"Wie man jemandem beibringt, sich selbst etwas beizubringen, weiß ich noch nicht."
Das war sicher mehr als rhetorische Frage gemeint, da ich aber einige Erfahrung mit dem Thema Freilernen habe (unsere Tochter besuchte ab dem Halbjahr 6. Klasse Gymnasium keine Schule mehr), erlaube ich mir hier an der Stelle ein paar Gedanken dazu, denn ich habe mir selbst so einige darüber gemacht. Kurz vorweg: Unsere Tochter, inzwischen 21 Jahre, hat eine erfolgreich abgeschlossene Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement und befindet sich gerade im 2. Lehrjahr ihrer zweiten Berufsausbildung zur Tischlerin. In beiden Ausbildungen gehörte/gehört sie leistungsmäßig zur Spitze ihrer Klasse. Also man kann auch mit 5,5 Jahren regulärer Schulbildung zu einem sehr gutem Berufsabschluss kommen.
Nun aber zurück zu der Frage „Wie man jemandem beibringt, sich selbst etwas beizubringen.“ Diese Frage enthält schon die Antwort. Es geht nicht! Wenn man jemandem beibringt sich selbst etwas beizubringen, dann bringt ja wieder jemand ihm etwas bei und nicht er sich selbst. Man muss auch niemandem etwas beibringen und schon gar nicht sich selbst. Wenn meinen Verstand irgendetwas interessiert, kann ich gar nichts dagegen machen, als dass er sich irgendetwas davon merkt. Ich muss es ihm nicht bei-bringen, er nimmt es sich selbst.
Als unsere Tochter nicht mehr zur Schule ging, wurde ich zu ihrer Schülerin (unbewusst, das habe ich erst heute verstanden). Sie nahm mich mit in ihre Welt. Und ich fand das so interessant, dass ich Dinge lernte, an die ich nicht mal gedacht hatte, sie zu lernen. Ich war einfach offen und ließ mich von ihrer Begeisterung anstecken. Ein guter Lehrer sollte also immer ein noch besserer Schüler sein. Wenn wir von unseren Kindern in der Schule erwarten gute Noten in allen Fächern gleichermaßen zu erbringen egal ob sie sich nun dafür interessieren oder nicht, dann wäre es doch nur fair es mal umgekehrt zu versuchen: Die Kinder geben die Themen vor und wir hören ihnen zu, was sie uns dazu beizubringen haben, ob es nun unser Interesse trifft oder nicht. Mal schauen wie bereit wir dafür sind . . .
Und wie Du schon geschrieben hast Holm, die Welt verändert sich und hat sich schon extrem verändert seit es das Konzept von Schule gibt und trotzdem hält man daran fest weil solche alten verkrusteten Strukturen nur schwer aufzubrechen sind. Und da meine ich nicht nur Ämter, Behörden und Regierung. Es gibt so viele Eltern, die davon überzeugt sind, ohne Noten würden ihre Kinder nichts lernen. Und ich denke, selbst wenn die Schulanwesenheitspflicht morgen fallen würde, gingen übermorgen immer noch 98% der Kinder in die Schule – aus den verschiedensten (und guten Gründen) ihrer Eltern.
Aber mich interessiert nicht, was andere Eltern glauben, was gut ist für ihre Kinder. Das ist ganz alleine ihre Sache. Was mich als Mutter (uns Eltern) bewogen hat mit unserer Tochter diesen Weg zu gehen obwohl es keinerlei Konzepte dafür gab und gibt, war folgendes: Seit dem Eintritt in die Schule hatte sich unsere Mutter-Kind-Beziehung verschlechtert, da ich zu Hause den Hilfslehrer spielen musste (Hausaufgaben, Vorbereitungen auf Arbeiten etc. – ich hatte es zu kontrollieren, ob mir das nun gefiel oder nicht.) Später kam dazu, dass die Kinder alle Handys bekamen (unsere Tochter nicht) unsere Tochter hatte lediglich einen E-Mail-Zugang am PC. Und trotzdem ließ es sich nicht vermeiden, dass erste Anzeichen von Cybermobbing auftraten, auch wenn ich das noch gar nicht als solches bezeichnen würde. Und es schmerzte mich zu sehen, wie hilflos sie sich dem ausgesetzt fühlte, trotz unseres Beistandes. Welche psychischen Auswirkungen das inzwischen auf eine ganze Generation hat, will auch keiner wirklich untersuchen. Was wäre denn auch die Konsequenz? Keine, denn niemand wird die technische Entwicklung zurück drehen können. Zu verzeichnen ist nur, das in der Arbeitswelt bei jungen Leuten die Krankmeldungen aus psychischen Gründen auffällig zugenommen haben. Man muss da keine Zusammenhänge sehen – vielleicht gibt es sie ja aber doch.
Zusammengefasst: Vom Ergebnis her betrachtet war unsere Entscheidung fürs Freilernen letzten Endes nicht schlechter als wenn unsere Tochter weiter die klassische Schullaufbahn absolviert hätte. Und in der Zeit wo sie zu Hause Dinge lernte, die oft nicht sichtbar waren, weil es einfach so nebenbei geschah und niemand es in einer schriftlichen Arbeit oder einem mündlichen Test abfragte, hat mir echtes Vergnügen bereitet ihr zuzuhören wenn sie mir z.B. vom Horsemanchip erzählte, weil sie sich dazu gerade ein spannendes Video angeschaut hatte oder wenn wir zusammen Seminare zum Horsmanship besucht haben oder Bücher dazu gelesen haben – erst sie dann ich. Und wenn sie dann das Gelernte an ihren eigenen zwei Eseln ausprobiert und erfolgreich umgesetzt hatte, dann war ihre Freude darüber mit keiner Schulnot zu toppen! Oder wenn sie aus Pappe und Papier für ihre Barby ein Wohnzimmer gebastelt hat mit Schränken, einem Tisch, mit Bildern an der Wand etc. Man halte sich mal vor Augen welche kognitive Leistung dahinter steckt. Beginnend mit der ersten Idee, hin zu konkreten Vorstellungen und Planungen, der Überlegung welche Materialien und Werkzeuge benötigt werden und woher man sie bekommt, evtl. braucht es jetzt die Kooperration mit Erwachsenen, die einem das Nötige besorgen und dann die Ausführung - Schritt für Schritt, mit Korrekturen wenn Fehler unterlaufen sind und am Ende die selbstkritische Beurteilung des eigenen Werkes. Wohl kaum anders wird unsere Tochter im nächsten Lehrjahr vorgehen, wenn sie an ihrem Gesellenstück als Tischlerin arbeiten wird.
Der Mensch ist zum Lernen geboren und das Gehirn ist eine grandiose Suchmaschine – es kann gar nicht anders – mit oder ohne Schule. :-)
danke für diesen langen und offenen Kommentar. Ich habe ihn zweimal gelesen.
Was deine Tochter alles angestellt hat, bewundere ich. Die Arbeit mit den Eseln habe ich ja selbst gesehen, und den ausgebauten Bauwagen auch. Da steckt mehr Können drin als in manchem Zeugnis.
