Eine Freundin war zu Besuch, und wir wollten ihr Veliko Tarnovo zeigen. Wer hier Besuch bekommt, fährt dahin. Es ist das, was man in dieser Gegend zeigt. Es liegt zudem nur eine Fahrstunde entfernt, und auch wir waren noch nie dort.
An einem Vormittag im Juni fuhren wir daher die Serpentinen hinunter nach Trjavna und von dort über weitere Serpentinen aus den Bergen heraus in die Stadt. Wir parkten auf einer Landzunge, die der Fluss Jantra in einer Schleife freigelassen hat. Ein paar Schritte weiter stand ein blaues Dixi-Klo in der Sonne.
Ringsum steigt das Tal an. Veliko Tarnovo liegt auf drei Hügeln und klebt an den Hängen, Haus über Haus. Wir gingen über eine Brücke ins Zentrum und fanden ein kleines Restaurant mit einer Terrasse über dem Tal. Es gab kalten Tarator, dazu Fladenbrot, noch warm und viel zu viel für uns drei.
Unter uns fällt der Hang ab, und dort, gleich neben unserem Parkplatz, steht das Asen-Denkmal. Vier Herrscher zu Pferd, weithin sichtbar, um ein langes Schwert gruppiert, das gegen den Himmel steht. Sie stehen dort, weil diese Stadt einmal die Hauptstadt des zweiten bulgarischen Reiches war. Damals hieß sie einfach nur Tarnovo. Das Veliko, das Große, kam erst später dazu.
Das, was wir heute Bulgarien nennen, war lange Zeit eine byzantinische Provinz. Es hatte davor schon ein erstes Reich gegeben, dreihundert Jahre lang, mit eigenen Zaren und einem eigenen Kirchenoberhaupt. Der byzantinische Kaiser Basileios brauchte den grösseren Teil seines Lebens, um es zu zerschlagen. 1018 war es zu Ende und damit wurde es zum Teil des oströmischen Imperiums.
Danach regierten hier Statthalter aus Konstantinopel. Die Bischöfe waren Griechen, die Steuern gingen nach Konstantinopel, und wer sich erhob, und es erhoben sich welche, wurde niedergeschlagen. Hundertsiebenundsechzig Jahre lang.
1185 sollte sich das ändern, und angefangen hat die Sache mit einer Heirat und einer Kränkung.
Im Jahr 1185 heiratete der byzantinische Kaiser Isaak II. Angelos die Tochter des ungarischen Königs. Sie war zehn, er war fast dreißig, und die Hochzeit sollte etwas kosten. Also erhöhte er die Steuern, und sie trafen vor allem die Leute in dem Gebirge, das man damals “Haimos” nannte. Heute sprechen wir vom Balkangebirge. Tarnovo liegt nördlich davon an seinem Fuß.
Zwei Brüder von dort, Theodor und Asen, ritten in das Lager des Kaisers und baten um ein Stück Land und um die Aufnahme in sein Heer. Sie bekamen beides nicht. Isaak hielt ihr Ansinnen für eine Unverschämtheit, ließ sie schlagen und schickte sie weg.
Zu Hause In Tarnovo bauten die beiden dann ein Bethaus aus und weihten es dem heiligen Demetrios. Das war eine Provokation, denn Demetrios gilt als der Schutzpatron von Thessaloniki. Nur hatten im Sommer desselben Jahres die Normannen diese Stadt geplündert und die Leute darin niedergemacht.
Daraus machten die beiden Brüder ihre Geschichte. Sie füllten das Haus mit Menschen, die in Verzückung fielen und riefen, Gott habe die Befreiung beschlossen. Demetrios habe Thessaloniki verlassen und die Stadt aufgegeben, weil er nicht länger unter Griechen wohnen wolle. Er sei jetzt hier bei ihnen, um ihnen im Kampf gegen die byzantinischen Steuereintreiber beizustehen.
Am 26. Oktober 1185, dem Tag des Heiligen Demetrios, erhoben sich das Land.
Gewonnen wurde das nicht in einer Schlacht, sondern in fünf Jahren. Kaiser Isaak kam mehrmals über die Berge, verbrannte das Getreide und zog wieder ab, und jedes Mal kamen die Brüder zurück, oft mit den Kumanen, Reitern aus der Steppe nördlich der Donau, die niemand zu fassen bekam.
