Kulissen
Eine Wanderung zu einem Ort, den es noch nicht gibt
Das Erste, was wir hören, sind Bohrhämmer.
Nicht das Meer, nicht Möwen, nicht die Stille einer kleinen Bucht, die in Reiseführern als Geheimtipp steht. Bohrhämmer. Ein hohles, rhythmisches Hämmern, das von den Felswänden zurückgeworfen wird und weit über das Wasser hallt.
Loutro liegt vor uns. Eine Handvoll weißer Häuser an einer Bucht, die nur per Boot oder über einen schmalen, steinigen Wanderweg zu erreichen ist. Keine Straße führt hierher.
Am Morgen sind wir über Serpentinen nach Chora Sfakion gefahren, vorbei an der Imbros-Schlucht, durch eine Landschaft, die sich mit jeder Kurve weiter auffaltet.
In Chora Sfakion - einem kleinen Hafenort am Meer im Süden von Kreta - war noch niemand zu sehen. Wir stellten das Auto an der Straße ab und gingen los.
Die erste Strecke führte über eine Landstraße. Kein Mensch, kein Fahrzeug. Erst auf halber Strecke kam uns ein einzelnes Auto entgegen.
Dafür gab es Ziegen. Sie waren überall. Auf dem Asphalt, auf den Hängen, zwischen den Büschen. Sie sahen uns an, als wären wir eine Fehlbesetzung.
Dann begann der Küstenpfad nach Loutro. Schmal, steinig, direkt an den Hängen über dem Meer. Rechts die rauen Felsen, links der Abgrund zur Küste. Einzelne Buchten tauchten auf und verschwanden wieder.
An der Sweetwater Bay machten wir Pause und gingen ins Wasser. März, aber warm genug. Vor der Bucht lag eine Art schwimmendes Restaurant. Ein einzelner Mann schraubte an irgendetwas. Er grüßte uns freundlich, ohne aufzublicken.
Auf dem ganzen Weg begegnete uns ein einziges Paar, das in die andere Richtung lief. Sonst niemand.
An einer Stelle hatte eine Steinlawine ein Stück vom Weg weggerissen. Wir dachten erst, es geht nicht weiter. Ich half den anderen über die Kluft. Dann baute ich mir aus herumliegenden Steinen eine Art Treppe. Sie hielt. Gerade so.

Drei Stunden über Steine und Geröll. Bei praller Sonne. Und jetzt stehen wir in Loutro. Erschöpft und durstig. Und der Ort, der in den Reiseführern als ruhiger Rückzugsort beschrieben wird, ist eine Baustelle.
Keine Tische draußen. Keine Stühle. Keine Sonnenschirme. Keine Markisen. Die Türen der Tavernen sind geschlossen. An manchen hängen Vorhängeschlösser, als hätte jemand den Ort für den Winter versiegelt.
Dafür Farbeimer vor den Hauswänden. Leitern an Fassaden. Ein Mann mit einer Flex, der Rost von einem Geländer schleift. Ein paar Handwerkerautos, die am Morgen mit der Fähre gekommen sein müssen. Pickups mit Werkzeug. Säcke mit Zement. Ein kleiner Betonmischer.
Zwanzig Leute vielleicht. Keine Touristen. Nur Handwerker.
Es ist Mitte März. Die Saison beginnt in vier bis sechs Wochen. Und was wir hier gerade sehen, ist nicht der Ort selbst. Es ist die Vorbereitung dieses Ortes.
Als würde jemand die Kulissen aufbauen, bevor das Publikum kommt.
Wir brauchen etwas zu trinken. Die Beine schwer, der Rucksack warm vom Schweiß. Aber alles ist geschlossen.
An einem der Lokale direkt am Wasser sitzen die Eigentümer mit ein paar Handwerkern an einem Tisch. Tassen, Papiere, ein Gespräch auf Griechisch. Kein Betrieb. Eher Planung.
Wir fragen, ob wir etwas zu trinken bekommen können.
Kurzes Zögern. Dann ein Nicken. Jemand wischt einen Tisch ab. Jemand rückt ein paar Stühle hin. Man zeigt auf die Getränkekühlschränke: Bedient euch!
Wir sitzen jetzt in einem Café, das kein Café ist. Nicht heute. Ein paar Männer besprechen, was noch zu tun ist. Und wir etwas abseits, mit unseren Limonaden und dem Bier aus dem Kühlschrank. Als hätten wir uns in der Tür geirrt.
Die Sonne wärmt. Die Bucht liegt leer vor uns. Nur die Flex, die Bohrhämmer und das Meer.
Von hier aus kann man den ganzen Ort überblicken. Fünf Minuten von einem Ende zum anderen. Es gibt vielleicht zwanzig, fünfundzwanzig Gebäude. Im Sommer ist jedes davon eine Taverne, ein Café, ein kleines Hotel, ein Zimmer mit Meerblick.
