Der Eremit von Kefalas
Zwischen Kitsch und Heiligen: Fliesenbruch, Trockenmauer, Ikone - und ein Frosch
Monumento Kefalas
„Mama, schau mal, wie groß diese Muschel ist!“
Dieser Satz fiel nicht am Strand, wo man ihn erwarten würde, sondern auf einem steilen Weg zwischen Litsardia und Kefalas.
Es war der 14. Dezember. Wir hatten einen Spaziergang geplant: von Litsardia nach Kefalas und weiter nach Xirosterni.
Helena nahm das Fahrrad mit - das gehört bei ihr zu solchen Tagen. Aber der Weg wurde schnell zu steil, zu ruppig, und am Ende schoben wir Eltern.
Der Himmel war bedeckt, fast milchig, und trotzdem lag etwas Sanftes in der Luft - dieses kretische Dezemberlicht. Vielleicht zwanzig Grad. In der Ferne die weißen Berge, noch ohne Schnee.
Ein Wintertag, der nichts beweisen will.
Und dann, kurz vor Kefalas, stand am Rand einer kleinen Straße etwas, das nicht dahin gehörte. Ein Monument aus Steinen.
Wie wir später erfahren haben, nennen viele hier draußen dieses Straßenstück das Monumento Kefalas: eine der Steinsetzungen am Dorfrand von Kefalas, direkt an der Straße Richtung Vamos - gebaut aus Kieseln, Trockenmauerwerk, Muscheln, Fliesenresten und kleinen Nischen, in denen religiöse Szenen auftauchen.
Gebaut hat das Vangelis Vlepakis - ein Mann aus Kefalas, der rund um das Dorf seit Jahren solche Steinsetzungen entstehen lässt: draußen an der Straße, und weiter oben als verwinkelter Steingarten.
Oben drauf Muscheln. Helena sah sie sofort - als hätte der Ort sie gerufen. Sie zählte, verglich, suchte die nächste. Sonst sammelt sie Muscheln am Strand. Hier steckten sie auf Blumentöpfen, wie Kronen.
Auch ich blieb stehen. Nicht, weil ich mehr gesehen hätte, sondern weil ich hier automatisch nach dem „Warum?“ griff. Wer baut so etwas an eine Straße? Was soll das überhaupt sein - Zeichen, Schmuck, Erinnerung?
Ich wartete auf ein Schild, eine Erklärung, irgendeinen Hinweis, der das einordnet. Aber da war nichts. Nur Steine, Muscheln, kleine Bilder in Nischen.
Ein paar Schritte weiter stand ein kleiner Schrein, darin eine verblasste Ikone. Daneben ein Schmetterling aus bunten Steinen. Darüber hing eine Glocke.
Wie ein orthodoxer Schrein am Straßenrand. Und doch ging hier alles durcheinander.
In orthodoxen Schreinen ist die Ordnung klar: Ikone, Kerze, ein Name, eine Bitte. Hier dagegen standen Porzellanhunde neben Steingut-Fröschen. Tierfiguren, die eher in einer deutschen Wohnzimmer-Vitrine wohnen würden. Dazu Tassen mit Muscheln, als wäre das Meer in Keramik konserviert. Fliesenstücke, kleine Glocken, ein Schutzsymbol - und daneben etwas, das einfach nur bunt ist.
Kitsch ist ein Urteil. Hier war es erst einmal Zeug. Nichts davon wirkte zufällig. Jemand hatte es gesammelt, getragen, platziert, manchmal eingerahmt. Eine Handschrift war da - nur nicht in meiner Sprache.
Helena suchte keine Erklärungen. Sie ging näher ran, lachte über einen Hund, strich kurz über eine Muschel in einer Tasse, als wäre es das Normalste der Welt, dass Muscheln in Blumentöpfen stecken.
Und ich stand daneben, ein bisschen beschämt: ich suche schon den Sinn - und sie schaut einfach.
Nach einer Weile gingen wir weiter. Nicht weit, aber weit genug. Hinter uns schrumpfte das Monument, und vor uns war wieder nur Weg. Dorf, Steine, Stille, ein paar Olivenbäume und Schafe.
Labyrinth
Und dann war da dieses Haus.
Von außen sah es aus, als hätte jemand Gaudí im Taschenformat in ein unscheinbares Dorf auf Kreta verpflanzt.