Und deinen letzten Satz unterschreibe ich, so wie er dasteht. Der Mensch ist zum Lernen geboren. Wir können gar nicht anders, mit oder ohne Schule. Das Gehirn nimmt sich, was es interessiert, ob wir wollen oder nicht.
Auf zwei Dinge möchte ich trotzdem eingehen.
Das erste ist mein eigener Satz, an dem du dich zu Recht reibst. Wie man jemandem beibringt, sich selbst etwas beizubringen. Du hast recht, so wie er dasteht, ist er widersprüchlich. Wenn ich es jemandem beibringe, bringt er es sich nicht selbst bei.
Ich habe mich hier ungenau ausgedrückt. Gemeint war etwas anderes. Nicht, wie ich einem Kind das Selbstlernen beibringe. Sondern wie ich die Bedingungen schaffe, unter denen ein Kind seinen ohnehin vorhandenen Lerninstinkt ausleben kann. Das Lernen muss ich nicht erzeugen. Es ist da. Was ich erzeugen oder zerstören kann, ist die Umgebung, in der es sich entfalten kann.
Der zweite Punkt ist die Hartnäckigkeit der Schule.
Du hast recht, dass sie bleiben wird, auch ohne Pflicht. Fiele die Schulpflicht morgen, gingen übermorgen fast alle Kinder weiter zur Schule. Aus Gewohnheit, aus Angst, aus Mangel an Alternativen, aus guten und schlechten Gründen der Eltern.
Aber das ist für mich kein Argument gegen die Abschaffung. Es ist eines dafür.
Schule ist nicht aus der Einsicht entstanden, wie Kinder am besten lernen. Sie ist historisch gewachsen, als Spiegel des jeweiligen Arbeitslebens. Erst das Feld, dann die Fabrik, dann das Büro. Deshalb lässt sie sich auch nicht von innen reparieren. Man kann eine Maschine, die zum Sortieren gebaut wurde, nicht mit besseren Schrauben reformieren.
Was es zuerst bräuchte, ist nicht ein besseres Konzept. Es ist Freiheit für viele Konzepte. Die Schulpflicht abschaffen. Die Schule aus der Hand des Staates nehmen. Private Initiativen zulassen. Ein Feld öffnen für die unterschiedlichsten Ansätze.
Erst dann sehen wir, was wirklich funktioniert.
Solange alle Kinder durch dasselbe System laufen, haben wir keinen Vergleich. Wir haben nur eine einzige Sorte Pflanze auf dem ganzen Acker. Man müsste hundert verschiedene Dinge auf hundert Beeten wachsen lassen, unter freiem Himmel, und nach ein paar Jahren nachsehen, was gediehen ist. Eine Monokultur beweist nichts.
Du schreibst selbst, vom Ergebnis her war das Freilernen nicht schlechter und nicht besser als die klassische Schullaufbahn. Das ist eine ehrliche Bilanz, die man ziehen kann. Ich behaupte auch nicht, eine Antwort zu haben, die besser oder schlechter wäre. Ich denke nur, dass wir sie nie finden werden, solange wir uns nicht erlauben, verschiedene Wege zu gehen.
die neuen Wege kann jeder heute schon gehen - Ihr tut es, wir haben es getan und zig andere Freilernerfamilien mit den kreativsten Modellen tun es. Zugegeben der Weg ist nicht leicht aber auch nicht schwerer als sein Kind Jahr für Jahr durch die Schule zu treiben. Lass doch die Schule, Schule sein. Die Abschaffung der Schulanwesenheitspflicht würde vollkommen reichen. Die alternativen Konzepte finden sich dann ganz von alleine ein. Es gibt sie sogar jetzt schon,nur man sieht und hört kaum etwas davon und sie sind oft sehr kurzlebig. Auch findet man sie fast ausschließlich in den Großstädten, nicht in den ländlich oder kleinstädtisch geprägten Gegenden. Finnland z.B. musste mit der Umgestaltung seines Schulwesen sehr geschickt vorgehen damit der Widerstand der Eltern (man höre und staune) diese nicht sabotierte. Sie haben mit der Umgestaltung in der Provinz angefangen und als es dort funktionierte, von da aus sukzessive über das Land ausgebreitet. Ich habe mir darüber mal eine Dokumentation angesehen - sehr spannend! Inzwischen sieht es in den Schulen dort wie folgt aus: Wikipedia "Es gibt keine Bewertung in Form von Noten von der ersten bis vierten Klasse. Ab der fünften darf benotet werden, erst ab der neunten müssen Noten in Verbindung mit einem Worturteil vergeben werden. Mindestens einmal im Jahr erhält jeder Schüler einen Bericht.[12] Die Erfüllung der neunjährigen Pflichtschulzeit wird durch das Schuljahresendzeugnis der neunten Klasse zum Abschluss der Gesamtschule dokumentiert (ohne Prüfung). Mit diesem Zeugnis bewerben sich die Schüler an Oberstufenschulen (lukios) ihrer Wahl oder an Berufsfachschulen."
Das ist nur ein Auszug aus Wikipedia für mehr interessante Details einfach mal ins Wikipedia rein schauen. Nun könnte man sagen, dass das nur eine Verschlimmbesserung der alten Schule wäre. Ich denke aber, Finnlands Schulsystem ist ein Schritt in eine gute Richtung. Weißt Du Holm, viele Eltern wären mit einer selbstbestimmten Bildung ihrer Kinder schlichtweg überfordert. In vielen Familien müssen 2 Leute voll arbeiten, damit sie den Lebensunterhalt der Familie bestreiten können. Diese Eltern sind (irgendwie) froh, dass ihre Kinder betreut werden, während sie arbeiten müssen und "nebenbei" bekommen ihre Kinder in der Schule auch noch so etwas wie Bildung. Daran kann man jetzt rummäkeln aber für diese Leute wird sich unter den gegeben wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen so schnell nichts ändern. Deswegen sage ich: Lasst doch die Schule, Schule sein, schafft die Anwesenheitspflicht ab und wenn die Zeit dafür da ist, wird sich die Schule selbst abschaffen. In England haben wir Verwandtschaft. Alle Kinder der Verwandschaft gingen oder gehen in die Schule obwohl es in England keine Schulpflicht gibt. Wenn in England die Kinder ins schulpflichtige Alter kommen, müssen die Eltern entscheiden ob die Kinder die Schule besuchen sollen oder nicht. Wenn die Eltern sagen mein Kind geht in die Schule, wird mit der Schule eine Art Vertrag abgeschlossen. Der regelt, dass das Kind nun zur Schule gehen muss; ein unentschuldigtes Fehlen wird sanktioniert. Die Eltern können also nicht einfach sagen "ach mein Kind bleib jetzt mal ein paar Wochen zu Hause." In England gilt das Prinzip ganz Schule oder gar nicht. Die fehlende Schulanwesenheitspflicht ist kein Freibrief fürs Schwänzen. Die alleraller meisten Eltern unserer westlich geprägten Welt glauben immer noch, dass Bildung einen geregelten Rahmen, einen Lehrplan braucht, sonst lernen die Kinder nur Quatsch, strengen sich nicht an beim Lernen und können am Ende nur ihren Namen tanzen. 🙂
Wir erleben es gerade jetzt bei Thomas Patenkind, der die 9. Klasse Gymnasium wiederholt hat und jetzt die Versetzung erneut nicht geschafft hat. Er wird die Schule jetzt mit einem Abgangszeugnis 9. Klasse Gymnasium verlassen.(Und was für eine Mühe hat sich die Mutter Jahr für Jahr gegeben, den Jungen bist dorthin zu bringe!) Seine Eltern denken, dass davon jetzt die Welt (die Zukunft ihres Kindes) unter geht. Ich musste erst mal aufklären, dass der Junge für eine Lehre kein Zeugnis braucht. Wenn sie einen Betrieb finden, der ihn als Azubi nimmt, geht das ohne Probleme. Es gibt kein Gesetz, dass sagt, dass man als Voraussetzung für den Abschluss eines Lehrvertrages ein Zeugnis braucht. Lt. Statistik, die ich mir mal im Internet rausgesucht hatte, haben immerhin 2 % aller Azubis keinen Schulabschluss (aus welchem Grund auch immer).
