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Eine Woche Georgien
Die Landebahn in Kutaisi hat Risse im Asphalt. Daneben aufgewühlte Erde und ein paar Bagger, die aussehen, als hätte jemand sie vor Jahren hier abgestellt und dann einfach vergessen.
Das Terminal dagegen ist sehr modern. Ein Gebäude aus Glas und Stahl, mit geschwungenen Linien, die im Nachmittagslicht schimmern.
Entworfen wurde es von einem niederländischen Architekturbüro. Benannt ist es nach “David dem Erbauer”, einem König aus dem zwölften Jahrhundert. Und gebaut wurde es auf einem ehemaligen sowjetischen Militärflugfeld.
Drei Epochen in einem Gebäude. Drei Einflüsse, die unterschiedlicher nicht sein könnten.
Das ist Georgien. Genau das. Ein Land, in dem vieles, was nicht zusammengehört, zwanglos nebeneinander steht.
Dreitausend Jahre Siedlungsgeschichte, mittelalterliche Klöster, sowjetische Plattenbauten, türkische Basare, europäische Glasfassaden. Keine Epoche hat die vorherige abgelöst. Sie haben sich übereinander geschoben wie geologische Schichten, die alle gleichzeitig an die Oberfläche treten.
Ich bin allein hier. Ohne Anja, ohne die Kinder. Zeit für mich. Ich will nachdenken. Ich suche etwas, ein Projekt, eine Richtung, irgendetwas, das über die nächsten Jahre trägt.
Ich habe es noch nicht gefunden.
Der Flughafenbus bringt mich nach Kutaisi. Dreißig Minuten dauert die Fahrt. Ich bitte den Fahrer über eine Übersetzungsapp, mich in der Nähe meiner Unterkunft rauszulassen. Er spricht kein Englisch, nickt aber und hält irgendwann an.
Ich habe eine Unterkunft bei Olgo gebucht. Ihre Haustür ist mit Wellblech verkleidet und liegt direkt an der Rustaveli Avenue, der Hauptstraße in Kutaisi. Zweispurig, viel Verkehr.
Das Zimmer ist klein. Ein altes Doppelbett, ein alter Schreibtisch, ein Stuhl, alles zusammengesucht. Georgischer Standard, würde ich sagen.
Olgo spricht nur Georgisch und Russisch.
Sie führt mich in den Garten. Da steht ein alter Tisch, daneben ein zusammengezimmerter Stuhl. Wäscheleinen hängen zwischen den Bäumen, eine alte Waschmaschine lehnt an einem ruinösen Hintergebäude.
Olgo legt eine Tischdecke über den Tisch. Dann bringt sie Tee, eine kleine Zuckerdose, einen Teller mit Ostergebäck. Und sie fragt, wo ich herkomme.
Ihr Sohn will ab nächstem Jahr in Deutschland studieren. Er kann es kaum erwarten, von hier wegzukommen. Dort komme ich her, sage ich. Es sieht so aus, als suchen wir beide etwas.
Bis zum Zentrum sind es fünfzehn Minuten zu Fuß.
Unterwegs Gebäude in einem Zustand, für den es kein freundliches Wort gibt. Manche sind nur halb bewohnt, weil ein Teil des Daches fehlt. Die Strommasten stehen oft schief. Kabelknäuel gehen in alle Richtungen, manche hängen so tief, dass man sich beim Laufen ducken muss.
Dazwischen reihen sich moderne Geschäfte für Waschmaschinen, Apotheken und Beauty Salons. Kellertreppen führen in kleine Läden. Tierfutter, Obst, Baumaterialien, Kleidung. Alles nebeneinander.
An den Straßenecken stehen farbenfrohe Automaten. Man kann damit Rechnungen bezahlen, Handyguthaben aufladen, Behördensachen erledigen. Viele Automaten verkaufen sogar Kryptowährung.
Und überall Autos. Mercedes, BMW, Tesla, Jeep Wrangler. Verhältnismäßig mehr Luxusautos als in Deutschland. Sie parken auf den Gehwegen, so dass man auf die Straße ausweichen muss.
Hinter einem Ford F150 steht ein halb eingefallenes Haus. Daneben führt eine Kellertreppe nach unten. Dort gibt es eine kleine Näherei, in der zwei ältere Frauen an einer Nähmaschine arbeiten.
Am nächsten Tag ist Stadtfest. Gviriloba, der Tag der Kamille. Das Fest findet jedes Jahr am zweiten Mai statt.
Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts verkauften Kutaisier Schulmädchen Kamillenblüten, um Geld für Tuberkulose-Patienten zu sammeln. Daraus wurde eine Tradition, die bis heute hält.
Die Kinder tragen schwarz-weiße Uniformen. Die Mädchen haben Kränze aus Kamillenblüten auf dem Kopf, die Jungen Sträuße in der Hand.
