das Balkangebirge zieht sich quer durch Bulgarien, von West nach Ost, über mehr als 500 Kilometer. Eine Mauer aus Stein und Wald, die das Land in zwei Hälften schneidet. Den Norden und den Süden.
Nur zwei Straßen führen über den Zentralbalkan. Im Westen der Trojanpass. Bei uns, im Osten, der Schipkapass.
Ein halbes Jahrtausend lang gehörte dieses Land zum Osmanischen Reich, und die Pässe lagen an den Routen nach Edirne und Konstantinopel. Wer sie kontrollierte, kontrollierte den Weg in den Süden, hinunter in die Ebene.
1877 kam der Krieg über genau diese Pässe. Russische Truppen stießen von Norden vor, um das Osmanische Reich zu schwächen. Am Schipkapass hielten sie monatelang stand. Ein Jahr später war der Norden frei.
Auf dem Berliner Kongress 1878 zogen die Großmächte dann eine Linie mitten durch das heutige Bulgarien, und zwar genau am Kamm des Gebirges. Im Norden entstand das Fürstentum Bulgarien. Im Süden, jenseits der Berge, eine Provinz mit eigenem Namen: Ostrumelien, weiterhin dem Sultan unterstellt, mit Plowdiw als Hauptstadt.
Sieben Jahre lang bestand Bulgarien aus diesen zwei Ländern. Erst 1885 fielen die beiden Hälften wieder zusammen, und daraus wurde, was wir heute “Bulgarien” nennen.
Zwei Reiche hatte das Land im Mittelalter schon gehabt. Beide lange untergegangen, das erste vor tausend Jahren, das zweite vor sechshundert. Was hier zusammenwuchs und noch heute besteht, war der dritte Anlauf, das “dritte bulgarische Reich” wenn man so will.
Südlich dieser Berge, eingefasst zwischen dem Balkangebirge und den Sredna Gora, liegt eine weite, flache Ebene. Das Tal der Rosen.
Die Osmanen brachten die Rose hierher, aus ihren Gärten, vor langer Zeit. Die Damaszener Rose, Rosa damascena, die ursprünglich aus Syrien stammt. Das Tal bietet ihr, was sie braucht: mildes Klima, genug Regen, poröser Boden.
Seit 1750 ist diese Region das bedeutendste Rosenölanbaugebiet der Welt. Bulgarien produziert heute etwa 70 Prozent des Rosenöls weltweit. Für einen Liter Öl braucht es drei bis vier Tonnen Blütenblätter, gepflückt im Morgengrauen, weil das Öl mit der Wärme verdunstet.
Geerntet wird von Mitte Mai bis Mitte Juni. Genau die Zeit, in der wir hier angekommen sind.
Zu dieser Zeit feiern die Orte im Tal die Rosenernte. Das größte Fest findet in Kazanlak statt.
Ich mache mich frühmorgens, an einem Sonntag Anfang Juni, auf den Weg dorthin. Über den Schipkapass. Eine Stunde enge Serpentinen. Auf dem Weg nach unten liegt schon das Tal vor mir, wie ein glattes, grünes Tuch, das jemand zwischen die Berge gespannt hat.
Bei Kran, einem Dorf kurz vor Kazanlak, soll am Morgen die Zeremonie des Rosenpflückens stattfinden, bei der sich auch die Rosenköniginnen zeigen sollen.
Kran liegt auf der Strecke nach Kazanlak. Trotzdem muss ich mehrere Umleitungen fahren, weil viele Straßen wegen des Festes gesperrt sind. Als sich schließlich vor mir Parkplätze voller Reisebusse auftun, gleich neben einem Rosenfeld, weiß ich, dass ich hier richtig bin.
Die Zeremonie ist enttäuschend. Eine Touristenfalle.
Es gibt ein paar Stände mit Rosenprodukten. Seife, Wasser, kleine Fläschchen mit Öl, alles in Rosa und Gold. Einen Kreis von Frauen in Trachten, die Rosenkränze flechten und dazu singen.