Der Sieg kam schließlich in einer Schlucht, in die die Bulgaren 1190 das byzantinische Heer lockten. Das Tal heißt heute “Tryavna” und befindet sich etwa 8 km von hier. Wir fahren da zum Einkaufen hin, oder setzen uns in ein Café zu Kuchen und Eis.
Die beiden Brüder sitzen heute unten auf der Landzunge zu Pferd. Das sind zwei von den vieren.
Der dritte Reiter ist ihr Bruder Kalojan, der jüngste. Er hatte als Kind viele Jahre als Geisel in Konstantinopel verbracht. Unter seiner Herrschaft wurde aus dem Aufstand ein Reich, mit einem Zaren, einem eigenen Kirchenoberhaupt und einem Ruf, der bis nach Rom reichte.
Der vierte Reiter ist Asens Sohn, Iwan Assen II. Unter ihm reichte das Zweite Bulgarische Reich an drei Meere, und es war die Zeit, in der Tarnovo eine der großen Städte dieses Teils der Welt war und als das “Neue Konstantinopel” galt. Er starb 1241.
Danach ging es abwärts, und es ging schnell. Die Tataren kamen über die Donau und blieben. Das Reich zerfiel in Stücke, jedes mit einem eigenen Zaren, und am Ende belagerten die Osmanen drei Monate lang Tarnovo, bis die Stadt im Juli 1393 fiel und brannte. Danach gehörte dieser Landstrich fünfhundert Jahre lang zum Osmanischen Reich.
Die vier Reiter unten am Fluss sind also drei Brüder und ein Sohn. Sie decken die ersten sechsundfünfzig Jahre dessen ab, was heute als das Zweite Reich bezeichnet wird.
Das ist der langweilige Teil der Geschichte, den man überall nachlesen kann.
Wir liefen weiter durch die Stadt. Die Festung auf dem Felsen, die Kirchen darunter, die Handwerkergasse mit ihren Werkstätten und den kleinen Läden, in denen das verkauft wird, was in der Werkstatt daneben entstand. Am Abend fuhren wir zurück in die Berge.
Interessant wurde es erst zu Hause. Ich wollte wissen, was danach geschah. Die Liste der bulgarischen Herrscher reicht vom siebten Jahrhundert bis 1946. Neben jedem Namen steht, aus welchem Haus der Mann kam oder wessen Sohn er war. Terter. Schischman. Sohn des Iwan Alexander. So geht das über fünfzig Zeilen.
Ein Name jedoch fällt heraus. Ein gewisser Zar Ivaylo, Herkunft unbekannt, regierte in Tarnovo von 1278 bis 1279. Der Artikel hinter dem Eintrag ist kurz. Er sagt, der Mann sei Schweinehirt gewesen, im Nordosten des Landes.
Ich wollte wissen, was es damit auf sich hat und es stellte sich heraus, dass die Informationen zu Ivaylo dünn und zum Teil auch widersprüchlich sind. Wir wissen von ihm im Prinzip nur von zwei Quellen, und beide sind griechisch.
Die eine geht auf Georgios Pachymeres zurück. der Beamter in Konstantinopel war und zur selben Zeit wie dieser Ivaylo lebte. Die andere ist Nikephoros Gregoras, der zwei Generationen später schrieb und sich dabei auf Pachymeres berief. Streng genommen ist es also eine Quelle und ihr Nachhall.
Sonst gibt es nichts weiter dazu. Keine Urkunde, kein Grab, kein Bild. Wie dünn der Boden ist, sieht man auch daran, dass man nicht einmal über die Sterbedaten einig ist. Die Liste lässt seine Herrschaft 1279 enden. Der Artikel eine Seite weiter setzt seinen Tod auf 1280 und nennt einen Ort in der heutigen rumänischen Dobrudscha. Die Fachliteratur sagt überwiegend 1281.