Im Park finden Tanzaufführungen statt, eine Blaskapelle spielt. Überall stehen Staffeleien, an denen man spontan Bilder malen kann. An kleinen Ständen verkaufen Kinder selbst gebastelte Sachen.
In einem Park am Rioni singen andere Kinder Lieder, ihre Stimmen mischen sich mit dem Rauschen des Flusses.
Daneben gibt es eine Seilbahn, noch aus der Sowjetzeit. Zwei Gondeln, eine gelb, eine rot, mit aufgemalten Kamillenblumen. Die Fahrt kostet dreißig Cent. Ich bin allein in der Gondel. Die Kabine schaukelt leise, während sie über den Fluß gleitet.
Oben liegt ein ehemaliger Vergnügungspark. Alles ist außer Betrieb. Ein eingerostetes Riesenrad, ein paar Karussells, eine Nachbildung des Eiffelturms. Zwei alte Männer sitzen auf einer Bank und reden. Eine Frau kehrt die Wege. Aus den Lautsprechern spielt Musik.
Zwei Tage später mache ich mich auf zum Busbahnhof. Ich will nach Gori, das auf der Strecke nach Tbilisi liegt.
Die Marschrutka, mit der ich fahren will, ist das Rückgrat des öffentlichen Transports in Georgien. Das Wort kommt über das Russische vom deutschen “Marschroute”: alte weiße Kleinbusse mit fünfzehn Sitzen und ohne Fahrpläne. Die Fahrer warten, bis es voll wird. Dann geht es los.
Der Busbahnhof ist ein unübersichtliches Gebäude am Rand von Kutaisi. Überall stehen Sammeltaxis, an den Windschutzscheiben kleben Zielangaben. Aber nur auf Georgisch.
Die georgische Schrift, das Mkhedruli, ist eines der wenigen Alphabete weltweit, das nur für eine einzige Sprache existiert. 33 Buchstaben, keine Groß- und Kleinschreibung, fließende, runde Formen, die keinem anderen Schriftsystem ähneln. Für jemanden, der kein Georgisch kann, sind sie nicht einmal zu erraten.
Man steht vor den Schildern und sieht im Grunde nur farbige Linien. Wie eine Geheimschrift, die sich ein paar Kinder ausgedacht haben.
Ich frage ein paar Männer: “Gori?” Sie zeigen auf einen anderen Mann, der gerade telefoniert.
Er kann offensichtlich Englisch. Er bringt mich zu einem Fahrzeug, nimmt mir umgerechnet anderthalb Euro ab und sagt, ich solle schon mal einsteigen. In fünf Minuten gehe es los.
Nach zwanzig Minuten geht es dann wirklich los.
Die Fahrt nach Gori dauert etwa zwei Stunden.
Zuerst kommen die Vororte. Die Dörfer in Georgien ähneln sich. Eine Straße, rechts und links davon kleine Gräben für das Regenwasser. Brücken zu den Grundstücken. Metallzäune.
Über der Straße verlaufen gelbe Gasleitungen auf Masten, etwa drei Meter hoch, alle paar Meter eine Stütze. Manchmal tauchen die Rohre einfach aus der Erde auf, ein Verteiler, von dem dünnere Leitungen in verschiedene Häuser abzweigen.
Ein paar Kilometer fährt der Kleinbus Schlängellinie. Die Gullideckel stehen zehn Zentimeter aus der Straße hervor. Wahrscheinlich war hier eine weitere Schicht Bitumen geplant, die nie kam.
Hinter den Zäunen stehen die typischen georgischen Häuser, Colchic Oda, Erdgeschoss aus Stein, Obergeschoss aus Holz, mit breiten Veranden über zwei Seiten. Der Wohnbereich liegt erhöht, das Untergeschoss dient der Wirtschaft.
Am Straßenrand laufen Kühe. Wie in Indien, nur dass sie hier nicht als heilig gelten. Manchmal Schweine, Hühner. Ab und zu ein paar kleine Läden für den täglichen Bedarf. Und immer eine Tankstelle.
Im Marshrukta ist es stickig. Ich sitze an einem Platz, von dem aus ich nicht ans Fenster komme. Manche Fahrgäste hören Musik, manche telefonieren die ganze Fahrt über. Einige haben sich etwas zu Essen mitgebracht.
Neben mir sitzt eine blonde Frau, Mitte vierzig. Sie lebt in Kutaisi und will Verwandte in Tbilisi besuchen. Sie spricht Englisch und bietet mir Nüsse an.
Zum Glück frage ich sie, ob wir in Gori halten werden. Sie geht zum Fahrer vor. Er verneint. Irgendwie überzeugt sie ihn trotzdem, mich unterwegs rauszulassen.
