Ich wusste sofort, hier bin ich zuhause.
Über Heimat, den inneren Ruf und das Leben bei einem indianischen Schamanen
Es war unser erster Besuch auf dem Wochenmarkt in Vamos. Wir schlenderten ohne Plan zwischen den Ständen hindurch, blieben hier und da stehen, ließen uns treiben.
Dann sah ich die Edelsteinketten und war sofort interessiert, weil ich selbst einmal solche Ketten hergestellt hatte .
Wir traten näher, betrachteten die Steine, und kamen ganz selbstverständlich mit Joseph ins Gespräch, der erzählte, dass er schon seit mehr als 30 Jahren auf Kreta lebe.
Erst später entdeckte ich die Bücher, die etwas unscheinbar hinter dem Stand auf einer Mauer lagen. Ich nahm eines in die Hand und erfuhr, dass Theresia, zu dieser Zeit noch Josephs Lebensgefährtin, ihrem inneren Ruf gefolgt war und zwei Jahre bei einem indianischen Schamanen in Kanada verbracht hatte.
Mehr brauchte es nicht.
Aus einem ersten Kaffee wurden weitere Treffen. Gespräche, die immer länger dauerten und immer kürzere Abstände fanden. Begegnungen, die sich nicht erklären lassen, sondern einfach entstehen.
Theresia ist 1952 in der Schweiz geboren und hat als Stewardess unzählige Orte betreten. Das hat nicht nur ihren Blick geweitet, sondern auch ihr Herz für andere Kulturen geöffnet.
Einer dieser Orte war anders: “Als ich das erste Mal meinen Fuß auf Zypern setzte, wusste ich: Hier bin ich zuhause.”
Und doch folgt sie 11 Jahre später einem neuen Ruf, welcher sie für zwei Jahre an die Westküste Kanadas, zu einem traditionellen, indianischen Heiler und Schamanen namens Frank J. Austin, genannt “Manyhorses” führt.
Theresia hat Kreta inzwischen wieder verlassen. Bevor sich unsere Wege trennten, wollte ich ihre Geschichte festhalten – über das Gefühl von Heimat, ihr Leben bei einem indianischen Schamanen und dem Folgen ihrer inneren Stimme.
Erinnerst du dich an den Moment auf dem Markt, als wir uns begegnet sind? Glaubst du an Zufälle – oder daran, dass Menschen sich finden, wenn etwas in Resonanz geht?
Das ist Anziehung, ja. Das ist Anziehung, ganz klar. Wie zwei Magnete, die sich anziehen.
Ich erinnere mich, wie du einmal im Auto zu mir gesagt hast: „Als ich das erste Mal meinen Fuß auf Zypern gesetzt habe, wusste ich sofort: Hier bin ich zuhause.“ Glaubst du, dass Heimat etwas ist, das wir denken?
Nein, da glaube ich, dass es ums Spüren geht. Ja, dieses Gefühl, das ist ein unbeschreibliches. Aber auch ein ganz klares Gefühl von Angekommen sein, eben von Zuhause.
Dein Heimatland ist die Schweiz. Wieso hast du die Schweiz verlassen und kannst dir ein Leben dort nicht mehr vorstellen?
Ja, die Schweiz, zum Glück habe ich in den letzten Jahren auch Dankbarkeit dafür entdeckt, dass ich in der Schweiz geboren bin. Weil, das hat schon seinen Grund. Es heißt ja, dass wir dahin kommen, wo uns die Energie anzieht. Man sagt ja auch, dass jede Schneeflocke dahin fällt, wo sie hinfallen muss.
Und so ist es auch mit uns. Wir kommen dahin, wo das Feld stimmt, wo die Energie stimmt, wo die Anziehung ist. Und ich komme auch in die Familie, die mir hilft, zu wachsen. Und ich habe das auch noch nicht so lange in vollem Sinne schätzen gelernt.
Und ich bin, trotz vieler Schwierigkeiten in meiner Familie als das schwarze Schaf, auf meinem Weg, eben einem anderen Weg geblieben. Und habe mich aber inzwischen bei allen meinen Familienmitgliedern innerlich bedanken können.