Du schreibst: "Solange alle Kinder durch dasselbe System laufen, haben wir keinen Vergleich." Wenn wir die Kinder durch verschiedene "Systeme" laufen lassen, haben wir doch aber auch keinen Vergleich - einfach weil jedes Kind individuell ist und kein Radieschen (und selbst da ist jedes individuell). Wie wollen wir im Voraus wissen, welches System für welches Kind geeignet ist? Vielleicht müssen wir uns einfach mal mit dem "Systems des Vergleichens" auseinandersetzen. Freilernerkinder, wenn ich sie mal so bezeichnen darf (alle Kinder lernen frei), haben eben genau diesen Vorteil, dass sie nicht ständig mit Gleichaltrigen verglichen werden. Hast Du mal die Biographie von dem Freilerner André Stern gelesen? Der hat erst mit 8 oder 9 Jahren Lesen und Schreiben gelernt. Da würden die Eltern ob nun von Freilernern oder Schülern schon die Krise kriegen. Aber der Mann hat einen beachtlichen Lebenslauf hingelegt. Wir kennen eine Familie, wo der älteste Sohn erst mit 12 richtig lesen und schreiben konnte. Als ihn seine jüngeren Brüder überholt hatten und schon längst mit großem Interesse Bücher lasen, zog er nach. Nun wollte auch er wissen was in den Büchern stand und die Mutter hatte inzwischen beschlossen ihm nicht mehr alles vorzulesen, was er sich wünschte. Ja, so lernt man; entweder erkennt man eine dringende Notwendigkeit oder es gibt ein rege Neugier für eine Sache.
Du schreibst weiter: "Wir haben nur eine einzige Sorte Pflanze auf dem ganzen Acker. Man müsste hundert verschiedene Dinge auf hundert Beeten wachsen lassen, unter freiem Himmel, und nach ein paar Jahren nachsehen, was gediehen ist. Eine Monokultur beweist nichts." Ich behaupte mal aus gärtnerischer Erfahrung, dass eine derartige Mischkultur unter den von Dir beschriebenen Bedingungen noch viel weniger aussagekräftig ist. Es sind einfach zu viele Einflussfaktoren, die das Wachstum einer Pflanze bestimmen, sodass Du am Ende gar nichts mehr miteinander vergleichen kannst. Der Fehler liegt meines Erachtens in dem Prinzip des Vergleichens. Du willst am Ende auch nur wieder verschiedene Bildungsansätze vergleichen - aus meiner Sicht hoffnungslos. Und, auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole, die meisten Eltern wären wahrscheinlich damit überfordert. Überleg mal, was es gebraucht hat, bis Ihr erwacht seid aus dem Bildungstraum(a) für Eure Kinder. 🙂
danke für die ausführliche Antwort. Ich merke, ich muss einen Punkt klarstellen, denn da haben wir aneinander vorbeigeredet. Und ich glaube, es ist mein Fehler, weil ich mich missverständlich ausgedrückt habe.
Ich will die Schule nicht abschaffen.
Ich will das staatliche Monopol auf Schule abschaffen. Das ist nicht dasselbe, und der Unterschied ist der ganze Punkt.
Dass beide Eltern arbeiten müssen, dass Kinder tagsüber irgendwo gut aufgehoben sein müssen, dass viele Familien mit selbstbestimmter Bildung überfordert wären, all das stimmt. Ich bestreite es nicht. Für viele Kinder ist die Schule, so wie sie ist, die bessere der verfügbaren Möglichkeiten.
Ich war selbst so ein Kind. Meine Eltern hätten kein Freilernen leisten können, es gab nur die Schule, und im Rückblick war sie in meinem Fall die bessere Wahl. Nur habe ich mich zwölf Jahre lang gelangweilt. Ich hätte einen anspruchsvolleren Kontext gebraucht, den ich erst an der Universität fand.
Es wird immer Kinder geben, die eine anspruchsvolle, spezialisierte Ausbildung brauchen, mit echten Vorbildern, die ihr Fach beherrschen. Irgendjemand muss weiterhin Kraftwerke planen, Physik betreiben, sich über Cybersicherheit Gedanken machen.
Nichts an meiner Position spricht gegen anspruchsvolle Institutionen. Im Gegenteil. Ich will mehr davon, nicht weniger. Sie sollten sogar noch elitärer sein.
Ich will nur nicht, dass eine einzige staatliche Form für alle verbindlich ist.
Genau deshalb reicht mir die Abschaffung der Anwesenheitspflicht allein nicht. Du sagst, lass die Schule Schule sein, streich die Pflicht, der Rest findet sich. Ich glaube, das greift zu kurz. Solange der Staat die Schule finanziert, zertifiziert und über ihre Abschlüsse den Zugang zu allem Weiteren kontrolliert, bleibt sie das Gravitationszentrum, um das sich alles andere ordnet. Die Alternativen bleiben, wie du selbst schreibst, kurzlebig, unsichtbar, auf die Großstädte beschränkt. Das ist kein Zufall. Das ist die Folge eines Monopols, das die Ressourcen und die Legitimität an sich bindet.
Dein Finnland-Beispiel ist interessant, aber Finnland hat ein System durch ein anderes ersetzt. Ein besseres, vermutlich. Aber wieder ein einziges, staatliches, für alle. Das ist Reform von innen. Ich rede von etwas anderem, von einem Feld, auf dem viele Formen nebeneinander bestehen und niemand vorab weiß, welche sich bewährt.
Und damit zu unserem eigentlichen Streit, dem Vergleich. Hier musst du mir zwei Dinge auseinanderhalten helfen, denn ich glaube, du wirfst sie zusammen.
