Als wir Kreta verließen, war da Wehmut.
Wir hatten viele Monate auf der Insel verbracht, Menschen kennengelernt, Freundschaften geschlossen und irgendwann aufgehört, uns nur als Besucher zu fühlen. Ich wusste, dass wir weiterziehen wollten. Und trotzdem fiel mir der Abschied schwer.
Unser nächstes Ziel war Bulgarien.
Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Morgen dort. Ich saß mit einer Tasse Kaffee auf der Terrasse unseres neuen Zuhauses. Vor mir der Wald, um mich herum Vogelgezwitscher und irgendwo unterhalb des Hauses das Rauschen des Baches.
Ich weiß noch, dass ich einfach nur dasaß und dachte: So muss sich das Paradies anfühlen.
Das Haus, in dem wir den Sommer verbracht haben, gehört Ljuben und Ana.
Damals wusste ich noch nicht viel über sie. Nur, dass Ana aus Kolumbien kam und irgendwann in Bulgarien gelandet war. Bei einem Spaziergang, wo wir beide mit Helena und Sophie Kräuter sammelten, erfuhr ich mehr von ihrer Geschichte. Dass sie sich schon bei ihrer ersten Reise in dieses Land verliebt hatte. Dass sie Jahre später, an einem völlig anderen Punkt ihres Lebens, diesem leisen Gefühl folgte: „Geh nach Bulgarien.“ Und dass sie tatsächlich ging.
„Der Wald hat mich gerufen“, sagte sie zu mir, als wir nebeneinander die Serpentinen zur Kräuterwiese hinauf liefen.
Ich mochte diesen Satz, auch wenn ich nicht behaupten würde, dass ich dasselbe empfunden habe wie sie. Aber dieser Ort hatte auch mit mir etwas gemacht.
Vielleicht war es deshalb irgendwann ganz selbstverständlich, Ana zu fragen, ob sie mir mehr von ihrer Geschichte erzählen würde.
Aus einem Gespräch über Bulgarien und Kolumbien wurde eines über Heimat und Intuition, über die Weisheit, die in einer Familie weitergegeben wird, über Sensibilität und die Schwierigkeit, sie manchmal auszuhalten. Über Kunst als einen Weg zurück zu sich selbst. Und darüber, wie viel Mut es braucht, einer inneren Stimme zu folgen, wenn man nicht weiß, wohin sie einen führen wird.
Ana sagt an einer Stelle unseres Gesprächs, die Zeichen seien immer da. „Die Kunst ist, still genug zu sein, um sie zu hören.“
Vielleicht ist das ein guter Gedanke, mit dem man in dieses Interview hineingehen kann.
Du bist in Kolumbien aufgewachsen und lebst heute in Bulgarien. Wie ist Bulgarien in dein Leben gekommen?
Mit 24, in Bogotá, bin ich durch eine tiefe Depression gegangen. Ich fühlte mich einsam und verloren, gefangen in der Frage: Warum bin ich hier? Irgendwann war ich es leid, meine Zukunft kontrollieren zu wollen. Ich ließ die Erwartungen los und hörte auf, Antworten zu erzwingen.
Genau da fing das Leben an, mir den Weg zu zeigen.
Ein paar Wochen später folgte ich meiner Intuition nach Berlin. Dort sollte ich nicht bleiben. Bevor ich nach Kolumbien zurückging, kam immer wieder ein leises Gefühl:
“Geh nach Bulgarien.”
Jahre zuvor war ich zufällig in Bulgarien gewesen und hatte in einem kleinen Dorf bei einem schottischen Künstler als Freiwillige mitgearbeitet. Es war der einzige Ort, an dem ich mich je zu Hause gefühlt hatte. In einer Zeit, in der ich nach einem Sinn suchte, war es wie eine sanfte Stimme, die mir sagte, ich solle langsamer werden und zuhören.
Also ging ich zurück.
Drei Tage später lernte ich den Mann kennen, der mein Mann und der Vater meiner Tochter werden sollte.
Als wir uns kennenlernten, erzählte er mir, er habe am Tag zuvor einen lateinamerikanischen Film gesehen und sich in ein Lied verliebt. Er spielte es mir vor.
Es war dasselbe Lied, das mein Vater immer gespielt hatte, als ich ein Kind war.
Mein Vater starb, als ich dreizehn war.
Seitdem habe ich das Gefühl, dass das Leben in Zeichen spricht. Nicht laut, sondern leise, durch Intuition, durch Zufälle und durch Momente, die logisch keinen Sinn ergeben und sich trotzdem unbestreitbar wahr anfühlen.