Direkt an der Autobahn, kurz vor einer Brücke, ist es dann soweit. Ich solle ein paar Meter weiterlaufen, dann würde ich eine Treppe sehen.
Die Treppe gibt es wirklich. Alte Betonstufen, zum Teil kaputt. Ein Geländer, dick blau gestrichen, darunter kommt stellenweise etwas Gelb zum Vorschein.
Unten liegt eine Schnellstraße. Ein Verkehrsschild sagt: Gori, 6 km.
Ich gehe also in diese Richtung. Was soll ich machen.
Nach zwei Kilometern kommen die ersten Häuser, dann eine Bushaltestelle. Da ich mit meinem Gepäck nicht noch vier Kilometer laufen will, setze ich mich hin.
Nach einer Weile kommt tatsächlich ein Bus. Ich kann beim besten Willen nicht entziffern, wohin er fährt. Ich steige trotzdem ein. Der Fahrer spricht auch kein Englisch.
Das Bezahlen geht kontaktlos mit der Geldkarte. Dreißig Cent die Fahrt. Egal wohin.
Gori hat fünfzigtausend Einwohner. 1920 zerstörte ein Erdbeben fast die gesamte Stadt, sie wurde danach in sowjetischer Architektur wieder aufgebaut.
Fünfundzwanzig Kilometer nördlich liegt Südossetien. 2008 wurde Gori im russisch-georgischen Krieg bombardiert. Und Gori ist zudem der Geburtsort von Josef Stalin.
Ich steige an einem Platz aus, der wie eine Art Zentrum aussieht. Busse, Taxis, ein Kreisverkehr, viele Menschen.
Google Maps führt mich in den Stadtteil Kombinati. Eine ehemalige sowjetische Arbeitersiedlung auf der Westseite des Flusses. Reihen von zweistöckigen Häusern aus rosa Tuffstein stehen entlang der baumbestandenen Mshvidoba Avenue.
Die Siedlung wurde für die Arbeiter der großen Textilfabrik gebaut, das Kombinat, das Gori während der Sowjetzeit zu einem Industriestandort machte. Die Fabrik gibt es nicht mehr. Die Siedlung schon.
Meine Unterkunft ist das “Ke&Ra”, zwei Querstraßen von der Hauptallee entfernt. Der Besitzer hat seine Garage zu einem kleinen Restaurant ausgebaut. Überall Trödel, bunte Lampen, ein Kamin in der Mitte, Sitze aus alten Paletten. Es riecht nach Kaffee und feuchtem Holz.
Er stellt sich als “Giorgi” vor. Der dritte Giorgi, den ich in Georgien kennenlerne. Giorgi ist der häufigste männliche Vorname im Land. Der heilige Georg ist Schutzpatron Georgiens. Die Georgier selbst nennen ihr Land Sakartvelo.
Giorgi macht mir einen Kaffee und ein Käsebrot. Wir schwatzen. Er sagt, er sei hier geboren, seine Familie wohne hier seit 1946. Seit die Sowjets das Kombinat aufbauten. Drei Generationen in einer Arbeitersiedlung, deren Fabrik nicht mehr existiert.
Das Grundstück ist chaotisch. Viel Grün wuchert über die unverputzte Mauer aus Betonsteinen. Ein paar Graffitibilder prangen an der Hauswand, mit einem Instagram-Handle darunter.
Am nächsten Morgen gehe ich zum Stalin-Museum. Ein großes Gebäude hinter dem Geburtshaus, das unter einem Marmorpavillon steht wie ein Heiligtum. Davor ein gepflegter Park, dessen Stille seltsam feierlich wirkt.
Im Museum hängen Fotos, Gemälde und Büsten, dazwischen stehen Schautafeln. Alles ist pompös inszeniert. Kein Wort über die Gulags. Kein Hinweis auf die Millionen Toten, die Deportationen, den Terror. Man hat hier einen Schrein gebaut. Wie für einen Helden.
Draußen vor dem Museum liegt ein Spar-Supermarkt, daneben ein schickes Boutique-Hotel für westliche Touristen, ein Café mit englischer Speisekarte und Flat White auf der Karte. Junge Leute in Sneakers und Airpods. Mercedes und Toyota auf dem Parkplatz.
Europa, oder jedenfalls der Versuch davon. Und fünfzig Meter weiter, hinter dem schmiedeeisernen Tor, der unkommentierte Personenkult um einen Massenmörder.
Giorgi sagt, die Stadt sei gespalten. Viele Georgier bewerten die sowjetische Besetzung als das, was sie war: eine Fremdherrschaft, die Georgien seine Souveränität kostete. Sie wollen in die Europäische Union, nach Westen, weg von Russland.