Das erste ist die Behauptung, jedes Kind sei individuell. Das stimmt natürlich, aber es beweist weniger, als du denkst. Dass Kinder verschiedene Stärken, Interessen und Tempi haben, bestreitet niemand. André Stern, den du anführst, lernte mit acht richtig lesen und wurde ein gebildeter Mann. Schön. Aber sieh genauer hin! Stern wuchs als Sohn von Arno Stern auf, in einem außergewöhnlich anregenden, bildungsnahen Haushalt. Er ist kein Beweis dafür, dass Kinder von allein gedeihen, wenn man sie in Ruhe lässt. Er ist ein Beweis dafür, dass sie in einer reichen Umgebung gedeihen. Genau das ist meine These. Nicht Sichselbstüberlassen, sondern die richtige Umgebung. Stern spricht gegen die naive Freilerner-Romantik, nicht für sie.
Das zweite ist der Schluss, den du daraus ziehst. Weil jedes Kind individuell sei, sei Vergleichen hoffnungslos. Hier liege ich quer zu dir. Aus der Verschiedenheit der Kinder folgt nicht die Beliebigkeit der Methoden. Der Lernmechanismus selbst ist bei allen Menschen gleich. Er ist biologisch verankert. Kinder lernen durch Nachahmung, durch Teilhabe an echten Praktiken, durch Rückmeldung aus der Wirklichkeit, durch Begehren. Das gilt für Agathe mit ihren Eseln genauso wie für ein Kind in der Stadt. Was sich unterscheidet, ist die Ausgestaltung, das Tempo, der Gegenstand. Nicht der Mechanismus.
Und deshalb wird es Modelle geben, die diesen Mechanismus besser bedienen, und andere, die ihn behindern. Die Schule behindert ihn, das ist mein ganzes Argument. Ein Modell, das Kindern echte Teilhabe und echte Rückmeldung gibt, bedient ihn. Das lässt sich unterscheiden. Nicht mit der Präzision eines Labors, aber es lässt sich unterscheiden.
Dein gärtnerischer Einwand trifft einen wahren Kern. Du sagst, eine Mischkultur unter freiem Himmel habe zu viele Einflussfaktoren, am Ende könne man gar nichts mehr vergleichen. Als methodischer Einwand ist das berechtigt. Ein sauberer, isolierter Vergleich ist unmöglich, da hast du recht.
Aber daraus folgt nicht, dass wir daraus gar nichts lernen können. Es folgt nur, dass wir nicht mit der falschen Präzision rechnen dürfen. Und wenn schon die Mischkultur schwer zu deuten ist, dann sagt die Monokultur erst recht nichts. Ein Feld, auf dem nur eine Sorte steht, weil alle anderen verboten sind, beweist nicht, dass diese Sorte die beste ist. Es beweist nur, dass sie die einzige erlaubte war. Vielfalt gibt uns unvollkommene Erkenntnis. Das Monopol gibt uns gar keine.
Am Ende, glaube ich, trennt uns weniger, als es scheint. Du willst die Anwesenheitspflicht weghaben und vertraust darauf, dass der Rest sich findet. Ich will das Monopol weghaben und glaube, dass sich der Rest erst dann wirklich finden kann. Beide wollen wir mehr Freiheit und weniger Zwang. Wir streiten vielleicht nur über die Dosis.
Übrigens überlege ich, dieses Thema ernsthaft zu vertiefen, vielleicht in einem eigenen Format, auf Englisch, um mehr Leute zu erreichen. Deine Einwände sind genau die Art von Widerstand, an dem sich ein Gedanke schärft. Dafür bin ich dir dankbar.
Liebe Katrin, mit großer Freude habe ich deinen Kommentar gelesen und kann dir in allem zustimmen. Gerade bei Helena erleben wir genau das, was du beschreibst. Sie kennt jede Folge von "Anna und die wilden Tiere" und erzählt uns oft ganz nebenbei Dinge über Tiere, von denen ich überhaupt nichts weiß. Außerdem bastelt sie auch Pferdeställe in allen Varianten, klebt ihren Stockpferden Stricke an und flechtet wundervolle Frisuren, kreiert verschiedenste Halfter für ihre Stockpfere, und und und. Ich kann oft nur staunen über die Vielfalt ihrer Kreativität. Ich denke, dass sie nach der Schule, die oft schlaucht, nicht mehr die Energie für solche Projekte gehabt hätte.
Ja, Anja lasst uns die Talente unserer Kinder fördern. Sch... doch drauf, wenn sie sich keine einzige "wichtige" Geschichtszahl merken können oder Schwierigkeiten haben eine Kletterstange hoch zu kommen. Vielleicht wird deine Helena ja mal Bühnenbildnerin, Architektin für Tierställe oder Hairstylistin 🙂
Ik schrijf dit in het Nederlands omdat ik mij daar beter in kan uitspreken.
Ik vind dit de beste postkaart tot heden. Super geschreven en ik begrijp heel goed dat je wel eens twijfelt of je het goed doet! Maar......ik heb enigzins het zelfde mee gemaakt met mijn dochter. En wil jullie laten weten dat dit misschien de beste methode is wat jullie voor jullie kinderen doen!!
Mijn dochter zat op de havo en een diploma haalde omdat ik dat wilde. Ze was 17 jaar en nog een poosje leerplichtig. Ze wilde niet meer naar school maar met de paarden verder ( wat ik als hobby zag). Na overleg met een speciaal coach ( die zei, ze heeft niet de interesse maar haar hersenen raakt ze nooit kwijt) hebben we het volgende bedacht. Je krijgt een jaar om te doen met je leven wat je wilt. Maak je er een puinhoop van dan ga je aan de studie op school. Lukt het om te doen wat je graag wilt dan zien we het nog een jaar aan. Dat deed ze! Mijn dochter was in eens een stuk opgewekter. Nu 15 jaar later spreekt ze 4 talen vloeiend. En 1 taal redt ze zich mee. Ze is op haar 23e makelaardij thuis gaan leren. En heeft nu op haar 33e een diploma makelaardij, een juridischopleiding en een opleiding coach voor mensen met geldproblemen.
Ze werkt hard voor haar geld en heeft meerdere huizen in de verhuur, en is aardig bemiddelt!
Liebe Jannet, ich durfte Sylvana kurz kennenlernen und möchte dir sagen, dass sie eine bemerkenswerte Ausstrahlung hat. Ohne ihre Geschichte zu kennen, überrascht mich nicht, was du schreibst. Danke, dass du das mit uns teilst. Und toll, dass du ihr diesen Freiraum gegeben hast! Liebe Grüße Anja
Hallo ihr. Lieben. Ich lese eure Zeilen gerade im Garten auf meiner Hollywood Schaukel und bin tief beeindruckt. Da gehört Mut dazu.
Ich habe in der KinderVilla gearbeitet und habe jeden Tag erleben können, was in ihnen steckt. Sie haben Ideen. Da war ich manchmal platt. Wenn Sie tun dürfen, was Sie wollen. Und da gab es da ja viele Möglichkeiten. Leider hat der damalige Bürgermeister Sie verkauft an die Kirche. Die Stadt brauchte Geld...traurig.
Hatte eine Operation am Zwerchfell. Nun hoffe ich auf Besserung. Lasst es euch weiterhin gut gehen. Liebe Grüße Marlis
"Wie man jemandem beibringt, sich selbst etwas beizubringen, weiß ich noch nicht."