Ja, die Schweiz bietet eigentlich ein Sprungbrett. Ich kann das jetzt erst aus der Ferne sehen, dass die Schweiz gut dasteht. Wenn man sich andere Länder anschaut, ist das nicht so.
Ich bin stolz, einen Schweizer Pass zu haben. Schweizer Pässe öffnen Türen, habe ich immer gesagt. Ein Schweizer Pass steht für viele gute Qualitäten.
Und wieso würdest du nicht mehr dorthin zurückkehren?
Es ist so eng. In der Schweiz ist es eng. Ich fühle mich jetzt im Moment auf Kreta oder auch auf Zypern, was ja vom Wasser begrenzte Inseln sind, viel freier.
Ich habe hier mehr Platz als in der Schweiz, in Zürich. Das ist einfach so. Oder wenn ich nur raus fahre von Basel nach Deutschland, dann öffnet sich etwas in mir, weil da sind auch nicht die Berge und es ist einfach viel größer und weiter.
Es ist die Enge.
Wegen der Berge?
Nicht nur, wir haben zu viele Menschen. Wir haben bald neun Millionen Einwohner in unserem kleinen Land, und das ist zu viel.
Du sagtest, du warst das schwarze Schaf in der Familie. Wieso warst du das schwarze Schaf?
Anders denken, anders sein. Nicht schon in jungen Jahren Gedanken an Heiraten, Haus, Auto, Job, Kinder haben. Das lag mir alles fern. Da habe ich mir gar keine Gedanken gemacht. Ich war dann auch lange ledig.
Ich habe einfach nicht diesen konservativen Weg eingeschlagen oder diesen Weg, den man eigentlich gehen sollte, wo die Eltern stolz sind. Ich habe meine Eltern enttäuscht, indem ich nicht diese normalen Wege gegangen bin.
Und wie ich dann auch noch einen Zyprioten geheiratet habe, und dann noch nach Kanada ging, zu den Indianern. Da hat meine Mutter lange gebraucht, um mir zu verzeihen. Ja.
Du bist einem inneren Ruf gefolgt und hast zwei Jahre bei einem indianischen Schamanen in Kanada gelebt. Wie hat sich dieser Ruf damals gezeigt?
Der Ruf hat sich so gezeigt, dass ich auf Zypern verheiratet und eigentlich auf der Insel meines Herzens war. Aber der Mann passte nicht ganz in mein Denken. Ich war sehr spirituell. Und dann noch die orthodoxe Kirche, die ja auch sehr, sehr stark auf Zypern ist, und Spiritualität oder alternative Heilmethoden gar nicht akzeptiert, also wirklich.
Das ist auch jetzt noch so. Ich fühlte mich da ziemlich allein. Und ich habe wirklich, wirklich um einen spirituellen Führer gebetet.
Ich fühlte mich festgefahren. Es ging nicht weiter. Ich fühlte mich blockiert.
Und ich wusste, ich brauche jemanden, der mir hier weiterhilft. Und ja, also dieser Wunsch hat sich dann fast am anderen Ende der Erde erfüllt durch Manyhorses.
Aber indem ich in Österreich an einem telepathischen Tierkommunikationsseminar teilnahm, wo auch ein Ehepaar aus Kanada teilnahm, ein deutsches Paar, die schon in Bukley Valley in British Columbia lebte und Manyhorses kannte, und bei ihm in die Zeremonien ging.
Und die haben mir ein Wochenende lang von diesem Mann erzählt, von diesem Schamanen. Und ich habe zu ihnen gesagt: Ich werde euch nächstes Jahr besuchen kommen.
Und das habe ich gemacht. Ich habe den ganzen Winter über gestrickt und Geld verdient. Und bin tatsächlich dann im folgenden Sommer nach Kanada gereist.
Ich war dann da, zwei Wochen. Zwei Tage nach meiner Ankunft, wurden wir sofort zu einer Schwitzhütte eingeladen, meiner ersten Schwitzhütten-Zeremonie. Aber das Unglaublichste war, wie wir bei ihm in seine Stube, in seinen Wohnraum traten.