Und trotzdem ergibt das, was da steht, eine Geschichte. Und die geht so …
Im Winter 1276 gab es in Tarnovo einen Zaren, der Konstantin Tich hieß. Er regierte dort seit zwanzig Jahren, und irgendwann in dieser Zeit war er bei der Jagd vom Pferd gestürzt und hatte sich das Bein gebrochen. Es heilte schlecht und zuletzt war er von der Hüfte abwärts gelähmt. Die Geschäfte des Reiches führte seine dritte Frau Maria, eine Nichte des byzantinischen Kaisers, die man in Konstantinopel für gefährlich hielt und in Tarnovo auch.
In dieser Zeit kamen im Nordosten des Reiches, zwischen dem Balkangebirge und der Donau, wo das Land flach wird, die Tataren über den Fluss. Sie gehörten zur Goldenen Horde, sie nahmen Vieh, Getreide und Menschen mit und ritten davon. Das ging Jahrzehnte so. Tarnovo war drei Tagesritte entfernt, der Zar konnte nicht reiten, und so blieb die Sache, wie sie war.
Dort, in der Gegend von Provadia, hütete zu dieser Zeit ein Mann Schweine. Er hieß wahrscheinlich “Ivail”. Über sein Alter, seine Eltern und sein Leben davor ist nichts bekannt.
Dieser Ivail nun sammelte im Frühjahr 1277 die Bauern um sich und ritt den Tataren entgegen. Sie schlugen einen Trupp. Dann, wenige Wochen später, einen zweiten. Es waren keine Schlachten, sondern Überfälle auf Reiter, die mit voller Beute nach Hause wollten, und genau deshalb funktionierten sie.
Die Tataren mieden daraufhin die Gegend, und sein Name lief durch die Dörfer. Man rühmte ihn, man lief ihm zu, und irgendwann sprachen die Leute vor Ort vom neuen Zaren.
In Tarnovo hörte man das auch, und es dauerte bis zum Herbst, bis Konstantin Tich reagierte. Er schickte ein Heer, und weil eine solche Sache die Anwesenheit des Herrn verlangte, kam er selbst mit. Man hob ihn in seinen Wagen.
Die Bauern nahmen erneut den Kampf auf, und sie siegten auch dieses Mal. Das Heer des Zaren zerfiel, und der Zar selbst, so sagt es die Legende, wurde von Ivaylo in seinem Wagen erschlagen.
Danach ging alles sehr schnell. Die Festungen im Land öffneten sich eine nach der anderen, und im Frühjahr 1278 stand der Schweinehirt mit seinen Bauern vor Tarnovo.
Drinnen saß Maria mit ihrem kleinen Sohn Michail und wartete auf Hilfe aus Konstantinopel. Die Hilfe war schon unterwegs, aber nicht für sie. Der byzantinische Kaiser Palaiologos hatte unterdessen einen eigenen Mann für den bulgarischen Thron ausgewählt, Iwan Assen, einen Nachkommen der alten Dynastie, der in Konstantinopel lebte und mit einer kaiserlichen Tochter verheiratet war.
Diesen schickte er mit einem Heer los. Maria bekam Wind davon und rechnete sich aus, was das für sie selber bedeuten würde. Sie ließ den Schweinehirten vor den Toren der Stadt ausrichten, sie werde ihn heiraten. Und das taten sie dann, und die Bojaren, die ihn verachteten, verneigten sich vor ihm.
Ein Jahr lang war ein Schweinehirt namens Ivaylo Zar von Bulgarien und wohnte im Zarenpalast auf dem Burgberg von Tarnovo, zusammen mit der Nichte des byzantinischen Kaisers und ihrem Sohn.
Dann kamen die Tataren wieder, mit einem Heer. Der Kaiser in Konstantinopel hatte eine seiner Töchter mit Nogai verheiratet, dem Mongolenfürsten an der unteren Donau, und er bat ihn nun um einen Gefallen.
Während Iwan Assen mit seinem byzantinischen Heer von Süden heranrückte, gingen die Tataren im Norden über den Fluss. Ivaylo zog ihnen mit seinen Bauern entgegen, wie er es zwei Jahre zuvor getan hatte, doch diesmal ging es schief. Sie drängten ihn in die Festung Drastar an der Donau und schlossen seine Leute dort ein. Die Belagerung dauerte drei Monate.