Das war sicher mehr als rhetorische Frage gemeint, da ich aber einige Erfahrung mit dem Thema Freilernen habe (unsere Tochter besuchte ab dem Halbjahr 6. Klasse Gymnasium keine Schule mehr), erlaube ich mir hier an der Stelle ein paar Gedanken dazu, denn ich habe mir selbst so einige darüber gemacht. Kurz vorweg: Unsere Tochter, inzwischen 21 Jahre, hat eine erfolgreich abgeschlossene Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement und befindet sich gerade im 2. Lehrjahr ihrer zweiten Berufsausbildung zur Tischlerin. In beiden Ausbildungen gehörte/gehört sie leistungsmäßig zur Spitze ihrer Klasse. Also man kann auch mit 5,5 Jahren regulärer Schulbildung zu einem sehr gutem Berufsabschluss kommen.
Nun aber zurück zu der Frage „Wie man jemandem beibringt, sich selbst etwas beizubringen.“ Diese Frage enthält schon die Antwort. Es geht nicht! Wenn man jemandem beibringt sich selbst etwas beizubringen, dann bringt ja wieder jemand ihm etwas bei und nicht er sich selbst. Man muss auch niemandem etwas beibringen und schon gar nicht sich selbst. Wenn meinen Verstand irgendetwas interessiert, kann ich gar nichts dagegen machen, als dass er sich irgendetwas davon merkt. Ich muss es ihm nicht bei-bringen, er nimmt es sich selbst.
Als unsere Tochter nicht mehr zur Schule ging, wurde ich zu ihrer Schülerin (unbewusst, das habe ich erst heute verstanden). Sie nahm mich mit in ihre Welt. Und ich fand das so interessant, dass ich Dinge lernte, an die ich nicht mal gedacht hatte, sie zu lernen. Ich war einfach offen und ließ mich von ihrer Begeisterung anstecken. Ein guter Lehrer sollte also immer ein noch besserer Schüler sein. Wenn wir von unseren Kindern in der Schule erwarten gute Noten in allen Fächern gleichermaßen zu erbringen egal ob sie sich nun dafür interessieren oder nicht, dann wäre es doch nur fair es mal umgekehrt zu versuchen: Die Kinder geben die Themen vor und wir hören ihnen zu, was sie uns dazu beizubringen haben, ob es nun unser Interesse trifft oder nicht. Mal schauen wie bereit wir dafür sind . . .
Und wie Du schon geschrieben hast Holm, die Welt verändert sich und hat sich schon extrem verändert seit es das Konzept von Schule gibt und trotzdem hält man daran fest weil solche alten verkrusteten Strukturen nur schwer aufzubrechen sind. Und da meine ich nicht nur Ämter, Behörden und Regierung. Es gibt so viele Eltern, die davon überzeugt sind, ohne Noten würden ihre Kinder nichts lernen. Und ich denke, selbst wenn die Schulanwesenheitspflicht morgen fallen würde, gingen übermorgen immer noch 98% der Kinder in die Schule – aus den verschiedensten (und guten Gründen) ihrer Eltern.
Aber mich interessiert nicht, was andere Eltern glauben, was gut ist für ihre Kinder. Das ist ganz alleine ihre Sache. Was mich als Mutter (uns Eltern) bewogen hat mit unserer Tochter diesen Weg zu gehen obwohl es keinerlei Konzepte dafür gab und gibt, war folgendes: Seit dem Eintritt in die Schule hatte sich unsere Mutter-Kind-Beziehung verschlechtert, da ich zu Hause den Hilfslehrer spielen musste (Hausaufgaben, Vorbereitungen auf Arbeiten etc. – ich hatte es zu kontrollieren, ob mir das nun gefiel oder nicht.) Später kam dazu, dass die Kinder alle Handys bekamen (unsere Tochter nicht) unsere Tochter hatte lediglich einen E-Mail-Zugang am PC. Und trotzdem ließ es sich nicht vermeiden, dass erste Anzeichen von Cybermobbing auftraten, auch wenn ich das noch gar nicht als solches bezeichnen würde. Und es schmerzte mich zu sehen, wie hilflos sie sich dem ausgesetzt fühlte, trotz unseres Beistandes. Welche psychischen Auswirkungen das inzwischen auf eine ganze Generation hat, will auch keiner wirklich untersuchen. Was wäre denn auch die Konsequenz? Keine, denn niemand wird die technische Entwicklung zurück drehen können. Zu verzeichnen ist nur, das in der Arbeitswelt bei jungen Leuten die Krankmeldungen aus psychischen Gründen auffällig zugenommen haben. Man muss da keine Zusammenhänge sehen – vielleicht gibt es sie ja aber doch.
Zusammengefasst: Vom Ergebnis her betrachtet war unsere Entscheidung fürs Freilernen letzten Endes nicht schlechter als wenn unsere Tochter weiter die klassische Schullaufbahn absolviert hätte. Und in der Zeit wo sie zu Hause Dinge lernte, die oft nicht sichtbar waren, weil es einfach so nebenbei geschah und niemand es in einer schriftlichen Arbeit oder einem mündlichen Test abfragte, hat mir echtes Vergnügen bereitet ihr zuzuhören wenn sie mir z.B. vom Horsemanchip erzählte, weil sie sich dazu gerade ein spannendes Video angeschaut hatte oder wenn wir zusammen Seminare zum Horsmanship besucht haben oder Bücher dazu gelesen haben – erst sie dann ich. Und wenn sie dann das Gelernte an ihren eigenen zwei Eseln ausprobiert und erfolgreich umgesetzt hatte, dann war ihre Freude darüber mit keiner Schulnot zu toppen! Oder wenn sie aus Pappe und Papier für ihre Barby ein Wohnzimmer gebastelt hat mit Schränken, einem Tisch, mit Bildern an der Wand etc. Man halte sich mal vor Augen welche kognitive Leistung dahinter steckt. Beginnend mit der ersten Idee, hin zu konkreten Vorstellungen und Planungen, der Überlegung welche Materialien und Werkzeuge benötigt werden und woher man sie bekommt, evtl. braucht es jetzt die Kooperration mit Erwachsenen, die einem das Nötige besorgen und dann die Ausführung - Schritt für Schritt, mit Korrekturen wenn Fehler unterlaufen sind und am Ende die selbstkritische Beurteilung des eigenen Werkes. Wohl kaum anders wird unsere Tochter im nächsten Lehrjahr vorgehen, wenn sie an ihrem Gesellenstück als Tischlerin arbeiten wird.
Der Mensch ist zum Lernen geboren und das Gehirn ist eine grandiose Suchmaschine – es kann gar nicht anders – mit oder ohne Schule. :-)
Liebe Katrin,
danke für diesen langen und offenen Kommentar. Ich habe ihn zweimal gelesen.
Was deine Tochter alles angestellt hat, bewundere ich. Die Arbeit mit den Eseln habe ich ja selbst gesehen, und den ausgebauten Bauwagen auch. Da steckt mehr Können drin als in manchem Zeugnis.
Und deinen letzten Satz unterschreibe ich, so wie er dasteht. Der Mensch ist zum Lernen geboren. Wir können gar nicht anders, mit oder ohne Schule. Das Gehirn nimmt sich, was es interessiert, ob wir wollen oder nicht.
