Genehmigungspflichtig
König Wachtang, seine Leibeigenen und ich
Der Fluss vor mir hat wie fast alle Flüsse hier eine hellgraue Färbung. Das hat mit den Sedimenten zu tun, die der Kura aus dem Kaukasus bis hierher getragen hat.
Ich stehe neben der Metechi-Kirche und schaue über das Wasser hinweg auf die Altstadt von Tbilisi.
Am anderen Ufer drängen sich Häuser den Hang hinauf, schiefe Fassaden, Balkone aus dunklem Holz, die über die Gassen ragen. Manche sehen aus, als hätte jemand sie nachträglich ans Haus genagelt und dann vergessen.
Darüber die Festungsmauer von Narikala, davor Kirchenkuppeln, Flachdächer, Wäscheleinen zwischen den Fenstern. Geranien in Plastiktöpfen auf Fenstersimsen, die vielleicht seit zwanzig Jahren dort stehen.
Eine Stadt, die aussieht, als hätte sie sich selbst gebaut. Schicht um Schicht, ohne Plan, über Jahrhunderte.
Aber das stimmt nicht. Und der Mann neben mir weiß das.
König Wachtang Gorgassali heißt er. Er sitzt auf seinem Pferd, in voller Rüstung, das Schwert an der Seite. Eine Hand ist erhoben und das Pferd wendet den Kopf zum Fluss.
Der König blickt über das Wasser auf die Stadt, die er gegründet hat. Ruhig. Nicht triumphierend. Eher wie jemand, der prüft, ob noch alles steht.
Die Geschichte, die man sich hier erzählt, geht so:
Im fünften Jahrhundert jagte König Wachtang in den Wäldern entlang der Kura. Sein Falke schlägt schließlich einen Fasan. Der Vogel stürzt nicht auf den Boden, sondern in eine Quelle, aus der Dampf steigt.
Als der König die Stelle erreicht, ist der Fasan tot. Gekocht vom Wasser, das aus der Erde kommt.
Wachtang lässt suchen. Das ganze Tal ist voller solcher Quellen. Heißes Wasser überall, der Geruch von Schwefel, Dampf zwischen den Bäumen.
Beeindruckt vom heißen Wasser befiehlt der König schließlich, genau an dieser Stelle eine Stadt zu bauen. Und er nennt sie nach dem, was er gefunden hat. “Tbilisi”, vom georgischen “tbili”, was “warm” bedeutet.
Wie muss das ausgesehen haben?
Ein König reitet durch ein Tal, findet heiße Quellen und sagt: “Hier wird eine Stadt gebaut!” Und dann reitet er weiter. Zurück nach Mzcheta, in seinen Palast, zu seinem nächsten Krieg.
Aber ein Satz baut keine Stadt.
Irgendjemand muss den Befehl weitergetragen haben. Ein Verwalter, ein Statthalter, jemand, der wusste, wie man aus einem königlichen Wunsch eine Sache macht.
Der entschied, woher die Steine kommen. Wie viele Männer gebraucht werden. Welche Dörfer sie stellen.
Jemand zählte Ochsen. Jemand trieb Bauern zusammen. Jemand bestimmte, wer seine Felder verlässt und wann.
Und dann kamen die anderen. Die, deren Namen niemand aufschreibt. Bauern, die Steine schleppten. Handwerker, die Mauern zogen. Leibeigene, die den Boden rodeten, in dem noch gestern Wachtangs Falke jagte.
Sie wurden nicht gefragt, ob sie eine Stadt wollen. Sie konnten nicht verhandeln, nicht ablehnen, nicht gehen. Sie waren da, weil sie da zu sein hatten.
Weil sie zum König gehörten wie das Pferd, auf dem er saß.
Es gab keinen Vertrag. Keine Gegenleistung. Kein Angebot, das man hätte ausschlagen können. Es gab einen Befehl und einen Apparat, der ihn durchsetzte. Und am Ende der Kette stand immer jemand mit einer Waffe.
So funktionierte die Welt vor fünfzehnhundert Jahren.
Ich stehe neben dem Denkmal eines Mannes, der über Menschen verfügen konnte, und denke darüber nach, was sich seitdem geändert hat.
Mir ging es einmal ähnlich wie den Bauern und Leibeigenen von König Wachtang. Das war 1988. Ich wurde eingezogen. Pflichtwehrdienst für die Nationale Volksarmee.
Zuerst die Musterung. Eine Art Fleischbeschau. Man stand in einer Reihe, in Unterhose, und wartete, bis jemand entschied, ob man tauglich war.
Nicht ob man wollte. Ob der Körper, der da vor dem Militärarzt stand, etwas taugte.
Die Kriterien dafür waren nicht eben hoch. Um “ausgemustert” zu werden - ein Wort, das die Situation sehr genau beschreibt -, musste man sich schon beide Arme abgesägt haben. Oder beide Beine. Am besten beides.
Dann ein Pritschenwagen. Dreißig junge Männer auf Holzbänken, die in eine Kaserne gefahren wurden.
Wir gaben unsere Kleidung ab, unsere Uhren, alles, was privat war. Dafür bekamen wir Uniformen und den Drillich, mit dem wir in den nächsten Monaten die Flure schrubben würden.
Ein Friseur schnitt uns die Haare kurz. Niemand fragte, wie kurz. Ab jetzt war man eine Nummer auf einer Liste, die gehorcht, wenn sie aufgerufen wird.