Überall lagen große Hunde und Katzen und Manyhorses war da, der lachte. Ich hatte ihn noch nie gesehen. Er mich auch nicht. Aber als ich in die Stube trat, hat er zu mir gesagt: “Welcome home, my sister.”
Und das hat für mich alle Dämme gebrochen. Ich fing an zu weinen und sagte, ich war schon mal hier, ich habe schon hier gelebt. Und er sagte: “Yes, many times, big times.”
Und das war wirklich für mich ein unglaubliches Geschenk, dass mir das Universum hier bot. Leider habe ich ihn nur zweimal gesehen während dieses Aufenthalts.
Nach zwei Wochen musste ich zurückreisen und kam mitten im Sommer nach Zypern zurück. Es war furchtbar heiß und ich kam nie wieder richtig an.
Meine Seele war in Kanada geblieben. Meine Hündin erkannte mich nicht. Sie kam nicht zu mir. Sie ließ sich nicht spazieren führen. Sie kam nicht auf meinen Schoß. Sie beachtete mich nicht.
Nach einer Woche sagte ich zu meinem Mann, ich muss wieder gehen. Ich muss zurück.
Ich habe da ein Geschenk bekommen, ich muss da nochmals hin, ich muss es öffnen. Ja, wenn du musst, hat er gesagt. Ja. Ich bin dann nach drei Wochen den ganzen Weg zurück nach Smithers, war sechs Wochen da, habe viel erlebt. Und musste wieder zurück nach diesen sechs Wochen.
Ich dachte, jetzt habe ich so viel Energie bekommen, so viel Heilung durch Zeremonien und die Zeit hier mit Manyhorses und anderen Indianern. Und ich dachte, jetzt schaffe ich das. Ich schaffe das, ich kann das jetzt ertragen mit meinem Mann.
Und am Anfang ging es gut. Und vor allem mein Hund hat mich wiedererkannt. Ich war also wieder ganz da. Habe mich mitgenommen. Und ich war da. Und es ging gut. Ich hatte wirklich viel Kraft und meine Batterien waren aufgeladen.
Aber dann ging der Alltag wieder los und es ging nicht. Es ging nicht mehr.
Und dann wurde es langsam Herbst und da wusste ich einfach, dass ich gehen musste. Ja. Und das habe ich dann auch am 21. Dezember gemacht.
Was hat diese Zeit mit deinem Vertrauen ins Leben gemacht?
Also für mich war das wie eine Offenbarung. Aber ich wusste natürlich auch, dass ich auf Zypern alles loslassen musste. Also ist das jetzt das Geschenk vom Universum, um das ich gebeten hatte, fragte ich mich? Annehmen und gleichzeitig alles loslassen? Zypern, meinen Mann, meine Tiere. Um die hat es mir am meisten leid getan.
Aber andererseits war für mich ein Schlüsselsatz, dass ich nicht wegen meines Mannes ging, sondern für mich. Und das hat mir geholfen. Ich gehe für mich.
Ja. Ich gehe für mich.
Ich wollte dieses Geschenk annehmen. Ich sagte mir, dass man mit dem Universum nicht spielt. Wenn man solche Gebete aussendet und dann die Antwort bekommt, ja, da wusste ich, ich muss das annehmen. Ich habe es nie bereut.
Es war mitten im Winter, als ich in Kanada ankam. Meine Freunde, die ich von den letzten Besuchen kannte, haben mich alle erwartet.
Und es war einfach alles wunderbar. Es stand ein Auto da, als ich ankam.
Die Sonne schien und es war gar nicht so kalt. Es war wirklich schön. Und ich wollte ein Auto mieten.
Und dann sagte eine Frau am Flughafen: “Sind Sie Familie Holland?” Und ich antwortete: “Nein, Holland, nein.” Dann sagte sie: “Sie erwartet ein Auto.” Dann habe ich gesagt: “Nein, aber ich brauche ein Auto.”
Die sind nicht gekommen. Und da stand das Auto. Warm, mit laufendem Motor, bereit vor dem Flughafengebäude. Es war für mich gesorgt. Ja.