Die Zeichen sind immer da. Die Kunst ist, still genug zu sein, um sie zu hören.
Erinnerst du dich an den Moment, in dem du gemerkt hast: „Ich habe mich in dieses Land verliebt“?
Als ich zum ersten Mal nach Bulgarien kam, war ich ungefähr 21. Ehrlich gesagt wusste ich kaum, dass es Bulgarien gibt. Diese Erdkundestunde muss ich verpasst haben.
Damals war ich als Freiwillige in Europa unterwegs und stieß auf ein Projekt, bei dem man einem schottischen Dichter in einem kleinen bulgarischen Dorf half. Also kam ich.
In dem Moment, als ich ankam, fühlte sich etwas vertraut an. Wie ein Zuhause. Besser kann ich es nicht erklären.
Je länger ich blieb, desto mehr verliebte ich mich in das Land. Ich sage meinem Mann immer, dass ich mich in Bulgarien verliebt habe, bevor ich mich in ihn verliebte.
Am meisten hat mich die Natur gefangen genommen. Die Natur hier spricht leise. Sie hat einen anderen Geist: eine alte Weisheit, die seit Jahrhunderten still da ist und sich trotzdem jung anfühlt, verspielt und voller Lebensfreude.
Ich weiß, das ist nicht der übliche Grund, sich in ein Land zu verlieben. Aber ich habe mich immer von Energie leiten lassen, und Bulgarien fühlte sich richtig an, lange bevor ich verstand, warum.
Was verbindet dich heute so tief mit Bulgarien, dass du nicht einfach nach Kolumbien zurückgehen könntest?
Wow… das ist eine gute Frage.
Der Frieden. Und noch etwas anderes, das ich nicht recht erklären kann.
Natürlich kann Kolumbien ein gefährlicher Ort sein, um ein Kind großzuziehen, und schon deshalb ist mir Bulgarien lieber. Ich vermisse die charmante Art der Kolumbianer. Dort gibt es so viel Farbe, Wärme und schnelle Energie. Aber Bulgarien ist ein wirklich guter, sicherer Ort, um ein Kind großzuziehen.
Mir gefällt auch, dass die Schulen hier noch etwas von früher haben. Es hängen nicht so viele Agenden an ihnen. Kinder können einfach Kinder sein, ohne so viel Angst mit sich herumzutragen.
Und dann gibt es noch einen Grund, warum ich bleibe: Ich träume von einem Rückzugsort hier, irgendwo in den Wäldern des Balkans. Ich weiß noch nicht, welche Gestalt er annehmen wird oder wie genau es dazu kommt.
Aber ich spüre, dass der Ort, an dem ich jetzt bin, in diesem schönen Wald, etwas sehr Heilsames hat, besonders für Frauen. Schon die Alten sagten, das Wasser aus den Quellen hier könne den Mutterschoß heilen.
Ich weiß noch nicht genau, was dieser Ort werden will. Aber ich habe das Gefühl, er könnte ein schöner Ort werden, an den Menschen kommen, um langsamer zu werden, Kunst zu machen, wieder zu sich zu finden und einfach zu sein.
Du empfindest die Energie des Waldes hier in Nikolaevo als heilsam. Einmal hast du zu mir gesagt: „Der Wald hat mich gerufen.“ Wie würdest du das jemandem beschreiben, der die Dinge nicht so erlebt?
Unser Verstand neigt dazu, alles zu intellektualisieren und zu rationalisieren. Aber wenn wir aufhören, alles verstehen zu wollen, und einfach das Herz führen lassen, dann können wir irgendwie anfangen, uns mit der Energie des Waldes zu verbinden.
Ich kann es nicht wirklich in Worte fassen. Es kommt zu mir in Träumen, in der Ruhe meines Geistes, wenn ich in den Himmel schaue, in einem stillen, friedlichen Gespräch, während ich die Bäume ansehe.
Ich glaube, die Aufgabe ist einfach, den Verstand für eine Weile leiser zu drehen und ein wenig mehr Raum für das zu lassen, was wir fühlen können.
Glaubst du, dass bestimmte Landschaften oder Orte eine eigene Energie haben, oder verändern sie einfach etwas in uns?
Ich glaube, jede Landschaft trägt eine andere Energie, aber irgendwie führen sie uns alle an denselben Ort: zu liebevollem Gewahrsein.