Keine glatte Fassade, keine klaren Linien. Überall Mosaik, Stein, Kurven, kleine Einfassungen.
Es war nicht „schön“ im üblichen Sinn. Es war eigen. Und der Garten war kein Garten, sondern ein kleines Steinlabyrinth.
Ein blau-weißes „Welcome“-Schild am Eingang. Das Tor offen. Wir wussten nicht, ob man hier einfach hineingehen kann. Es gab kein Ticket, keine Schranke, keinen Zaun.
Wir gingen hinein. „Welcome“ heißt schließlich „Willkommen”. Und als klar war, dass uns niemand wegschickt, fing das Herumirren an.
Der „Garten” von Vangelis Vlepakis ist ein verschlungenes Labyrinth. Die Wege sind schmal, manchmal nur breit genug, um einen Fuß vor den anderen zu setzen. Links und rechts Steinskulpturen, sorgfältig gebaut.
Es wirkt nicht monumental. Es wirkt hartnäckig. Es stellt dir immer wieder eine Abzweigung hin. Du gehst anders raus, als du reingekommen bist, siehst etwas, verlierst kurz die Richtung - und findest sie wieder.
Es gibt dort einen Raum, der wie eine Kapelle wirkt. An den Wänden orthodoxe Ikonen und in der Mitte ein Tisch mit alten Vinylplatten. Hippie-Musik.
Ich verstand das noch weniger als die Monumente am Straßenrand. Alte Vinylplatten, Ikonen, Porzellanhunde. Steinskulpturen mit eingeritzten Namen, wie ein verspielter Gaudí-Friedhof - und irgendwo ein Blumentopf, in dem Erdbeeren wachsen.
Ich suchte irgendwann den Ausgang. Nicht, weil ich weg wollte, sondern weil ich wieder auftauchen musste. Nicht mit einer Antwort - eher mit dem Gefühl, dass mir kurz die Richtung abhanden gekommen war.
Schiebermütze und Kiesel im Mund
Irgendwann stand Vangelis neben uns. Schiebermütze, ein kleines Lächeln, ganz unaufgeregt.
Er war freundlich. Nicht aufgesetzt freundlich, nicht „touristisch“ freundlich. Zugewandt.
Kein großer Auftritt. Kein „Wer seid ihr?“ Keine Frage nach Eintritt oder Erklärung. Er hatte wohl gesehen, dass wir da sind, und kam nur herüber, um nach dem Rechten zu sehen.
Wir kamen mit ihm ins Gespräch. Seine Sprache wirkte, als hätte er Kiesel im Mund: ein deutsches Wort, ein englisches, dann Griechisch - und alles durcheinander.
Helena blieb kurz stehen, sah ihn an, sah wieder auf eine Muschel, als müsste sie entscheiden, was wichtiger ist: der Mann oder der Schatz.
Dann lächelte sie kurz und ging weiter. Das war vielleicht die ehrlichste Begrüßung überhaupt.
In dem Moment war da etwas, das ich nicht ganz sauber greifen kann: Dankbarkeit einerseits. Und gleichzeitig dieses leichte Ertapptsein, wenn man einen privaten Raum betritt, der nicht als „öffentlich“ markiert ist. Als würde man durch jemandes Gedanken laufen.
Vangelis stand einfach da und machte es einem leicht zu bleiben.
Er ist in Kefalas aufgewachsen und lebt heute wieder hier. Dazwischen: Athen, dreiundzwanzig Jahre, sagt er. Und dann mehrere Jahre allein in einer Höhle ganz in der Nähe. Daher wird er auch der “Eremit von Kefalas” genannt, aber das ist schon lange her.
In seinem Garten fiel mir ein kleines Boot auf. Zuerst hielt ich es nur für Deko. Hier steht ja allerhand. Warum also nicht auch ein Boot?
Es ist mit Steinen verziert, wie alles hier. Ein paar bunte Blumetöpfe stehen drin, die wie Urnen aussehen. Drei Flaggen sind gehisst: Griechenland, Deutschland, Großbritannien.
Auf die Frage, warum hier gerade diese Flaggen zu sehen sind, sagt er, dass sie ihn an wichtige Dinge erinnern.
Griechenland: Kefalas, seine Wurzeln.
Deutschland: der Bruder, der lange dort lebte. Deshalb taucht manchmal ein deutsches Wort auf.