Wie kann man sich das Leben bei einem Schamanen vorstellen?
Für mich als Schweizerin war das schon anfangs ein ziemliches Durcheinander. Es war lustig.
Das Erste, was mir auffiel, dass in voller Lautstärke im Fernsehen ein Wrestling Programm lief. Und dann Manyhorses, der lachend und schmunzelnd auf so einem bequemen Bürostuhl auf Rädern saß, weil er mit dem Rücken Probleme hatte von seiner früheren Arbeit.
Also er hat immer Wrestling geschaut. Das hat für mich irgendwie nicht so gepasst und doch wieder gepasst. Und dann eben lagen überall Hunde, und Katzen verschwanden hinter den Sofas.
Die hatten auch überall ihre Plätze. Der Esstisch war irgendwo ins Eck geschoben und gegessen wurde vor dem Fernseher und auf dem Sofa.
Man setzte sich nicht zusammen an den Tisch. Das war einfach ein bisschen anders, als ich es gewohnt war. Aber auch sehr angenehm und natürlich sehr, wie soll ich sagen, sehr praktisch.
Sehr unbeschwert. Und dann war Manyhorses auch oft am Telefon, Hilfe leisten. Leute kamen zu ihm für Behandlungen.
Überhaupt war die Stube bei ihm immer voll mit Leuten, die bei ihm Kaffee tranken oder Zigaretten rauchten. Da wurde natürlich auch geraucht. Wenn seine Frau nach Hause kam, war überall verschmutztes Geschirr. Sie tat mir manchmal leid, auch wegen der Verehrerinnen von Manyhorses, die sie über sich ergehen lassen musste, sein Fanclub.
Ja, und dann haben wir einfach geredet. Ich habe ihm unzählige Fragen gestellt, für die er keine Antworten gab, sondern nur Geschichten erzählte. Ich habe viel über sein Leben erfahren.
Aber am schönsten war es einfach, und da kam ich immer sehr früh, wenn eine Schwitzhütten-Zeremonie angesagt war, das ging schon am Morgen los mit Holzhacken.
Da wurde Holz gehackt von seinem Gehilfen. Das Holz wurde gesegnet. Es wurde mit Tabak gedankt. Ein ganzer Prozess vom Morgen bis zur Schwitzhütte selber.
Und dann kamen natürlich auch andere Leute, und dann war immer viel Aktivität und Austausch vor der Schwitzhütte. Aber er duldete gar keinen Alkohol auf seinem Gelände, schon gar nicht um die Schwitzhütte, die als heiliger Ort betrachtet wird.
Da war immer eine sehr schöne, hohe Energie. Es wurde viel gebetet, immer mit den besten Absichten.
Alles, was wir taten, hatte seine Bedeutung, seinen Sinn und alles wurde in einer dankbaren Haltung ausgeführt.
Aber trotz allem Durcheinander hast du dich wohlgefühlt?
Oh ja, oh ja. Weil, wie soll ich sagen, es war ein gemütliches Durcheinander. Es war nicht schmutzig oder so, nein, es war einfach, man hat da gewohnt. Es war nicht so ein Ausstellungswohnraum, man hat da gewohnt.
Ich denke, einer der Höhepunkte war, wie ich mit ihm nach Regina durfte. Das ist in Saskatchewan, in Britisch Columbia. Da sind wir mit zwei Autos zu einem Heilungstreffen gefahren, von den Cree-Indianern.
Die haben das organisiert. Da war eine ganze Tipi-Stadt, also ein Dorf, alles Tipis wie früher. Alles Heiler-Tipis, alles Indianer und Indianerinnen.
Und da waren dann über vier Tage lang Heilungstreffen. Da kamen Leute von allen Nationen für Hilfe, Heilung, für Zeremonien. Und wir halfen.
Ich durfte Medizin zubereiten. Das war ganz besonders. Das war der Höhepunkt. Und eine Ehre, dabei sein zu dürfen, als Weiße.
Was war die wichtigste Lektion, die du von Manyhorses gelernt hast?
