Die gezeichnete Stadt
Jerewan, Armenien
In der Marshrutka hängt der Geruch von Diesel und nassen Jacken. Ein Duftbaum am Rückspiegel, künstliche Kiefer, hat gegen beides keine Chance. Ich sitze eingeklemmt zwischen zwei Männern, die ich nicht kenne. Der Fahrer nimmt die Kurven so, dass ich abwechselnd gegen den einen und gegen den anderen gepresst werde.
Wir kommen gerade aus Tbilisi. Georgien. Der Grenzübergang nach Armenien hat sich gezogen. Passkontrolle, Warten, Stempel, Gepäckkontrolle, wieder Warten. Ein Beamter blättert meinen Pass durch, als suche er etwas Bestimmtes, legt ihn zur Seite, trinkt einen Schluck Tee, nimmt ihn wieder auf.
Nach einer reichlichen Stunde sind wir wieder auf der Strasse. Der Fahrer hat die Musik lauter gedreht. “I want to break free” mit Freddie Mercury, danach georgische Popsongs.
Draußen regnet es. Die Scheiben sind beschlagen. Jemand hat mit dem Finger ein Loch in den Beschlag gewischt, durch das ich grüne Berge sehe, die im Nebel verschwinden.
Armenien ist grüner, als ich es erwartet hatte. Steile Hänge, dichtes Gras, Bäume, die sich in Kurven über die Strasse beugen.
Wir fahren durch Orte, an denen niemand aussteigt. Betonhäuser mit Satellitenschüsseln. Rostige Zäune, hinter denen nichts wächst. Verfallene Industriegelände, in denen die Fenster fehlen und das Dach eingesackt ist. Hallen, groß genug für hunderte Arbeiter, in denen jetzt Unkraut durch den Boden bricht.
Nach sechs Stunden steige ich endlich an der Kilikia-Station aus. Es regnet und stürmt. Der Wind drückt den Regen waagerecht über den Platz. Ich stehe an der Hauswand und drehe mich weg, aber es hilft nicht. Pappkartons fliegen durch die Luft.
Das Taxi, das ich über Yandex bestelle, braucht zwölf Minuten. Sagt die App. Dann zwanzig. Dann fünfundzwanzig. Neben mir steht ein Mann und raucht, ohne den Regen zu beachten. Ein Hund läuft umher, die Schnauze am Boden. Autos hupen.
So also sieht es hier aus.
Am nächsten Morgen scheint zum Glück die Sonne.
Ich gehe los, ganz ohne Plan. Mein AirBnB befindet sich direkt an einem Park im Zentrum von Jerewan. Die Strassen sind breit, gesäumt von vielen Bäumen, deren Blätter noch nass glänzen vom Regen der Nacht. Gebäude aus rosa und grauem Stein, drei, vier Stockwerke hoch, mit Bögen und Ornamenten und schmalen Balkonen.
Der Tuffstein der Fassaden leuchtet in der Morgensonne, warm, fast weich. An jeder Straßenecke ein kleiner Blumenladen. Cafés, die schon am Vormittag voll sind. Daneben Boutiquen, eine Micro-Brewery mit schlichten, hellen Stühlen, die in einer Berliner Seitenstraße nicht auffallen würden.
Vor dem Nationalmuseum steht ein Straßenmusiker mit verschieden großen Glasflaschen vor sich aufgereiht. Er schlägt sie im Takt zur Musik, die aus einem Lautsprecher hinter ihm kommt. Ein paar Passanten bleiben stehen. Ein kleines Mädchen wirft eine Münze in seinen Hut.
In der Ferne, auf einem Hügel über der Stadt, dreht sich ein Riesenrad. Es wechselt die Farben, rot, blau, grün, langsam, als hätte es alle Zeit der Welt.
Das hier sieht aus wie Wien.
Wien hat achthundert Jahre Habsburger hinter sich. Jerewan hat den Genozid, die Sowjetunion und zwei geschlossene Grenzen. Trotzdem bleibt das Gefühl. Etwas Bürgerliches, fast Behagliches.
Die Gehwege sind sauber. Die Parks sind gepflegt. Mütter schieben Kinderwagen über breite Bürgersteige. Alte Männer spielen Schach im Schatten und trinken Kaffee. Ihre Enkel lernen es in der Schule, als Pflichtfach, ab sechs Jahren. Armenien ist das einzige Land der Welt, in dem das so ist.