Das Meer in Palomino, Kolumbien, war für mich wie eine alte Großmutter, frei im Geist, die mir mit 23 sagte, ich solle keine Angst haben, ich solle es einfach wagen. Dieser Ort hat eine unglaubliche Energie, wenn es darum geht zu verstehen, was die nächsten Schritte sein könnten.
Die Energie des Waldes in Nikolaevo fühlt sich für mich ganz anders an. Sie ist wie eine ätherische weibliche Gegenwart, eine Frau, die seit Tausenden von Jahren lebt, sich aber entschieden hat, im Geist jung zu bleiben: neugierig, furchtlos, bereit, sich Herausforderungen zu stellen.
Sie trägt das Gefühl in sich, dass das Leben ein Gleichgewicht ist zwischen Licht und Dunkel, Nacht und Tag, Glück und Traurigkeit. Nicht als etwas, das man bekämpfen muss, sondern als eine Art Dualität, gehalten in einem friedlichen, sanften Lächeln.
Und vielleicht spüre ich deshalb, dass der Wald etwas Heilsames für den Mutterschoß hat. Die Alten hier sagen seit Generationen, das Wasser aus den Waldquellen habe Frauen geholfen, schwanger zu werden, und einen Glauben, der seit 200 Jahren weitergetragen wird, nehme ich nicht auf die leichte Schulter.
Ob hinter der Geschichte mehr steckt oder nicht, ich spüre, dass an diesem Ort etwas ist, dem man zuhören sollte.
Dein Großvater ist Schamane. Welche Rolle hat das in deiner Kindheit gespielt?
Ich habe ihn nie persönlich kennengelernt. Er war mein Urgroßvater. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, ihn durch das kennengelernt zu haben, was er hinterlassen hat.
Seine Traditionen und sein Wissen wurden über die Generationen weitergegeben. Durch meine Mutter, die mir sagte, welche Kräuter man zum Heilen nimmt, oder dass ich mir die Haare nach dem Mond schneiden soll. Diese kleinen Dinge gehörten in unserer Familie immer dazu.
In meiner Familie hatte man großen Respekt vor natürlicher Medizin und vor den Rhythmen der Natur. Und obwohl ich nie mit ihm zusammensitzen oder seine Geschichten selbst hören konnte, habe ich manchmal das Gefühl, ihn ein wenig zu kennen, durch das, was von seinem Wissen bis zu mir gelangt ist.
Wie zeigt sich diese Gabe in dir?
Es fällt mir schwer, darüber zu sprechen.
Ich glaube wirklich, dass ich eine Art Gabe von ihm geerbt habe, auch wenn ich ihr oft aus dem Weg gehe. Ich bin sehr sensibel, und diese Sensibilität kann sich wie Gabe und Fluch zugleich anfühlen.
Eine Gabe, weil ich dadurch Dinge tief fühlen und auf eine Weise kreativ sein kann, die mir sonst, glaube ich, nicht möglich wäre. Ein Fluch, weil ich manchmal Dinge fühle oder sehe, die ich lieber nicht fühlen oder sehen würde. In solchen Momenten fühle ich mich manchmal wieder wie das kleine Mädchen, das Dinge erlebt, mit denen es nicht recht umzugehen weiß.
Das Gute ist, dass ich mit den Jahren gelernt habe, dass ich eine Wahl habe. Ich kann tiefer in diese andere Welt gehen, wenn ich mich gerufen fühle, oder ich kann hier geerdet bleiben, in dieser Wirklichkeit.
Die Erkenntnis, dass ich wählen kann, hat alles verändert.
Gleichzeitig arbeitest du im Marketing und trägst in deinem Job viel Verantwortung. Hilft dir deine Intuition bei der Arbeit?
Noch eine gute Frage.
Im Marketing eines Konzerns zu arbeiten, hat sich für mich immer ein bisschen seltsam angefühlt. Ich glaube nicht, dass ich unbedingt dafür gemacht bin, aber irgendwie habe ich gelernt, mich darin zu bewegen.
Oft bin ich die Person im Raum, der das einfällt, woran sonst niemand gedacht hat, oder die sehr schnell eine Lösung findet, während alle anderen noch versuchen, das Problem zu verstehen.
Und ich glaube nicht, dass das nur von meiner Ausbildung oder Erfahrung kommt. Vieles kommt von dieser Sensibilität, von der ich gesprochen habe, von der Kreativität, der Intuition und der Fähigkeit, tief zu denken.