In der Mitte ein kupferner Schaukessel für die Gewinnung von Rosenöl, darunter ein Feuer. Rauch zieht flach über den Platz. Aber es sieht nicht so aus, als würde dort wirklich etwas destilliert. Der Kessel steht da wie ein Requisit, das jemand für die Fotos angezündet hat.
Daneben, zwischen den Rosensträuchern, ein paar Menschen in Trachten. Die Rosenköniginnen, ganz in tiefem Rosa, der Farbe der Damaszener Rose, posieren für die Kameras. Blumenkränze im Haar, das Lächeln eingeübt.
Und das sind hier die Hauptakteure: Touristen mit Kameras, überwiegend aus Asien, die sich für Fotos anstellen. Die Trachtenträger posieren. Die Kameras klicken. Dann wechseln die Gruppen, der nächste Bus ist schon da.
Niemand pflückt. Niemand destilliert. Hinter den Ständen blüht das Feld, der Duft liegt schwer über dem Platz, aber das alles ist Kulisse für die Kameras.
Ich bleibe nicht lange.
Von Kran sind es ein paar Kilometer nach Kazanlak. Aber einfach hinfahren geht nicht. Straßensperren, Umleitungen, Absperrgitter. Ich kurve durch Seitenstraßen, finde Sackgassen, drehe um, suche. Irgendwann ein Parkplatz weit außerhalb des Zentrums, der Rest zu Fuß.
Die Innenstadt riecht nach Rosen. Stände mit Öl und Wasser, mit Wein, Honig, Cremes. Viele Menschen. Die Sonne brennt.
Im Zentrum eine große Bühne. Ein moderiertes Programm läuft. Als ich vorbeikomme, spielt eine Folkloregruppe. Als ich später wieder vorbeikomme, eine Art Ballett. Die Leute bleiben stehen, schauen eine Weile, ziehen weiter.
Dann, gegen zwölf, beginnt der Festumzug.
Die Hauptallee ist gesperrt, über die ganze Länge. An einer Seite eine Tribüne für die geladenen Gäste. Alle anderen stehen am Straßenrand, dicht gedrängt, mehrere Reihen tief.
Aus den Lautsprechern dröhnt Musik, dazwischen die Stimme der Moderatorin.
Die Sonne steht hoch, kaum Schatten. Die Leute fächeln sich mit Programmzetteln Luft zu.




Und dann kommen sie: Kindergärten, Schulen, Vereine, Hobbygruppen. Alle in Kostümen, manche mit Rosen, die meisten nicht. Der Salsa-Verein. Der Mountain-Bike-Verein. Eine Gruppe Kinder, die Einlagen zeigen, während die Leute klatschen.
Das hat nichts mit Tourismus zu tun. Hier schaut Kazanlak sich selbst zu.
Die Stadt ist nicht schön. Plattenbau, breite Straßen, sozialistische Architektur. Aber für eine Stunde gehört sie den Leuten, die hier leben. Der Salsa-Verein tanzt, die Kinder turnen, die Blaskapelle spielt, und die Zuschauer am Rand kennen die meisten, die da vorbeiziehen.
Der Tag endet mit Musik. Am späten Nachmittag spielt Yanko Nedelchev Volksweisen zum Mitschunkeln, die Sorte Musik, die jeder hier von klein auf kennt.
Am Abend dann 100 Kila, der bekannteste Rapper des Landes, aufgewachsen in einem Armenviertel von Varna, seit über zwanzig Jahren im Geschäft.
Volkslied und dann Hip-Hop, das würde mich reizen, aber ich bleibe nicht. Die Sonne, das Stehen, die Menschenmassen. Ich bin leer und gehe zurück zum Auto, kurve aus der Stadt heraus und nehme die Straße nach Norden.
Den Pass hinauf. Kehre um Kehre. Hinter mir das Tal mit seinen Rosen, seinen Bussen, seiner Musik. Vor mir der Wald.
Oben kippt die Straße. Das Tal verschwindet.
Und dann wieder Wald, soweit das Auge reicht, kleine Dörfer, Serpentinen, Flüsse. Zurück in das Dorf, in dem ungefähr sechs Menschen leben.