Nach drei Monaten Grundausbildung gab es den ersten Ausgang. Ein Samstagnachmittag, ein paar Stunden.
Wer sich gut geführt hatte, durfte gehen. Aber nur mit ausdrücklicher Erlaubnis. Wer die nicht hatte, blieb in der Kaserne und schaute zu, wie die anderen durch das Tor gingen.
Das war vor achtunddreissig Jahren. In einem Staat, den es nicht mehr gibt. Ich habe lange nicht mehr daran gedacht.
Das letzte Mal im April diesen Jahre. Ich las eine Meldung, dass in Deutschland ein Gesetz in Kraft getreten sei, das männliche Personen ab dem siebzehnten Lebensjahr verpflichtet, eine Genehmigung beim zuständigen Karrierecenter der Bundeswehr einzuholen, wenn sie das Land länger als drei Monate verlassen wollen.
Keine Meldung. Eine Genehmigung. Der Unterschied ist nicht sprachlich. Er ist strukturell. Eine Meldung informiert. Eine Genehmigung bedeutet, dass jemand anderes entscheidet, ob du gehen darfst oder nicht.
Das Gesetz hat einen unscheinbaren Namen: “Wehrdienst-Modernisierungsgesetz”. Der Bundestag hat es Ende 2025 beschlossen. Seit dem ersten Januar 2026 ist es in Kraft.
Es führt eine verpflichtende Musterung für alle Männer ab achtzehn ein, reaktiviert Teile des alten Wehrpflichtgesetzes und öffnet die Tür zu einer sogenannten Bedarfswehrpflicht, falls sich nicht genug Freiwillige melden.
Die Genehmigungspflicht für Auslandsaufenthalte steht in Paragraph 3 des Wehrpflichtgesetzes. Sie betrifft alle männlichen Personen ab siebzehn. Nicht Soldaten. Nicht Reservisten. Alle Männer.
Wer Deutschland in Zukunft länger als drei Monate verlassen will, braucht die Erlaubnis des Karrierecenters der Bundeswehr.
Drei ganze Monate lang hatte das niemand bemerkt. Kein öffentlich-rechtlicher Sender, kein Nachrichtenmagazin, kein Parlamentskorrespondent.
Ein Gesetz, das die Bewegungsfreiheit aller Männer im Land unter Genehmigungsvorbehalt stellt, trat am ersten Januar in Kraft. Und die Redaktionen, die wir mit über zehn Milliarden Euro im Jahr dafür finanzieren, dass sie solche Dinge bemerken, bemerkten nichts.
Schließlich las dann ein Journalist der Frankfurter Rundschau das Gesetz. Nicht auf einen Hinweis hin, nicht nach einem Leak. Er las einfach nur den Text. Was man eigentlich von jedem Parlamentskorrespondenten erwarten würde, der über ein Gesetz berichtet, das die Wehrpflicht reformiert.
Und dann gab es plötzlich Aufregung. Das Verteidigungsministerium veröffentlichte am 9. April eine Allgemeinverfügung, die alle Männer von der Genehmigungspflicht ausnimmt, solange der Wehrdienst freiwillig bleibt.
Das Gesetz blieb, wie es war. Man setzte es nur aus. Per Verfügung des Ministeriums. Nicht per Parlamentsbeschluss.
Die Regierung hätte das Gesetz ändern können. Sie hat die Mehrheit dafür. Stattdessen hat sie es per Verwaltungsakt außer Kraft gesetzt. Eine Verfügung, die jederzeit aufgehoben werden kann. Von einer Verwaltung, die keinen Bundestag dafür braucht.
Mich macht das wütend.
Nicht die Schlamperei. Nicht die Aufregung, die drei Tage dauert und dann vergessen wird.
Sondern die Selbstverständlichkeit, mit der ein Staat davon ausgeht, dass er über den Körper eines erwachsenen Mannes nach Bedarf verfügen kann. Ohne dessen Einwilligung. Ohne Vertrag. Ohne Gegenleistung, die man ablehnen könnte.
König Wachtang Gorgassali sitzt auf seinem Pferd neben mir und blickt über seine Stadt. Er hat sie nicht gebaut. Er hat befohlen, dass andere sie bauen. Er konnte das, weil diese anderen ihm gehörten.
Fünfzehnhundert Jahre später steht stehe ich nun mitten in Tbilisi, und ich stelle fest, dass sich an der Struktur weniger geändert hat, als man vielleicht vermuten würde.
Die Sprache ist eine andere. Die Formulare sind höflicher. Die Gewalt ist leiser geworden.
Aber die Frage, wem dein Leben wirklich gehört, ist nicht verschwunden.
Vielleicht ist Bürger nur ein höfliches Wort.




Absolute Zustimmung, lieber Holm ! Allerdings trüben solche Gedanken den Alltag, zumindest den Moment. Das Leben war schon immer ungerecht, seit Jahrtausenden, und wird dies auch weiter bleiben. Mich befallen solche Gedanken auch immer mal wieder (wurde 1986 mit 26 Jahren eingezogen) und dann versuche ich schnell, sie wieder zu verdrängen. Der Frohsinn des Lebens wird durch solche Gedanken erstickt. Sie helfen nicht weiter. Der Blick muss stets nach vorn gerichtet bleiben. Sich des Lebens in Dankbarkeit zu erfreuen, nur darauf kommt es an.
Ein Bürger muss also bürgen, bis hin zu seinem Leib, so er männlich ist. Ange-Höriger des Staates.