Manchmal denke ich, dass dieselbe Sensibilität, die mir manches schwer macht, auch das ist, was mich Möglichkeiten sehen lässt, die andere nicht sehen.
Wie bleibst du in einer schnellen, leistungsgetriebenen Arbeitswelt mit dir selbst verbunden?
Ich weiß es nicht. Ich verliere mich sehr oft darin.
Ich mag die Konzernwelt nicht besonders. Für mich kann das System der Seele und dem kreativen Geist tief schaden. Die Sprints, die OKRs, das ständige Reporting, die Hetze, das Vorspielen … manchmal kommt mir das alles vor wie eine schreckliche Oper oder ein Theater, in dem jeder seinen Text kennt, aber niemand wirklich an das Stück glaubt.
Aber ich habe nicht den Luxus, einfach zu gehen, denn dieser Job gibt meiner Familie auch Essen und ein Dach über dem Kopf.
Also lerne ich, Grenzen zu ziehen. Wie ich an dieser Welt teilnehmen kann, ohne zu viel von mir darin zu verlieren. Und ich lerne auch, dankbar zu sein für das, was sie mir gibt: die Möglichkeit zu arbeiten, etwas beizutragen und aktiv für die finanzielle Sicherheit der Menschen zu sorgen, die ich am meisten liebe, meine Familie.
Vielleicht ist das die Balance, die ich gerade lerne: im System zu sein, ohne dass das System zu mir wird.
Du schreibst sehr tiefe und nachdenkliche Texte. Was bringt dich zum Schreiben?
Das hängt mit den vorigen Fragen zusammen. Ich glaube, meine Medizin ist im Moment jede Form von Kunst: Schreiben, Malen, Bildhauen. Für mich ist sie ein Weg, alles loszulassen, was sich in mir aufstaut.
Weißt du, für manche Menschen ist es Yoga. Für andere Meditation, Wandern, Zeit in der Natur oder einfach Stille.
Für mich ist es die Kunst.
Sie ist der Ort, an dem ich Dinge durch mich hindurchgehen lassen kann, statt sie in mir festzuhalten. Sie hilft mir, zu mir zurückzukommen und wieder ein wenig ins Gleichgewicht zu finden.
Ich glaube, wir alle haben unseren eigenen Weg, zu uns selbst zurückzukehren. Bei mir geschieht das, wenn ich etwas erschaffe.
Was möchtest du in Menschen berühren, wenn sie deine Texte lesen?
Ich möchte, dass Menschen spüren, dass Verletzlichkeit schön ist. Dass es auch schön ist, sich zu erlauben, auszudrücken, was man fühlt. Traurigkeit, Glück, Wut, Liebe … alles davon.
Wir sind hier, um zu erleben, uns auszudrücken, zu lernen. Wir finden alle nur unterwegs heraus, wie das geht.
Ich glaube nicht, dass viele Menschen lesen werden, was ich schreibe, und das ist in Ordnung. Aber wenn es jemand tut, hoffe ich, dass er spürt, dass er in diesem Leben geliebt wird, dass er nicht alles herausgefunden haben muss, dass er alles fühlen darf, während er durch die Wellen des Lebens steuert.
Vielleicht ist das alles, was ich wirklich hinterlassen möchte: das Gefühl, dass es in Ordnung ist, ein Mensch zu sein.
Was bedeutet Zuhause heute für dich?
Das Lächeln meiner Tochter.
Es erfüllt mein Herz.
Gibt es etwas, dem du heute tiefer vertraust als früher?
Ja, meiner Fähigkeit, mich hinzugeben.
Früher habe ich ihr nicht vertraut, weil ich dachte, ich müsse eine starke, unabhängige Frau sein (und stolz). Aber jetzt lerne ich, der Hingabe zu vertrauen: mein Ego ein wenig demütiger werden zu lassen und sagen zu können: „Ich habe mich geirrt. Es tut mir leid.“
Ich lerne auch, meine eigenen Muster zu beobachten, besonders die, die jemand anderen verletzen könnten. Nicht urteilend, sondern ehrlich.
Ich glaube, ich werde demütiger, offener und bereiter, aus dem Herzen zu lieben, statt immer alles über den Kopf und den Intellekt verstehen zu wollen.
Vielleicht liegt in der Hingabe auch eine Art Stärke. Nicht sich selbst aufzugeben, sondern sich zu erlauben, weich zu werden.
Und wenn du jemandem, der seine innere Berufung spürt, aber Angst hat, ihr zu folgen, nur einen einzigen Gedanken mitgeben könntest, welcher wäre das?