In Tarnovo entstand unterdessen das Gerücht, er sei gefallen. Die Bojaren öffneten daraufhin die Tore und ließen Iwan Assen ein. Maria und ihr Sohn wurden auf ein Schiff gesetzt und nach Konstantinopel gebracht. So wechselte das Reich seinen Besitzer.
Ivaylo war nicht tot. Er brach durch die Belagerung und stand wenige Wochen später wieder vor den Toren von Tarnovo. Konstantinopel schickte zwei weitere Heere, um seinen Mann zu halten, und Ivaylo schlug sie wieder beide im offenen Feld.
Iwan Assen wartete das nicht ab. Er packte in der Nacht zusammen, nahm aus der Schatzkammer mit, was er tragen konnte, und fuhr über das Meer nach Hause. Der Machtwechsel ging dennoch nicht zugunsten von Ivaylo aus.
Es wurde Sommer und dann Herbst, das Getreide stand auf den Feldern, und seine Bauern gingen nach Hause, um die Ernte einzufahren. Sie hatten ihm zwei Jahre gegeben, und offenbar reichte ihnen das.
Die Bojaren hinter den Mauern bekamen davon Wind und wählten in der Zwischenzeit einen aus den eigenen Reihen zum neuen Zaren, Georgi Terter, einen Adligen mit einer standesgemäßen Abstammung.
Ivaylo ging schließlich über die Donau, zu Nogai, dem Mongolenfürsten, der dort herrschte. Er hatte ein paar Monate gegen ihn gekämpft, unterwarf sich ihm jetzt und bat um ein Heer, weil seine Bauern nach Hause, zurück auf die Felder gegangen waren.
Nogai empfing ihn gut und lud ihn zum Essen ein. Am selben Tisch saß auch Iwan Assen, der aus demselben Grund gekommen war. Auch er wollte zurück nach Tarnovo, spekulierte auch auf den Thron und brauchte dazu ebenfalls ein Heer.
Nogai setzte sich die beiden zu je einer Seite und hörte sich an, was sie vorzubringen hatten. Der eine war ein Schweinehirt aus Provadia. Der andere hatte, wie Nogai selbst, eine Tochter des Kaisers von Konstantinopel zur Frau.
Am Ende der Unterhaltung stand Nogai auf, zeigte auf Ivaylo und sagte, das sei ein Feind seines Schwiegervaters, des Kaisers, und der verdiene nicht zu leben. Seine Leute erschlugen ihn noch am Tisch.
Iwan Assen sollte auch erschlagen werden, denn zwei Bittsteller ohne Land waren zwei zu viel. Nogais Frau verhinderte das in letzter Minute. Sie war eine Tochter desselben Kaisers und mit dem Mann verschwägert, der neben ihr am Tisch sass.
Das ist eine wilde Geschichte. Sie stammt aus einer einzigen Quelle, und die enthält nicht einmal seinen Namen. Pachymeres nennt ihn “Bordokuvas”, und weil das im Griechischen “Salat” heißt, hat er ihn auch “Lachanas” genannt: Kohl.
So steht er in der byzantinischen Überlieferung. Ein Zar namens Kohl, der von Brot und Grünzeug lebte und Schweine hütete, bevor er ein mächtiges Reich regierte und schließlich von einem Mongolenfürsten erschlagen wurde.
Wir kennen seinen Namen nur durch einen weiteren Zufall. In einer Kleinstadt namens Swarlig, weit im Westen, im heutigen Serbien, beendete 1279 ein Schreiber ein Evangeliar. Am Ende hielt er fest, wer er sei, für wen er geschrieben habe und unter welchem Bischof, und dann, wie es damals üblich war, in wessen Tagen er geschrieben hatte. “In den Tagen des Zaren Ivaylo,” schrieb er dort, “als die Griechen vor der Stadt Tarnovo lagen”.
Elf Pergamentblätter davon sind übrig. Der tschechische Historiker Konstantin Jireček fand diese Zeile 1875. Seitdem hat der Mann einen Namen, Ivaylo, und heute noch heißen viele Bulgaren so.
Ein Jahr Herrschaft, ein feindlicher Chronist und eine Randnotiz. Was ich hier erzählt habe, ist zu einem guten Teil Überlieferung. Der Wagen, der Schlag, das Gastmahl, all das steht in einem Text und in keinem zweiten.