Jetzt sind sie Hüllen. Frisch gestrichen oder gerade dabei.
Wir sehen das nicht zum ersten Mal.
Auf der ganzen Insel wird gerade gebaut, gestrichen, repariert. Tavernen, die im Winter geschlossen waren, bekommen neue Anstriche. Straßen werden ausgebessert. Hotels werden renoviert.
Es ist, als bereite sich Kreta auf eine Welle vor, die in wenigen Wochen über die Küsten schwappen wird. Und das stimmt auch. Die Welle wird kommen. Sie kommt jedes Jahr.
Auf jeden Kreter kommen pro Jahr zehn Touristen. Eine Insel mit 600.000 Einwohnern, die jedes Frühjahr Platz macht für Millionen.
Die Welle bringt Geld und Lärm und Menschen, die das suchen, was sie auf den Fotos gesehen haben: weiße Häuser, blaues Meer, Tavernen am Wasser. Live-Musik.
Was sie nicht sehen werden, ist die Arbeit davor. Die Flex. Der Zement. Die Handwerker. Die Eigentümer, die an provisorischen Tischen sitzen und den Sommer planen.
Vor ein paar Tagen hat uns unsere Vermieterin geschrieben. Ende März müsse sie mit Arbeiten im Außengelände beginnen, weil die ersten Gäste bereits Anfang April eintreffen. Sie schrieb “Gäste”. Nicht “die nächsten Gäste” oder “andere Gäste”. Nur “Gäste”. Als gehörten wir nicht in diese Kategorie.
Und das stimmt wohl auch.
Wir sind keine Touristen. Wir buchen keinen Tagesausflug, essen Fisch am Wasser und fahren zurück. Wir kommen auch nicht für eine Woche, um “das echte Kreta” zu finden.
Aber wir leben auch nicht hier. Wir sprechen die Sprache nicht. Wir werden im Frühjahr weiterziehen. Ja, wir kennen ein paar Leute beim Vornamen. Vasilis, der Schäfer, führt fast jeden Tag seine Herde an unserem Haus vorbei. Man grüßt sich auf der Straße.
Aber wir gehören nicht dazu. Nicht wirklich.
Wir sind in einer Zwischenwelt gelandet. Nicht Publikum und nicht Bühne. Eher wie jemand, der noch im leeren Theater sitzt, während die Scheinwerfer getestet werden, die Kulissen geschoben, die Kostüme gebügelt. Man sieht die Nähte, die Schrauben, die Kabel. Man hört die Anweisungen, die das Publikum nie hören wird.
Das ist es vielleicht, was man sieht, wenn man länger bleibt als vorgesehen. Die Insel, bevor sie sich zeigt. Und man merkt, dass der “Geheimtipp” kein Geheimnis ist, sondern eine Inszenierung, die jedes Frühjahr neu geprobt wird.
Um halb fünf soll die Fähre kommen. Die einzige Verbindung zurück nach Sfakia an diesem Tag. In der Nebensaison gibt es nur zwei Fahrten. Eine am Morgen, eine am Nachmittag. Für die Handwerker.
Um 16:25 ist von einer Fähre noch nichts zu sehen. Ein paar Handwerker sitzen neben dem Anleger. Wir fragen, wann das Schiff kommt. Einer zuckt die Schultern. “Ja, irgendwann.” sagt er nur. “Vielleicht in zwanzig Minuten.”
Und das stimmte. Sie kam etwa zwanzig Minuten später. Viel größer als erwartet. Auf dem Unterdeck Pickups mit Holzladungen, zerbeulte Kleinwagen mit Werkzeug im Kofferraum, ein Betonmischer. Manche Handwerker saßen unten neben ihren Maschinen und rauchten.
Auf dem Oberdeck eine Gruppe. Bierbüchsen auf dem Tisch, kleine Snacks, eine Unterhaltung auf Griechisch, die wir nicht verstehen. Feierabend.
Sie fahren nach Hause. Morgen kommen sie wieder. Sie werden weiter streichen, schleifen, hämmern. In ein paar Wochen ist dann alles fertig.
Stühle stehen dann draußen. Markisen sind gespannt. Speisekarten liegen aus. Wer dem Trubel der Insel entkommen will, kommt hierher. Es ist dann sicher schön hier. Etwas für “Kenner”.
Die Fähre legt ab und der Ort wird langsam kleiner hinter uns. Von hier, vom Wasser aus, sieht er fast schon fertig aus. Eine Bucht, eine Linie weißer Häuser, die Sonne, die langsam Richtung Horizont wandert und das Meer mit einem goldenen Schleier überzieht.
Fast wie auf der Postkarte.





bis morgen Abend
Heel mooi geschreven, er is hier op Kreta nog veel te beleven en te schrijven.