Großbritannien: Jan, seine langjährige Partnerin. Britin. Der Grund, warum er die Höhle verließ und nach Kefalas zurückkam.
Das Schiff ist nicht nur Deko. Es ist eine kleine, stumme Lebensspur. Und die Flaggen sind hier keine Politik - sie sind Familie.
Vangelis holte ein Hologramm hervor, mit dem Gesicht seines Bruders. Er hielt es, als müsste man vorsichtig sein. Er drehte es langsam: das Bild kippte, wurde ein anderes, fand zurück.
Ein Blick, der weicher wurde, während er das Ding drehte. Stolz, aber ohne Pose. Eher dieses stille: Schau, er war da.
Es klang nach Verlust. Nicht als Nachricht, nicht als Thema. Nur als etwas, das man spürt, wenn jemand ein Bild so vorsichtig hält.
Ich musste wieder an die Nischen denken. Kleine Schreine. Collagen aus Ikonen, Glocken, Tieren, Muscheln.
Vielleicht sind sie keine Botschaften an die Welt, sondern Erinnerungen, die bleiben sollen? Vielleicht geht es hier um Menschen, nicht um Botschaften? Um Erinnerung. Eingebaut in Stein, in Gegenstände, in Wege und Ecken, in kleine Räume.
Ich weiß es nicht genau. Aber vielleicht ist das der Moment, in dem mein Wunsch nach „Sinn“ anders werden muss. Nicht: Was bedeutet das? Sondern: Für wen ist es wichtig - und wie?
Sonntag kein Netz
Mitte Januar hatte ich Besuch aus Deutschland: Holger. Wir sind zusammen zu Vangelis rüber gefahren, um einen Interviewtermin auszumachen.
Wir wollten diesmal nicht nur durchgehen und staunen, sondern wirklich fragen. Ein Gespräch führen, das etwas greifbarer macht - für uns, und fürs Mitlesen. Keine „Enthüllung“. Eher Annäherung.
Gestern, am Sonntag um elf, sollte es so weit sein. Ich hatte Fragen dabei - nicht journalistisch, eher vorsichtig: Wie kam es zu diesem Ort? Warum diese Mischung aus Schreinen, Tieren, Musik? Und was ist Freiheit für ihn?
Ich war schon da, mit Fragen im Kopf. Und dann tauchte er in der Küchentür auf, als käme er gerade aus etwas anderem. Eine Schüssel mit Bananenschalen und irgendwelchen Gemüseresten in der Hand. Bioabfall.
Er sah mich erstaunt an und hatte den Termin vergessen. Nicht unfreundlich. Eher wie jemand, der sich an etwas erinnert, aber den Faden nicht findet. Ich sah es ihm an: Er wollte helfen, nur war er gerade woanders.
Ich spürte erst ein wenig Ärger. Dieses reflexhafte „Das kann doch nicht sein!“, das mir peinlich ist, sobald es da ist. Dann Traurigkeit.
Nicht, weil ich auf ein Interview „Anspruch“ hätte, sondern weil ich gemerkt habe, wie sehr ich mir Verbindung gewünscht hatte. Ein Gespräch als Brücke. Und plötzlich führte sie nirgendwohin.
Ich versuchte ihm zu erklären, dass wir zum Interview verabredet waren. Er sah mich an, stellte die Schüssel beiseite, nickte und sagte: „Ah, bla bla!“
Er schien verstanden zu haben, was ich wollte, und schlug vor, in seine Werkstatt zu gehen. Dort könnten wir sprechen. Vielleicht, weil die Küche gerade Küche war, vielleicht weil die Werkstatt ihm einfacher vorkam.
Seine Werkstatt ist ein kleiner Raum mit Fenster und Steinmosaikboden. An der Wand Säcke mit Kieselsteinen, als Reserve - so viel, dass es für Jahre reichen würde.
Ich war erleichtert. Es ging doch los. Und dann: kein Netz.
Wir versuchten es mit Google Translate. Wir hielten das Telefon hin und her, tippten, zeigten, warteten. Aber der Empfang brach ab. Immer wieder. Ein Satz, der nicht durchkommt. Ein Wort, das danebenliegt. Blick auf den Bildschirm, Schulterzucken, weiter tippen.
Ich hatte Fragen. Gute sogar. Aber ohne Verbindung sind Fragen nur Papier.