Zwei Lektionen. Also ich lernte zu beten. So wie Manyhorses die Schwitzhütte gemacht hat, es gab vier Runden bei ihm, wurde gebetet. Jeder Stamm macht Schwitzhüttenzeremonien ganz verschieden. Ich habe auch bei den Lakota Schwitzhütten erlebt, und auch bei den Cree.
Zuerst einmal bedankt man sich allgemein. Dann für das Weibliche, dann für das Männliche. Und in der vierten Runde durfte man für sich selbst ein Gebet sprechen. Man sagt das laut. Es ist stockdunkel in einer Schwitzhütte. Da ist alles zu. Man sitzt da wirklich ganz wie im Mutterleib.
Eine Schwitzhüttenzeremonie ist eine heilige Zeremonie, um wieder neu geboren zu werden. Aber auch, um sich zu reinigen und durch Gebete zu danken. Es ist eine innere und äußere Reinigung und eine Neugeburt.
Und so habe ich gelernt, zu beten und dankbar zu sein. Auch für meine indianischen Freunde, Brüder und Schwestern. Mehr zu verstehen, was sie durchgemacht haben, gerade durch uns Weiße. Und trotzdem war Manyhorses offen für alle Nationalitäten, alle Religionen. Er war da absolut unparteiisch. Für ihn waren alle Menschen gleich.
Und das andere war, es gab eine Situation, dass Leute versuchten, Manyhorses schlecht zu machen. Auch mir gegenüber. Und sie meinten, ich müsse mich für den richtigen Weg entscheiden. Das war für mich sehr traurig.
Aber ich konnte mit Manyhorses darüber reden. Ich verstand nicht, was los war mit diesen Menschen und warum sie sich gegen ihn gewendet haben, obwohl sie vorher auch bei ihm in den Zeremonien saßen.
Und dann hat Manyhorses zu mir gesagt: “You owe nothing.”
Es hat nichts mit dir zu tun. Was sie über mich sagen oder über dich, hat nichts mit dir zu tun. Das ist ihr Denken, ihres. Du kannst ihnen das nicht nehmen. Du musst es einfach lassen und deine eigene Wahrheit erkennen.
Das fand ich eine sehr große Lehre von ihm.
Was war die wichtigste Lektion, die du selbst in dieser Zeit gelernt hast?
Die wichtigste Lektion war, dass alles miteinander verbunden ist. Das war schon wie eine Initiation. Die Verbundenheit mit allem. Das ist ja in der indianischen Spiritualität eigentlich der Grundsatz oder überhaupt in der Spiritualität, dass alles miteinander verbunden ist.
Das war für mich ein Augenöffner und auch wirklich eine Veränderung für mich.
Das beantwortet eigentlich die nächste Frage: Wie hat sich dein Blick auf Spiritualität durch diese Erfahrung verändert?
Dass alles einen Grund hat. Dass alles einen Sinn hat. Dass nichts aus Zufall geschieht. Also es fällt mir zu. Nichts geschieht umsonst, alles hat eine Bedeutung.
Manyhorses hat immer gesagt, du kannst aus jeder Situation etwas lernen. In jeder Situation ist eine Lehre versteckt. Wenn wir bereit sind, es uns anzuschauen. Das war für mich auch eine sehr, sehr wichtige Lektion. Achtsam zu sein gegenüber dem, was uns jeden Tag begegnet.
Wie war es nach dieser intensiven Zeit, wieder in den normalen Alltag zurückzukehren und wie ging es dann weiter?
Ja, das war schwierig. Ich war ja zwei Jahre da, mein Geld ging langsam zu Ende. Ich durfte in Kanada nicht arbeiten und wollte das auch nicht riskieren, weil Kanada ist da sehr streng. Und wenn man da mal rausgeworfen wird, dann kommt man nicht mehr rein.
Und das wollte ich nicht riskieren. Ich habe auch nicht gespart. Ich habe Manyhorses oft unterstützt, auch finanziell. Wenn er auf Reisen musste und kein Geld hatte fürs Benzin, dann half ich ihm.