Bis Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts war Jerewan eine staubige Provinzstadt mit 30.000 Einwohnern. Ein paar zaristische Verwaltungsgebäude, ein Basar, enge Gassen aus Lehm und Stein.
Nichts, was nach Wien aussah. Nichts, was nach irgendetwas aussah.
Dann brach das zwanzigste Jahrhundert an.
1915 ermordeten die Osmanen anderthalb Millionen Armenier. Hunderttausende Überlebende flohen nach Osten, viele nach Jerewan. Die Stadt platzte aus den Nähten und hatte nichts.
Drei Jahre später, als das Osmanische und das Russische Reich gleichzeitig zusammenbrachen, rief Armenien eine eigene Republik aus. Die erste seit dem Mittelalter.
Sie hielt zwei Jahre.
1920 griff die Türkei von Westen aus an. Die Rote Armee marschierte von Norden ein. Der letzte Premierminister sprach vom bolschewistischen Hammer und dem türkischen Amboss.
Am 2. Dezember 1920 kapitulierte die armenische Regierung schließlich. Armenien wurde Sowjetrepublik. Nicht freiwillig. Aber die Alternative war die Türkei. Und Moskau brauchte eine vorzeigbare Hauptstadt an seiner Südgrenze.
Den Mann dafür fanden sie im iranischen Exil. Alexander Tamanjan war Armenier, aber in Russland aufgewachsen. Professor für Architektur in St. Petersburg, erfolgreiche Karriere, vielversprechende Zukunft.
Als die Bolschewiken kamen, floh er nach Teheran. Aber er kam nicht los von Jerewan. 1923 kehrte er zurück. Die Sowjets machten ihn zum Chefarchitekten.
Tamanjan zeichnete einen Masterplan. Ein Netz aus Boulevards, orientiert an Sichtachsen zum Berg Ararat, der hinter der türkischen Grenze liegt und den man von Jerewan aus sehen, aber nicht erreichen kann. Zwei große Plätze als Pole der Stadt, inspiriert von den zwei Gipfeln des Berges.
Und überall lokaler Tuffstein statt Beton. Rosa, grau, orange.
Der Plan war beeinflusst von Paris, von der englischen Gartenstadt-Bewegung, von New Delhi. Bescheiden war er nicht, aber Moskau zahlte. Die Sowjetunion finanzierte den Bau einer betont nationalen, fast bürgerlichen Stadt mitten im angeblich postnationalen Imperium.
Was ich sehe, wenn ich durch Jerewan gehe, ist das Ergebnis dieses Entwurfs. Kein gewachsener Ort. Tamanjans Plan ist auf armenischen Geldscheinen abgebildet, auf Wandgemälden, auf Speisekarten von Restaurants.
Aber sein Entwurf allein erklärt nicht, warum die Stadt heute so glänzt. Und das tut sie. Armenien hat nur drei Millionen Einwohner. Die armenische Diaspora jedoch hat sieben bis zehn Millionen. In Los Angeles, in Beirut, in Moskau, in Marseille. Viele von ihnen schicken Geld hierher.
Die “Cascade” zum Beispiel, eine monumentale Treppe mitten in der Stadt, wurde von einem armenisch-amerikanischen Milliardär finanziert. Die neue Nordallee, die die beiden Hauptplätze verbindet, wurde mit Diaspora-Geld gebaut.
Am Abend stehe ich auf dem Platz der Republik. Das letzte Licht färbt die Tuffsteinfassaden warm. Familien sitzen auf Bänken. Kinder rennen über den nassen Stein. Eine Frau trägt einen kleinen Hund mit einer Schleife auf dem Arm, als ginge sie zur Oper.
Heute war ich in Kond.
Bis dahin ist es nicht weit. Ich kann direkt vom Diana Abgar Park über eine breite Straße gehen, und dann eine schmale Treppe hochsteigen. Und schon bin ich in einer anderen Welt. Enge Gassen, kaum einen Meter breit. Alle paar Meter ein Loch, in dem ich verschwinden könnte. Häuser aus Lehm und unregelmäßigen Steinen, übereinandergebaut, ohne einen erkennbaren Plan.