Während ich innerlich noch versuchte, alles zu reparieren - Tür auf, Handy höher, einen Meter nach links, nochmal - lachte er irgendwann und sagte, es gebe doch schon ein Video über ihn. Auch „bla bla“. Sogar von einer Deutschen.
Ich wollte verstehen. Er wollte helfen. Und es gab kein Netz.
Draußen vor der Werkstatt wurde der Ärger ruhiger. Nicht weg, aber anders. Ein Anerkennen: Heute nicht. Vielleicht nie. Und sicher nicht nach Plan.
Paradies lost
„You lived in a cave?“ Diese Frage hört er ständig.
Vangelis lachte. Ein kurzes, helles Lachen, das nicht verteidigt, sondern sagt: Natürlich. Wieso nicht?
Dann schaute er nach oben, als müsste er die Antwort aus dem Himmel holen. „Nature!“, sagte er. Kein Satz, keine Erklärung. Ein Blick nach oben, ein Finger in die Luft. Das war die ganze Grammatik.
Und dann griff er ins Leere, spielte Luftgitarre vor seiner Küchentür, lachte noch einmal. „Höhle“ bedeutete für ihn Freiheit, nicht Dunkelheit.
Er wollte uns wohl sagen, dass es ein Ort ist, an dem man die Vögel hören kann. An dem man spielen und singen kann. Ein Ort, an dem man nicht reden muss.
„Paradies“, sagte er später - und es klang nicht nach einem Begriff, sondern nach etwas, das er kennt: Natur, Musik, Freiheit.
Mehr bekamen wir aus dieser Frage nicht heraus. Das war die Antwort.
Der Ort verschwamm kurz, und ich war nur noch bei ihm: diesem Mann mit Schiebermütze, der eine Höhle „Paradies“ nennt. Und dieser Moment ist mir stärker geblieben als sein Steingarten. Unfair vielleicht. Aber ehrlich.
Mich hat daran etwas gestört. Nicht er - ich. Eine Reibung, die bleibt. Freiheit ist für mich oft etwas, das man herstellen muss: planen, organisieren, möglich machen. Für ihn scheint sie ein Ort zu sein, wo man einfach hingehen kann.
Die Höhle gibt es noch. Fünf Kilometer bis ans Meer, sagte er. Der Eingang ist niedrig, man muss sich bücken, vielleicht sogar kriechen. Drinnen ist dann mehr Platz.
Wir waren noch nicht dort. Bis Ende März sind wir aber noch hier. Und seit dem gescheiterten Interview sitzt dieser Wunsch in mir: nicht mehr fragen, was Freiheit bedeutet - sondern sehen, wo sie stattgefunden hat.
Die Höhle kann heute nur ein Loch sein: unspektakulär, feucht, womöglich vermüllt. Jeder Zauber kann sofort weg sein, wenn man davorsteht. Und trotzdem bleibt sie ein Ort, an dem jemand einmal die Welt draußen ließ - nicht als Idee, sondern als Entscheidung.
Wir schauen uns das an. Nicht alles lässt sich interviewen. Manche Wahrheiten sind gebaut, nicht gesagt.
Und vielleicht ist genau das, was von Vangelis bleibt: kein Porträt, das sich abrunden lässt, sondern die Erinnerung an einen freundlichen, offenen Mann, der mich mit seinen Steinen weitergeführt hat, auch wenn mir dafür die richtigen Worte fehlen.
Ihr habt länger nichts von uns gehört - gut einen Monat.
In den letzten vier Wochen habe ich ein neues Projekt aufgesetzt: Fehlstart. Es richtet sich an Soloprojekte und hilft dabei, Geschäftsmodelle auf Tragfähigkeit zu prüfen. Wenn euch das interessiert, findet ihr es hier:








Wow, das ist ja immer wieder sehr interessant, was ihr da so alles erlebt und wer euch begegnet. Wunderschön diese posts. In mir tauchen auch dabei Erinnerungen an meine Reise auf. Lieben Dank euch. Herzliche Grüße Marlis
Ich kann dem Kommentar von Micha nur zustimmen - ich fühle mich beim Lesen als wäre ich dabei
Man stellt sich beim Lesen alles direkt vor und kommt ins nachdenken, ich muss zwischendurch immer mal anhalten, damit meine Vorstellungen klar werden
Danke für die umfangreichen Geschichten
Liebe Grüße aus dem kalten und winterlichen Norden !