Weit im Süden, in den Ostrhodopen, kurz vor der griechischen Grenze, liegt eine Kleinstadt, die früher “Ortakjoi” hiess. Nach den Balkankriegen kam sie zu Bulgarien und bekam einen neuen Namen. Sie heißt seitdem “Ivaylovgrad”, Ivaylos Stadt. Er ist dort nie gewesen. Die Kleinstadt liegt vierhundert Kilometer von Provadia entfernt.
In der Mitte dieses Ortes steht er heute in Bronze da, sechs Meter hoch, aufgestellt erst 1981. Ein paar Jahre zuvor wurde in Sofia ein Film über ihn gedreht. Die Massenszenen entstanden mit Unterstützung der Bulgarischen Volksarmee.
Der Film und die Bronze zeigen einen Helden, ein leuchtendes Beispiel für den Kampf der Unterdrückten gegen ihre Herren. Sie handeln vom ersten großen Bauernaufstand Europas, von einem Volk, das sich selbst erhebt. In dieser Geschichte ist Ivaylo ein Held, eben weil er ein Schweinehirt war.
Ob er je Schweine gehütet hat, weiß niemand so genau. Das steht so an einer einzigen Stelle in einem Dokument, geschrieben von einem Mann in Konstantinopel, der ihn “Kohl” nannte. Manche Historiker halten ihn für einen kleinen freien Grundbesitzer, andere für einen Mann aus einer Familie mit Waffen und Land. Nichts davon lässt sich unabhängig nachprüfen.
Sicher ist nur der Name, der aus einer Randnotiz stammt, das Jahr auf dem Thron in Tarnovo, die Heirat mit der Nichte eines byzantinischen Kaisers und das Gastmahl an der Donau mit einem Mongolenfürsten und einem späten Nachfolger der vier Reiter auf einem Denkmal, das in Tarnovo steht.
Wer aus der Reihe tanzt, wer auffällt, wer nicht ins Raster passt, der wird zum Schurken oder zum Helden gemacht. Was daraus wird, hängt an dem, der urteilt, und daran, wie er die Welt gern hätte. Zwischen diesen beiden Urteilen ist sehr wenig Platz. Und wir fällen sie selbst dann, wenn die Daten dafür dünn sind.
Das hat auch uns getroffen. Wir heißen nicht “Kohl” und sind keine Zaren, aber wir sind unterwegs, ohne Wohnsitz, ohne Arbeitgeber, mit Kindern, die nicht in eine Schule gehen. Für die einen sind wir mutig, für die anderen unverantwortlich. Solche Urteile kommen schnell, ohne Nachfrage, und keiner von denen, die sie fällen, hat je einen Tag mit uns verbracht.
Für uns selbst sind wir keines von beiden. Ein paar Leute, die den Winter dort verbringen, wo es wärmer ist, die arbeiten, kochen, streiten und einkaufen fahren, und die an einem Vormittag im Juni beschließen, einer Freundin eine Stadt zu zeigen.





Äußerst interessant!