Andere, vor allem Ältere, erinnern sich an Stabilität, Arbeit, Ordnung. Für sie ist Stalin kein Verbrecher, sondern ein georgischer Junge, der es zum mächtigsten Mann der Welt gebracht hat.
Beides existiert in derselben Stadt, auf derselben Straße.
Wieder ein Busbahnhof am Rand der Stadt. Wieder Chaos, wieder Fragen, wieder Zeigen. Dann sitze ich in der nächsten Marschrutka und es geht los.
Nach der Hälfte der Fahrt erreichen wir die Außenbezirke von Tbilisi. Der Verkehr wird dichter. Plattenbausiedlungen ziehen vorbei, dann Autohäuser, Tankstellen, eine große Reiterbüste am Straßenrand. Und Schlaglöcher, so viele, dass der Fahrer Slalom fährt.
Ziel ist die Didube Station, der Busbahnhof. Auch hier warten Kleinbusse, die überall hin fahren. Fahrer rufen das Fahrziel und warten auf Fahrgäste. Dasselbe System wie in Kutaisi, dasselbe wie in Gori. Kein Fahrplan, kein Schalter, nur Stimmen und Zeigefinger.
Der Weg zur Metrostation führt durch dichtes Verkehrschaos, vorbei an Straßenhändlern und kleinen Läden. Gemüse, Kleidung, Mobilfunkzubehör, Gartengeräte. Sandspielzeug für Kinder, obwohl das Schwarze Meer von hier sehr weit weg ist.
Ab und zu gibt es ein kleines Café oder ein Grill, an dem Fleischspieße brutzeln und den Rauch über den Gehweg treiben.
Viele Treppen führen hoch zur Station. An den Gleisen regeln elektronische Schranken den Zugang.
Daneben stehen Fahrkartenautomaten. Große, orangefarbene Geräte, auf denen man neben Georgisch, Russisch und Türkisch auch Englisch auswählen kann.
Man kann an diesen Automaten offensichtlich alles machen. Bußgelder zahlen, Geld abheben, Kryptowährung kaufen, Behördengänge abwickeln.
Ich fummle mich durch das Menü und werde aufgefordert, meine Karte an den Empfänger zu halten. Jedes Mal dasselbe Ergebnis: This option is technically not available.
Ich versuche es noch einmal. Und noch einmal. Hinter mir warten schon andere Fahrgäste.
Ein paar Meter weiter befindet sich ein Schalter, der aussieht wie eine Wechselstube. Aktuelle Kurse leuchten in grüner Schrift darüber. Ich frage einfach. “Metro?” “Fare?”
Die Frau hält mir eine Karte entgegen und fragt, wie viele Fahrten ich brauche. “Fünf.” Ich muss bar bezahlen. Damit komme ich endlich auf den Bahnsteig.
Ich sitze in der Metro und fahre zu meiner Unterkunft. Draußen wird es dunkel. Ich bin seit einer Woche in diesem Land. Kutaisi, Gori, jetzt Tbilisi.
Ich habe versucht, mir ein Bild zu machen. “Georgien ist ...” Und jeder Satz, den ich anfange, stimmt nicht. Zu arm, zu reich, zu modern, zu kaputt, zu freundlich, zu chaotisch, zu rau.
Nichts davon trifft es. Alles davon trifft es.
Ich bin hier, um nachzudenken. Um ein Projekt zu finden, eine Richtung, etwas, das über die nächsten Jahre trägt. Ich habe es noch nicht gefunden.
Ich hatte gehofft, dass die Stille helfen würde. Die Distanz. Die Zeit für mich allein. Aber es fügt sich nicht. Ich habe viele Ideen und keine passt.
Vielleicht ist es mit mir wie mit diesem Land. Zu viele Schichten, die sich überlagern.
In Didube stand ich vor einem Automaten, der alles konnte. Bußgelder, Krypto, Behördengänge. Nur einen Fahrschein für die Metro habe ich dort nicht bekommen. Ich hätte noch eine Stunde Menüs durchprobieren können.
Stattdessen bin ich drei Meter weitergelaufen und habe eine Frau gefragt. Bar bezahlt. Fertig.
Georgien stellt sich die Frage nicht, die ich mir stelle. Die Näherin im Keller näht. Der Porsche fährt. Die Musik im verlassenen Vergnügungspark spielt. Giorgi baut seine Garage weiter zu einem Restaurant um. Olgo legt wieder eine Tischdecke über einen alten Tisch.
Niemand wartet darauf, dass sich das zu einer Geschichte fügt.
Bald steige ich in die nächste Marschrutka. Ich weiß im Moment noch nicht, wohin. Vielleicht wird es Jerewan.










"Eine Woche Georgien" ist definitiv ein Monat oder sogar ein Jahr zu wenig.