Auf zwei Dinge möchte ich trotzdem eingehen.
Das erste ist mein eigener Satz, an dem du dich zu Recht reibst. Wie man jemandem beibringt, sich selbst etwas beizubringen. Du hast recht, so wie er dasteht, ist er widersprüchlich. Wenn ich es jemandem beibringe, bringt er es sich nicht selbst bei.
Ich habe mich hier ungenau ausgedrückt. Gemeint war etwas anderes. Nicht, wie ich einem Kind das Selbstlernen beibringe. Sondern wie ich die Bedingungen schaffe, unter denen ein Kind seinen ohnehin vorhandenen Lerninstinkt ausleben kann. Das Lernen muss ich nicht erzeugen. Es ist da. Was ich erzeugen oder zerstören kann, ist die Umgebung, in der es sich entfalten kann.
Der zweite Punkt ist die Hartnäckigkeit der Schule.
Du hast recht, dass sie bleiben wird, auch ohne Pflicht. Fiele die Schulpflicht morgen, gingen übermorgen fast alle Kinder weiter zur Schule. Aus Gewohnheit, aus Angst, aus Mangel an Alternativen, aus guten und schlechten Gründen der Eltern.
Aber das ist für mich kein Argument gegen die Abschaffung. Es ist eines dafür.
Schule ist nicht aus der Einsicht entstanden, wie Kinder am besten lernen. Sie ist historisch gewachsen, als Spiegel des jeweiligen Arbeitslebens. Erst das Feld, dann die Fabrik, dann das Büro. Deshalb lässt sie sich auch nicht von innen reparieren. Man kann eine Maschine, die zum Sortieren gebaut wurde, nicht mit besseren Schrauben reformieren.
Was es zuerst bräuchte, ist nicht ein besseres Konzept. Es ist Freiheit für viele Konzepte. Die Schulpflicht abschaffen. Die Schule aus der Hand des Staates nehmen. Private Initiativen zulassen. Ein Feld öffnen für die unterschiedlichsten Ansätze.
Erst dann sehen wir, was wirklich funktioniert.
Solange alle Kinder durch dasselbe System laufen, haben wir keinen Vergleich. Wir haben nur eine einzige Sorte Pflanze auf dem ganzen Acker. Man müsste hundert verschiedene Dinge auf hundert Beeten wachsen lassen, unter freiem Himmel, und nach ein paar Jahren nachsehen, was gediehen ist. Eine Monokultur beweist nichts.
Du schreibst selbst, vom Ergebnis her war das Freilernen nicht schlechter und nicht besser als die klassische Schullaufbahn. Das ist eine ehrliche Bilanz, die man ziehen kann. Ich behaupte auch nicht, eine Antwort zu haben, die besser oder schlechter wäre. Ich denke nur, dass wir sie nie finden werden, solange wir uns nicht erlauben, verschiedene Wege zu gehen.
Lieber Holm,
die neuen Wege kann jeder heute schon gehen - Ihr tut es, wir haben es getan und zig andere Freilernerfamilien mit den kreativsten Modellen tun es. Zugegeben der Weg ist nicht leicht aber auch nicht schwerer als sein Kind Jahr für Jahr durch die Schule zu treiben. Lass doch die Schule, Schule sein. Die Abschaffung der Schulanwesenheitspflicht würde vollkommen reichen. Die alternativen Konzepte finden sich dann ganz von alleine ein. Es gibt sie sogar jetzt schon,nur man sieht und hört kaum etwas davon und sie sind oft sehr kurzlebig. Auch findet man sie fast ausschließlich in den Großstädten, nicht in den ländlich oder kleinstädtisch geprägten Gegenden. Finnland z.B. musste mit der Umgestaltung seines Schulwesen sehr geschickt vorgehen damit der Widerstand der Eltern (man höre und staune) diese nicht sabotierte. Sie haben mit der Umgestaltung in der Provinz angefangen und als es dort funktionierte, von da aus sukzessive über das Land ausgebreitet. Ich habe mir darüber mal eine Dokumentation angesehen - sehr spannend! Inzwischen sieht es in den Schulen dort wie folgt aus: Wikipedia "Es gibt keine Bewertung in Form von Noten von der ersten bis vierten Klasse. Ab der fünften darf benotet werden, erst ab der neunten müssen Noten in Verbindung mit einem Worturteil vergeben werden. Mindestens einmal im Jahr erhält jeder Schüler einen Bericht.[12] Die Erfüllung der neunjährigen Pflichtschulzeit wird durch das Schuljahresendzeugnis der neunten Klasse zum Abschluss der Gesamtschule dokumentiert (ohne Prüfung). Mit diesem Zeugnis bewerben sich die Schüler an Oberstufenschulen (lukios) ihrer Wahl oder an Berufsfachschulen."
Das ist nur ein Auszug aus Wikipedia für mehr interessante Details einfach mal ins Wikipedia rein schauen. Nun könnte man sagen, dass das nur eine Verschlimmbesserung der alten Schule wäre. Ich denke aber, Finnlands Schulsystem ist ein Schritt in eine gute Richtung. Weißt Du Holm, viele Eltern wären mit einer selbstbestimmten Bildung ihrer Kinder schlichtweg überfordert. In vielen Familien müssen 2 Leute voll arbeiten, damit sie den Lebensunterhalt der Familie bestreiten können. Diese Eltern sind (irgendwie) froh, dass ihre Kinder betreut werden, während sie arbeiten müssen und "nebenbei" bekommen ihre Kinder in der Schule auch noch so etwas wie Bildung. Daran kann man jetzt rummäkeln aber für diese Leute wird sich unter den gegeben wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen so schnell nichts ändern. Deswegen sage ich: Lasst doch die Schule, Schule sein, schafft die Anwesenheitspflicht ab und wenn die Zeit dafür da ist, wird sich die Schule selbst abschaffen. In England haben wir Verwandtschaft. Alle Kinder der Verwandschaft gingen oder gehen in die Schule obwohl es in England keine Schulpflicht gibt. Wenn in England die Kinder ins schulpflichtige Alter kommen, müssen die Eltern entscheiden ob die Kinder die Schule besuchen sollen oder nicht. Wenn die Eltern sagen mein Kind geht in die Schule, wird mit der Schule eine Art Vertrag abgeschlossen. Der regelt, dass das Kind nun zur Schule gehen muss; ein unentschuldigtes Fehlen wird sanktioniert. Die Eltern können also nicht einfach sagen "ach mein Kind bleib jetzt mal ein paar Wochen zu Hause." In England gilt das Prinzip ganz Schule oder gar nicht. Die fehlende Schulanwesenheitspflicht ist kein Freibrief fürs Schwänzen. Die alleraller meisten Eltern unserer westlich geprägten Welt glauben immer noch, dass Bildung einen geregelten Rahmen, einen Lehrplan braucht, sonst lernen die Kinder nur Quatsch, strengen sich nicht an beim Lernen und können am Ende nur ihren Namen tanzen. 🙂
Wir erleben es gerade jetzt bei Thomas Patenkind, der die 9. Klasse Gymnasium wiederholt hat und jetzt die Versetzung erneut nicht geschafft hat. Er wird die Schule jetzt mit einem Abgangszeugnis 9. Klasse Gymnasium verlassen.(Und was für eine Mühe hat sich die Mutter Jahr für Jahr gegeben, den Jungen bist dorthin zu bringe!) Seine Eltern denken, dass davon jetzt die Welt (die Zukunft ihres Kindes) unter geht. Ich musste erst mal aufklären, dass der Junge für eine Lehre kein Zeugnis braucht. Wenn sie einen Betrieb finden, der ihn als Azubi nimmt, geht das ohne Probleme. Es gibt kein Gesetz, dass sagt, dass man als Voraussetzung für den Abschluss eines Lehrvertrages ein Zeugnis braucht. Lt. Statistik, die ich mir mal im Internet rausgesucht hatte, haben immerhin 2 % aller Azubis keinen Schulabschluss (aus welchem Grund auch immer).