Manche Mauern sind so schief, dass man sich fragt, warum sie noch stehen. Graffiti überall, auf Türen, auf Putz, auf blankem Stein. Holztüren, bunt gestrichen, hängen in den Angeln. Weinreben, die sich über Innenhöfe und Mauern legen und Schatten auf den Boden werfen. Ein Hund liegt in einer Einfahrt und hebt den Kopf nicht. Irgendwo klappert Geschirr. Jemand redet laut durch ein offenes Fenster.




Kond ist das letzte Stück des alten Jerewan. Das Straßennetz hier hat sich seit dem 17. Jahrhundert kaum verändert. Alles andere in der Stadt wurde abgerissen, um Platz für Tamanjans Entwurf zu machen. Der Stadtteil hat überlebt, weil das Geld für den Abriss nicht mehr reichte.
Das war also Jerewan. Eine orientalische Provinzstadt auf einem Hügel. Eng, arm, ungeplant. Fast dreitausend Jahre alt, aber wer durch Kond geht, sieht nur Lehm, aufgerissene Gassen, Wellblechdächer und schiefe Mauern.
Ich gehe einen Weg entlang, der so schmal ist, dass ich die Mauern auf beiden Seiten berühren kann. Am Ende öffnet sich mein Blick auf den Nachbarhügel.
Dort, über den Dächern des neuen Jerewan, steht sie. Mutter Armenien. Zweiundzwanzig Meter hoch, aus Kupfer, auf einem Sockel aus Basalt. Eine Frau mit einem Schwert in den Händen und einem Schild zu ihren Füssen.
Der Sockel war ursprünglich für eine siebzehn Meter hohe Stalinstatue gebaut worden. Nachdem Chruschtschow 1956 den Personenkult seines Vorgängers verurteilte, wurden im ganzen Imperium Statuen gestürzt. 1962 kam auch diese herunter. Fünf Jahre stand der Sockel leer. 1967 stellten die Armenier ihre eigene Figur darauf.1
Mutter Armenien blickt über die Stadt. Über die Boulevards. Über die Tuffsteinfassaden. Über die Cascade. Über die Cafés und die Pfingstrosen und die Springbrunnen am Platz der Republik.
Ich stehe in einer Gasse in Kond. Unverputzte Wände, an denen gelbe Stromzähler hängen, wahllos angebracht, als hätte jemand sie im Vorbeigehen an die Mauer geschraubt. Daneben ein Sessel, den niemand abholt, weil kein Lastwagen hier durchpasst.
Am Ende der Gasse, über den Dächern, steht die Frau, die auf das neue Jerewan blickt. Mutter Armenien. Sie wacht über etwas, das es eigentlich nicht geben sollte. Und das genauso erfunden ist wie sie selbst.
Hinter mir stehen ein paar Männer mit Schaufeln, die einen schmalen Graben ausheben, um ein Kabel zu verlegen. Ein Schuljunge, vielleicht acht Jahre alt, weicht ihnen aus und bahnt sich einen Weg über den Abraum.
Es gibt Pläne, diesen Ortsteil abzureißen. Investoren haben Grundstücke erworben, um Hotels oder ein Einkaufszentrum zu bauen. Vor hundert Jahren kamen die Bagger schon einmal. Was danach entstand, sieht aus wie Wien.
Der Schuljunge geht an mir vorbei. Den Ranzen auf dem Rücken. In der Hand hält er ein kleines Heft. Er schaut mich kurz an, bevor er in einer Seitengasse verschwindet.
Das Gesicht der Statue hat eine reale Vorlage. 1960 sah der Bildhauer Ara Harutjunjan eine Teenagerin auf einem Markt in Jerewan, die Tomaten kaufte. Er starrte sie so lange an, dass ihre Mutter das Mädchen aus dem Laden zog. Genya Muradjan sass dann vier oder fünf Mal in seinem Atelier Modell. Sieben Jahre später blickte ihr Gesicht, zweiundzwanzig Meter hoch und aus Kupfer, über die Stadt. Vierzig Jahre lang erzählte sie niemandem davon, nicht einmal ihrem Mann. Die ganze Geschichte hier.




