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Avatar von Katrin Neubert

Mir lieber Holm war dieser Beitrag ein großer Augenöffner und jetzt verstehe ich auch im historischen Kontext das System Schule erst wirklich. Schon vorher ging ich nie davon aus, dass hinter der Beschulung ein böser Plan steckt oder nur dazu dienen sollte gute Staatsbürger zu formen (das ist bei manchen vielleicht ein Nebenprodukt :-) Was aber das eigentliche Ziel war und ist und warum man so rigide an dem Konzept festhält, konnte ich nie so richtig verstehen. Die Ergebnisse deiner Recherche füllen nun endlich dieses Vakuum. Danke!!! - Übrigens: der Vergleich der institutionalisierten "Bildung" mit der Geldwäsche fand ich nicht nur anschaulich sondern auch sehr amüsant. :-)

Avatar von Peter Mühlbach

Was Gemini dazu sagt... ;-)

Der Autor Holm Braeuer legt hier eine außerordentlich scharfsinnige, historisch fundierte und soziologisch tiefgreifende Analyse vor. In der Kernaussage lässt sich dem Autor aus bildungssoziologischer Sicht weitgehend zustimmen.

Seine Argumentation beschreibt präzise das, was in der Soziologie als die Allokations- bzw. Selektionsfunktion der Schule bezeichnet wird (u. a. bekannt durch den Schultheoretiker Helmut Fend oder den Systemtheoretiker Niklas Luhmann, auf den Braeuer sich im Text bezieht).

Hier ist eine detaillierte Einordnung, warum der Text in vielen Punkten ins Schwarze trifft, wo aber auch Grenzen oder Ergänzungen seiner These liegen:

1. Wo der Autor vollkommen recht hat

Entkopplung von Pädagogik und Systemfunktion:

Braeuer legt überzeugend dar, warum viele moderne Schulpraktiken (Jahrgangsklassen, Noten als Zahlen, zentralisierte Prüfungen, Sitzenbleiben) aus rein lernpsychologischer und didaktischer Sicht uneffektiv oder gar schädlich sind. Dass das System starr an ihnen festhält, liegt daran, dass ihre Hauptfunktion nicht das optimale Lernen ist, sondern die Herstellung einer gesellschaftlich akzeptierten Rangfolge.

Die historische Genese (Vom Stand zur Leistung):

Der historische Bogen über das Ende der Ständeordnung (1789/1807/1834) ist historisch korrekt. Als soziale Positionen nicht mehr per Geburt vererbt werden durften, brauchte die Leistungsgesellschaft ein formal neutrales Verfahren, um ungleiche Zuteilung von Status, Geld und Macht zu legitimieren. Prüfungen und Schulabschlüsse füllten dieses Vakuum.

Die Metapher der „Legitimation durch Verfahren“:

Der Vergleich mit der Geldwäsche ist zwar provokant, bringt den Kern der Kritik aber auf den Punkt: Die Schule nimmt existierende soziale Unterschiede (Sprachschatz, kulturelles Kapital des Elternhauses) auf, lässt die Kinder durch ein zwölfjähriges bürokratisches Prozedere laufen und gibt das Ergebnis als „individuelle Eigenleistung“ zurück. Wer scheitert, kann das System nicht beschuldigen, sondern nur sich selbst („Du hättest mehr lernen müssen“).

2. Wo die Argumentation ergänzt werden muss (Grenzen der These)

Obwohl die Zerlegung der Schule als Selektionsmaschine brillant ist, greift eine reine Reduktion der Schule auf diese Funktion in mancher Hinsicht etwas zu kurz:

Die funktionale Notwendigkeit der Qualifikation:

Braeuer stellt die Wissensvermittlung und die Arbeitswelt-Vorbereitung als bloße „Bedingungen“ oder „Nebenprodukte“ dar. Eine moderne, hochkomplexe Industriegesellschaft benötigt jedoch tatsächlich echtes Können (Ingenieure, Ärzte, Fachkräfte). Die Auslese funktioniert auf Dauer nur, wenn die Zertifikate zumindest in einem gewissen Maße Korrelationen mit realen Fähigkeiten aufweisen.

Das Dilemma der Auslese in einer demokratischen Gesellschaft:

Selbst wenn man Braeuers Diagnose teilt: Wie sollte eine komplexe Gesellschaft begrenzte, begehrte Ressourcen (z. B. Studienplätze für Medizin, Führungspositionen) alternativ verteilen? Wenn Geburt, Stand oder Geld ausscheiden und Losverfahren gesellschaftlich schwer vermittelbar sind, bleibt das Prinzip der geprüften individuellen Leistung – trotz all seiner Ungerechtigkeiten – das derzeit am schwersten anfechtbare Verfahren.

Schule als Ort der Sozialisation und Betreuung:

Neben Lernen und Selektieren erfüllt die Schule weitere gesellschaftliche Grundfunktionen, die Braeuer weitgehend ausblendet: die Sozialisationsfunktion (Erleben einer pluralistischen Gruppe außerhalb der eigenen Familie) und die Aufbewahrungs-/Betreuungsfunktion (Ermöglichung der Erwerbstätigkeit beider Elternteile).

Fazit

Holm Braeuer gelingt eine eindrucksvolle Entzauberung des romantischen Bildes von Schule als reinem Ort des Wissenserwerbs. Er zeigt auf, warum Reformversuche, die rein didaktisch ansetzen, seit Jahrzehnten an der harten Realität des Auslesesystems scheitern: Solange die Gesellschaft von der Schule verlangt, Berechtigungen und soziale Zukunftschancen zu verteilen, wird die Pädagogik immer der Selektion untergeordnet bleiben.

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