Du schreibst: "Solange alle Kinder durch dasselbe System laufen, haben wir keinen Vergleich." Wenn wir die Kinder durch verschiedene "Systeme" laufen lassen, haben wir doch aber auch keinen Vergleich - einfach weil jedes Kind individuell ist und kein Radieschen (und selbst da ist jedes individuell). Wie wollen wir im Voraus wissen, welches System für welches Kind geeignet ist? Vielleicht müssen wir uns einfach mal mit dem "Systems des Vergleichens" auseinandersetzen. Freilernerkinder, wenn ich sie mal so bezeichnen darf (alle Kinder lernen frei), haben eben genau diesen Vorteil, dass sie nicht ständig mit Gleichaltrigen verglichen werden. Hast Du mal die Biographie von dem Freilerner André Stern gelesen? Der hat erst mit 8 oder 9 Jahren Lesen und Schreiben gelernt. Da würden die Eltern ob nun von Freilernern oder Schülern schon die Krise kriegen. Aber der Mann hat einen beachtlichen Lebenslauf hingelegt. Wir kennen eine Familie, wo der älteste Sohn erst mit 12 richtig lesen und schreiben konnte. Als ihn seine jüngeren Brüder überholt hatten und schon längst mit großem Interesse Bücher lasen, zog er nach. Nun wollte auch er wissen was in den Büchern stand und die Mutter hatte inzwischen beschlossen ihm nicht mehr alles vorzulesen, was er sich wünschte. Ja, so lernt man; entweder erkennt man eine dringende Notwendigkeit oder es gibt ein rege Neugier für eine Sache.
Du schreibst weiter: "Wir haben nur eine einzige Sorte Pflanze auf dem ganzen Acker. Man müsste hundert verschiedene Dinge auf hundert Beeten wachsen lassen, unter freiem Himmel, und nach ein paar Jahren nachsehen, was gediehen ist. Eine Monokultur beweist nichts." Ich behaupte mal aus gärtnerischer Erfahrung, dass eine derartige Mischkultur unter den von Dir beschriebenen Bedingungen noch viel weniger aussagekräftig ist. Es sind einfach zu viele Einflussfaktoren, die das Wachstum einer Pflanze bestimmen, sodass Du am Ende gar nichts mehr miteinander vergleichen kannst. Der Fehler liegt meines Erachtens in dem Prinzip des Vergleichens. Du willst am Ende auch nur wieder verschiedene Bildungsansätze vergleichen - aus meiner Sicht hoffnungslos. Und, auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole, die meisten Eltern wären wahrscheinlich damit überfordert. Überleg mal, was es gebraucht hat, bis Ihr erwacht seid aus dem Bildungstraum(a) für Eure Kinder. 🙂
Gute Nacht
Liebe Katrin,
danke für die ausführliche Antwort. Ich merke, ich muss einen Punkt klarstellen, denn da haben wir aneinander vorbeigeredet. Und ich glaube, es ist mein Fehler, weil ich mich missverständlich ausgedrückt habe.
Ich will die Schule nicht abschaffen.
Ich will das staatliche Monopol auf Schule abschaffen. Das ist nicht dasselbe, und der Unterschied ist der ganze Punkt.
Dass beide Eltern arbeiten müssen, dass Kinder tagsüber irgendwo gut aufgehoben sein müssen, dass viele Familien mit selbstbestimmter Bildung überfordert wären, all das stimmt. Ich bestreite es nicht. Für viele Kinder ist die Schule, so wie sie ist, die bessere der verfügbaren Möglichkeiten.
Ich war selbst so ein Kind. Meine Eltern hätten kein Freilernen leisten können, es gab nur die Schule, und im Rückblick war sie in meinem Fall die bessere Wahl. Nur habe ich mich zwölf Jahre lang gelangweilt. Ich hätte einen anspruchsvolleren Kontext gebraucht, den ich erst an der Universität fand.
Es wird immer Kinder geben, die eine anspruchsvolle, spezialisierte Ausbildung brauchen, mit echten Vorbildern, die ihr Fach beherrschen. Irgendjemand muss weiterhin Kraftwerke planen, Physik betreiben, sich über Cybersicherheit Gedanken machen.
Nichts an meiner Position spricht gegen anspruchsvolle Institutionen. Im Gegenteil. Ich will mehr davon, nicht weniger. Sie sollten sogar noch elitärer sein.
Ich will nur nicht, dass eine einzige staatliche Form für alle verbindlich ist.
Genau deshalb reicht mir die Abschaffung der Anwesenheitspflicht allein nicht. Du sagst, lass die Schule Schule sein, streich die Pflicht, der Rest findet sich. Ich glaube, das greift zu kurz. Solange der Staat die Schule finanziert, zertifiziert und über ihre Abschlüsse den Zugang zu allem Weiteren kontrolliert, bleibt sie das Gravitationszentrum, um das sich alles andere ordnet. Die Alternativen bleiben, wie du selbst schreibst, kurzlebig, unsichtbar, auf die Großstädte beschränkt. Das ist kein Zufall. Das ist die Folge eines Monopols, das die Ressourcen und die Legitimität an sich bindet.
Dein Finnland-Beispiel ist interessant, aber Finnland hat ein System durch ein anderes ersetzt. Ein besseres, vermutlich. Aber wieder ein einziges, staatliches, für alle. Das ist Reform von innen. Ich rede von etwas anderem, von einem Feld, auf dem viele Formen nebeneinander bestehen und niemand vorab weiß, welche sich bewährt.
Und damit zu unserem eigentlichen Streit, dem Vergleich. Hier musst du mir zwei Dinge auseinanderhalten helfen, denn ich glaube, du wirfst sie zusammen.
Das erste ist die Behauptung, jedes Kind sei individuell. Das stimmt natürlich, aber es beweist weniger, als du denkst. Dass Kinder verschiedene Stärken, Interessen und Tempi haben, bestreitet niemand. André Stern, den du anführst, lernte mit acht richtig lesen und wurde ein gebildeter Mann. Schön. Aber sieh genauer hin! Stern wuchs als Sohn von Arno Stern auf, in einem außergewöhnlich anregenden, bildungsnahen Haushalt. Er ist kein Beweis dafür, dass Kinder von allein gedeihen, wenn man sie in Ruhe lässt. Er ist ein Beweis dafür, dass sie in einer reichen Umgebung gedeihen. Genau das ist meine These. Nicht Sichselbstüberlassen, sondern die richtige Umgebung. Stern spricht gegen die naive Freilerner-Romantik, nicht für sie.