Aber ich ging dann auf die 60 zu und wusste, mein Gott, jetzt ist meine Pensionierung und was habe ich? Eine Trommel, einen Laptop, einen Koffer und einen Rucksack, okay. Vielleicht sollte ich mir mal Gedanken machen, wie es weitergeht.
Irgendwann wusste ich ganz klar, dass ich weg muss. Obwohl Manyhorses mich da ganz, ganz intensiv dazu befragt hat. Er wollte wissen, warum.
Er sagte, jetzt hast du deine Heimat gefunden und jetzt gehst du wieder. Und dann habe ich zu ihm gesagt, so frech habe ich gesagt, ich kann nicht wegen dir hier bleiben. Ich muss Geld verdienen, ich werde in die Schweiz müssen.
Und er wollte dann wissen, was ich bei ihm gelernt habe, was ich weitergeben will. Ich habe ihm gesagt, dass ich das Gelernte auch weitergeben möchte. Sein Motto war immer, wir sind reine Liebe, reine Energie und reines Licht. Liebe heilt alles.
Das wollte ich weitergeben und auch so leben, also ein Vorbild sein in dem Sinn. Mir blieb nur eins, dass ich zurück in die Schweiz gehe. Zypern war zum Geldverdienen nicht so ideal. Und so musste ich in die Schweiz und das war sehr schwierig.
Sehr schwierig. Ja, das war eine sehr herausfordernde Zeit, diese Landung in der Schweiz.
Ich war da wirklich schon gefordert in der Schweiz. Ich habe aber tatsächlich Arbeit gefunden. Und so bin ich mit Würde in die Pension gegangen.
Was aus dieser Zeit lebt heute noch ganz konkret in deinem Leben?
Sehr, sehr viel. Aber eigentlich ist mir dieses Fundament erst später bewusst geworden und ein wichtiger Teil meines Lebens geblieben.
Wenn ich heute irgendwo einen Stein finde oder eine Muschel am Strand oder eine Blume pflücke, dann immer mit dem Bewusstsein, dafür zu danken. Oder wenn ich sehe, dass jemand einfach Blumen wegwirft, dann tut mir das weh.
In Kanada hatte ich immer ein Paket mit losem Tabak dabei. Wir haben für alles immer erst mit Tabak darum gebeten. Wenn wir Medizin holen gingen im Wald, haben wir immer Tabak hinterlassen als Austausch für die Natur. Die Spirits mögen Tabak.
Ich habe inzwischen einfach ein anderes Bewusstsein, ein anderes Verhältnis zu all diesen Dingen.
Was hilft dir, wenn du selbst nicht weißt, wohin der nächste Schritt führt?
Rückzug, Ruhe und vor allem, ich frage meistens keine anderen Menschen. Ich habe Probleme immer mit mir ausgemacht. Ich schreibe dann auch darüber, also führe Tagebuch. Ich versuche über das Schreiben der Sache auf den Grund zu kommen.
Das ist mir eine ganz, ganz große Hilfe, weil ich das dann von verschiedenen Seiten anschauen kann. Und ich führe Listen, Pro und Contra. Was spricht dafür, was spricht dagegen.
Was bedeutet es für dich heute, dem eigenen Weg treu zu sein?
Das ist das größte Geschenk. Das ist auch das, was ich mir in den letzten zwei Jahren zu einem großen Teil habe nehmen lassen. Und das kommt auf mich zurück.
Es kommt alles auf mich zurück und dann ist das meine Arbeit und das ist meine Freiheit. Das ist meine Freiheit, mir treu zu sein. Ich kann es mir nicht anders vorstellen.
Bücher von Theresia Müller
Ich folge dem Licht meines Herzen: Erlebnisbericht über elf Jahre meines Lebens
Beautiful British Columbia: Mein Leben zwischen Indianern und Schwarzbären
Manyhorses und der “Rote Pfad”




Wow, immer wieder sehr interessant. Da fühle ich mich wie dabei gewesen...echt interessant eure begegnungen...viel glück auf eurem weg wünscht Marlis
Herzlichen Dank und liebe Grüße.