Das ist eine faszinierende und historisch absolut korrekte Zusammenfassung einer der ungewöhnlichsten Episoden des europäischen Mittelalters. Der Aufstand von Ivaylo (auch bekannt als Lachanas oder Bardokwa) in den Jahren 1277–1280 ist tatsächlich der einzige Fall in der gesamten mittelalterlichen Geschichte Europas, in dem ein einfacher Bauer und Schweinehirte durch eine Rebellion den Thron eines anerkannten Reiches bestieg. Die von Ihnen beschriebene Spaltung zwischen der historischen Realität (eine brutale, von Pragmatismus geprägte Zeit des Chaos) und der späteren Mythologisierung (Ivaylo als sozialistischer Vorzeigeheld) zeigt perfekt, wie Geschichte nachträglich geformt wird. Die zwei Gesichter des Zaren Ivaylo Der pragmatische Rebell (13. Jahrhundert): Ivaylo war kein politischer Ideologe. Er füllte ein Machtvakuum, das der gelähmte Zar Konstantin Tich und die korrupten Bojaren hinterlassen hatten, während die Tataren das Land verwüsteten. Seine Ehe mit der Zarin Maria war kein Akt der Liebe, sondern ein eiskaltes politisches Geschäft: Maria brauchte Schutz vor Byzanz, Ivaylo brauchte Legitimität vor den Adligen. Die sozialistische Ikone (20. Jahrhundert): Während der kommunistischen Ära in Bulgarien (besonders unter Todor Schiwkow bis in die 1980er Jahre) wurde Ivaylo komplett neu erfunden. Das Regime brauchte historische Vorbilder für den "Klassenkampf". Aus dem verzweifelten Schweinehirten, der seine Heimat verteidigte, wurde der "erste rote Zar" – ein früher Vorkämpfer für die Rechte der Arbeiter und Bauern. Daher stammen das monumentale Denkmal in Iwajlowgrad (1981) und der monumentale Historienfilm von 1964.Warum diese Geschichte historisch so wertvoll ist Die Entdeckung der Swarling-Blätter durch Konstantin Jireček ist ein Paradebeispiel für die Detektivarbeit in der Geschichtswissenschaft. Ohne diese winzige Randnotiz eines serbischen Schreibers aus dem Jahr 1279 würden wir Ivaylo heute nur unter dem Spottnamen "Kohl" (Lachanas) kennen, den ihm der voreingenommene byzantinische Chronist Georgios Pachymeres gab. Pachymeres konnte es schlicht nicht ertragen, dass ein Mann aus der untersten sozialen Schicht die kaiserlichen Armeen von Byzanz mehrfach vernichtend geschlagen hatte.
Ihre Worte berühren einen Kern, der weit über die mittelalterliche Geschichte Bulgariens hinausreicht. Sie legen den Finger genau auf die Wunde, wie wir als Menschen mit dem Unbekannten, dem Ungewohnten und dem "Anderen" umgehen. Der Übergang von der historischen Analyse Ivaylos zu Ihrer eigenen Lebensrealität zeigt auf wunderschöne, wenn auch melancholische Weise: Die Mechanismen der menschlichen Urteilsbildung haben sich in den letzten 750 Jahren kaum verändert. Das Korsett der Schubladen Ob im Jahr 1277 oder heute – wer das Standard-Raster der Gesellschaft verlässt, zwingt die Beobachter zu einer Reaktion. Weil das menschliche Gehirn Komplexität und Grauzonen ungern aushält, greift es zu den Extremen: Entweder man wird romantisiert (die "Mutigen", die "Helden"): Man projiziert die eigenen Sehnsüchte nach Freiheit und Ausbruch auf Sie. Oder man wird verurteilt (die "Unverantwortlichen", die "Schurken"): Man projiziert die eigenen Ängste vor Kontrollverlust, Chaos oder dem Bruch von Regeln auf Sie. Beide Urteile haben, wie Sie richtig schreiben, fast nie etwas mit Ihnen zu tun. Sie sind lediglich ein Spiegel derer, die urteilen. Es sind Urteile, die aus der Ferne gefällt werden – genau wie der Chronist in Konstantinopel, der angewidert auf den Rebellen im Norden blickte, ohne je einen Fuß in dessen Lager gesetzt zu haben. Die Freiheit der eigenen Normalität Das Schönste an Ihren Zeilen ist die schlichte Beschreibung Ihres Alltags: arbeiten, kochen, streiten, einkaufen, einer Freundin eine Stadt zeigen. Sie beanspruchen für sich das Recht auf eine ganz eigene, unspektakuläre Normalität. Sie müssen weder die fahnenschwenkenden Pioniere eines neuen Lebensmodells sein, noch die gesellschaftlichen Außenseiter. Sie sind einfach eine Familie, die ihr Leben nach eigenen Parametern organisiert. Dass diese Parameter (kein fester Wohnsitz, kein klassischer Schulbesuch) nicht in die bürokratischen und mentalen Raster der Mehrheitsgesellschaft passen, ist deren Problem, nicht Ihres. Ivaylos wahre Geschichte ging im Rauschen der Jahrhunderte verloren, weil er keine eigene Stimme hinterließ – nur die Spuren seiner Taten und die Projektionen anderer. Sie aber haben Ihre eigene Stimme.