Das zweite ist der Schluss, den du daraus ziehst. Weil jedes Kind individuell sei, sei Vergleichen hoffnungslos. Hier liege ich quer zu dir. Aus der Verschiedenheit der Kinder folgt nicht die Beliebigkeit der Methoden. Der Lernmechanismus selbst ist bei allen Menschen gleich. Er ist biologisch verankert. Kinder lernen durch Nachahmung, durch Teilhabe an echten Praktiken, durch Rückmeldung aus der Wirklichkeit, durch Begehren. Das gilt für Agathe mit ihren Eseln genauso wie für ein Kind in der Stadt. Was sich unterscheidet, ist die Ausgestaltung, das Tempo, der Gegenstand. Nicht der Mechanismus.
Und deshalb wird es Modelle geben, die diesen Mechanismus besser bedienen, und andere, die ihn behindern. Die Schule behindert ihn, das ist mein ganzes Argument. Ein Modell, das Kindern echte Teilhabe und echte Rückmeldung gibt, bedient ihn. Das lässt sich unterscheiden. Nicht mit der Präzision eines Labors, aber es lässt sich unterscheiden.
Dein gärtnerischer Einwand trifft einen wahren Kern. Du sagst, eine Mischkultur unter freiem Himmel habe zu viele Einflussfaktoren, am Ende könne man gar nichts mehr vergleichen. Als methodischer Einwand ist das berechtigt. Ein sauberer, isolierter Vergleich ist unmöglich, da hast du recht.
Aber daraus folgt nicht, dass wir daraus gar nichts lernen können. Es folgt nur, dass wir nicht mit der falschen Präzision rechnen dürfen. Und wenn schon die Mischkultur schwer zu deuten ist, dann sagt die Monokultur erst recht nichts. Ein Feld, auf dem nur eine Sorte steht, weil alle anderen verboten sind, beweist nicht, dass diese Sorte die beste ist. Es beweist nur, dass sie die einzige erlaubte war. Vielfalt gibt uns unvollkommene Erkenntnis. Das Monopol gibt uns gar keine.
Am Ende, glaube ich, trennt uns weniger, als es scheint. Du willst die Anwesenheitspflicht weghaben und vertraust darauf, dass der Rest sich findet. Ich will das Monopol weghaben und glaube, dass sich der Rest erst dann wirklich finden kann. Beide wollen wir mehr Freiheit und weniger Zwang. Wir streiten vielleicht nur über die Dosis.
Übrigens überlege ich, dieses Thema ernsthaft zu vertiefen, vielleicht in einem eigenen Format, auf Englisch, um mehr Leute zu erreichen. Deine Einwände sind genau die Art von Widerstand, an dem sich ein Gedanke schärft. Dafür bin ich dir dankbar.
Liebe Katrin, mit großer Freude habe ich deinen Kommentar gelesen und kann dir in allem zustimmen. Gerade bei Helena erleben wir genau das, was du beschreibst. Sie kennt jede Folge von "Anna und die wilden Tiere" und erzählt uns oft ganz nebenbei Dinge über Tiere, von denen ich überhaupt nichts weiß. Außerdem bastelt sie auch Pferdeställe in allen Varianten, klebt ihren Stockpferden Stricke an und flechtet wundervolle Frisuren, kreiert verschiedenste Halfter für ihre Stockpfere, und und und. Ich kann oft nur staunen über die Vielfalt ihrer Kreativität. Ich denke, dass sie nach der Schule, die oft schlaucht, nicht mehr die Energie für solche Projekte gehabt hätte.
Ja, Anja lasst uns die Talente unserer Kinder fördern. Sch... doch drauf, wenn sie sich keine einzige "wichtige" Geschichtszahl merken können oder Schwierigkeiten haben eine Kletterstange hoch zu kommen. Vielleicht wird deine Helena ja mal Bühnenbildnerin, Architektin für Tierställe oder Hairstylistin 🙂
Lieve Holm en Anja,
Ik schrijf dit in het Nederlands omdat ik mij daar beter in kan uitspreken.
Ik vind dit de beste postkaart tot heden. Super geschreven en ik begrijp heel goed dat je wel eens twijfelt of je het goed doet! Maar......ik heb enigzins het zelfde mee gemaakt met mijn dochter. En wil jullie laten weten dat dit misschien de beste methode is wat jullie voor jullie kinderen doen!!
Mijn dochter zat op de havo en een diploma haalde omdat ik dat wilde. Ze was 17 jaar en nog een poosje leerplichtig. Ze wilde niet meer naar school maar met de paarden verder ( wat ik als hobby zag). Na overleg met een speciaal coach ( die zei, ze heeft niet de interesse maar haar hersenen raakt ze nooit kwijt) hebben we het volgende bedacht. Je krijgt een jaar om te doen met je leven wat je wilt. Maak je er een puinhoop van dan ga je aan de studie op school. Lukt het om te doen wat je graag wilt dan zien we het nog een jaar aan. Dat deed ze! Mijn dochter was in eens een stuk opgewekter. Nu 15 jaar later spreekt ze 4 talen vloeiend. En 1 taal redt ze zich mee. Ze is op haar 23e makelaardij thuis gaan leren. En heeft nu op haar 33e een diploma makelaardij, een juridischopleiding en een opleiding coach voor mensen met geldproblemen.
Ze werkt hard voor haar geld en heeft meerdere huizen in de verhuur, en is aardig bemiddelt!
Maar deed het op haar manier!!
Geef ze de ruimte, het komt goed!!
Knuffel van mij,
Jannet
Liebe Jannet, ich durfte Sylvana kurz kennenlernen und möchte dir sagen, dass sie eine bemerkenswerte Ausstrahlung hat. Ohne ihre Geschichte zu kennen, überrascht mich nicht, was du schreibst. Danke, dass du das mit uns teilst. Und toll, dass du ihr diesen Freiraum gegeben hast! Liebe Grüße Anja
Hallo ihr. Lieben. Ich lese eure Zeilen gerade im Garten auf meiner Hollywood Schaukel und bin tief beeindruckt. Da gehört Mut dazu.
Ich habe in der KinderVilla gearbeitet und habe jeden Tag erleben können, was in ihnen steckt. Sie haben Ideen. Da war ich manchmal platt. Wenn Sie tun dürfen, was Sie wollen. Und da gab es da ja viele Möglichkeiten. Leider hat der damalige Bürgermeister Sie verkauft an die Kirche. Die Stadt brauchte Geld...traurig.
Hatte eine Operation am Zwerchfell. Nun hoffe ich auf Besserung. Lasst es euch weiterhin gut gehen. Liebe Grüße Marlis
Liebe Marlis, ich erinnere mich daran, wie gerne du immer von der Kindervilla erzählt hast.
Alles Liebe und gute Besserung wünschen wir dir!