Ich habe ein Bild zu diesem Gedanken, aber ich weiß nicht genau, wie ich es in Worte übersetzen soll. Also versuche ich es.
Stell dir vor, vor dir sind vier Türen.
Die erste kennst du sehr gut. Hinter ihr liegt ein Dschungel. Da gibt es Jaguare, Tukane, Affen, Flüsse, riesige Bäume. Du hast gelernt, dort zu leben. Du hast dir ein kleines Haus oben in einem Baum gebaut, und irgendwie geht es dir gut.
Manchmal hast du Angst, der Jaguar könnte dich angreifen. Manchmal überfordern dich die Affen. Manchmal bist du völlig fasziniert von den Tukanen. Aber du kennst den Dschungel. Du hast gelernt, dort zu überleben, und schließlich auch, dich dort zu Hause zu fühlen.
Dann sagt Gott zu dir: „Es gibt noch drei weitere Türen. Aber ich kann dir nicht sagen, was hinter ihnen liegt.“
Also wählst du eine.
Und vielleicht liegt hinter der einen Tür die Karibik. Hinter einer anderen ein ganz anderer Wald. Hinter der nächsten etwas, das du dir nie hättest vorstellen können.
Die Umgebungen sind völlig verschieden, aber sie liegen alle auf derselben Erde. Und wohin du auch gehst, du musst dich trotzdem anpassen. Manchmal wirst du überfordert sein. Du wirst glücklich sein. Du wirst Angst haben. Du wirst Frieden spüren. Du wirst dich verirren. Du wirst Dinge entdecken, von denen du nie wusstest, dass es sie gibt.
Die Kulisse ändert sich, aber du bist immer noch du.
Und vielleicht geht es genau darum.
Wir verbringen so viel Zeit mit der Frage, welche Tür die richtige ist, als gäbe es eine perfekte Umgebung, in der wir endlich aufhören zu kämpfen, keine Angst mehr haben und uns nicht mehr verirren.
Aber vielleicht gibt es die nicht.
Vielleicht schenkt uns jede Tür einfach eine andere Landschaft, in der wir dieses Leben erfahren.
Und welche Tür wir auch wählen, wir sind trotzdem hier, um zu fühlen, zu lernen, zu lieben, Fehler zu machen und zu wachsen.
Und in jeder Umgebung, unter allem, sind wir immer noch geliebte und liebende Menschen.
Seit fünf Wochen bin ich nun wieder in Deutschland. Und trotzdem ist Bulgarien noch da.
Ich habe mich nicht in dieses Land verliebt, so wie Ana es beschreibt. Ich weiß nicht einmal, ob ich Bulgarien wirklich vermisse. Aber ich vermisse diesen einen Ort mit seinen Tieren, Patchito, Juanito und Gina. Die Terrasse, auf der ich mit meinem Kaffee saß und irgendwann dachte: So muss sich das Paradies anfühlen.
Vielleicht müssen wir einen Ort gar nicht zu unserer Heimat erklären, damit er etwas in uns hinterlassen kann.
Ana sagt einen Satz, der mich besonders berührt: „Die Kulisse ändert sich, aber du bist immer noch du.“ Vielleicht ist es auch andersherum wahr: Wir ziehen weiter, die Kulisse ändert sich – und trotzdem nehmen wir etwas von den Orten mit, an denen wir gelebt haben.
Kreta ist in mir geblieben. Und nun ist da auch dieser kleine Fleck in Bulgarien. Nicht, weil ich dort für immer hätte bleiben wollen. Nicht, weil ich glaube, dort meine Heimat gefunden zu haben. Sondern einfach, weil es Orte gibt, die uns für eine Weile aufnehmen. Die etwas in uns zur Ruhe bringen. Und die, wenn wir längst weitergezogen sind, noch immer in uns weiterleben.







Dankeschön, liebe Anja. Heute zur Lungenfunktion messen mal in die Klinik. Lg. Marlis
Liebe Anja,
Anas Worte haben mich tief gerührt, weil es sich anfühlte, als ob da etwas sehr altes und sehr vertrautes zu mir spricht. Ich war plötzlich selber im Wald, ich spürte die tiefe Ruhe und den Frieden unter den Bäumen und hörte das leise singen eines Waldvögleins.
Falls Du noch Kontakt zu Ana hast, schicke Ihr doch bitte von Herz zu Herz einen lieben Gruß von mir - auch wenn wir uns noch nie begegnet sind. Danke!