Was wir zurücklassen
Sieben Monate Kreta
Ein heißer Sonntag Ende Mai. Wir verlassen heute diese Insel.
39 Stufen liegen zwischen dem Haus und dem Anhänger. Schmale Steinstufen, in Schwüngen den Hang hinauf, ein schwarzes Eisengeländer zum Festhalten.
Über der Terrasse steht eine alte Eiche. Als wir vor zwei Monaten ankamen, war sie kahl. Jetzt trägt sie ein dichtes Dach und wirft Schatten auf die Stufen.
Wir haben gestern mit dem Packen angefangen. Heute stehen noch die letzten Boxen auf der Terrasse.
Nathan und ich schleppen sie nach oben. Eine nach der anderen, mit Pausen dazwischen. Die schweren Boxen ziehen an den Armen, die Kanten drücken in die Finger.
Unten packt Anja, ordnet, verstaut. Helena sammelt ihr Spielzeug ein und kümmert sich um die Tiere. Die Fahrräder müssen auch noch auf die Träger.
Unter uns das alte Steinhaus mit den neuen Holzläden und dem roten Ziegeldach. Drumherum wuchert das Grün, hoch und dicht, dazwischen Blüten in Gelb und Rot. Es steht am Rand der Spiliotissa-Schlucht. Tief unter uns rauscht ein Fluss, der jetzt viel Wasser führt.
Gegen Mittag, als wir fast fertig sind, kommt Alexandros vorbei, unser Vermieter. Er wohnt in Athen, verheiratet mit einer Opernsängerin. Er betreut zwei Gästehäuser hier auf Kreta. Eines im venezianischen Hafen von Chania und dieses hier. Es gehörte seinen Großeltern. Sie nutzten es schon vor hundert Jahren als Sommerresidenz.
Wir setzen uns auf die Terrasse, frühstücken, trinken Kaffee, reden. Über das Haus, über Athen, über die neuen Gäste, die bald kommen werden. Es wird ein Yoga-Retreat, organisiert von seiner Tochter.
Alexandros erzählt uns, dass er die letzten drei Monate mit einem Freund auf verschiedenen, abgelegenen Inseln unterwegs war, um neue Wanderwege anzulegen. Sie sind mit Kettensäge, Freischneider, Proviant und vorgefertigten Wegweisern ins Dickicht gezogen und haben die Inseln für Wanderer erschlossen.
Am Abend wird unsere Fähre nach Athen ablegen. Danach liegt Kreta endgültig hinter uns. Sieben Monate waren wir hier. Lang genug, dass dieser Ort für uns ein klein wenig Heimat geworden ist.
Noch wissen wir nicht, ob wir je hierher zurückkommen. In naher Zukunft erst einmal nicht. Und wenn uns später jemand fragen würde, was wir aus Kreta mitgenommen haben, was würden wir ihm antworten?
Eine schwierige Frage, auf die wir nur vorläufig antworten können.
Die zwei Gesichter Kretas
Viele Urlauber kommen jedes Jahr hierher. Sie sprechen von einem Kreta-Virus, das sie bereits beim ersten Mal erfasst und danach nie wieder losgelassen hat.
Ich kann das ein Stück weit nachvollziehen. Nur haben diese Urlauber bloß die Vorderseite gesehen. Die Kulissen, die für sie gebaut wurden, und das Stück, das darin aufgeführt wird.
Kreta ist durch und durch eine Tourismus-Insel. Auf jeden Einwohner kommen rund zehnmal so viele Touristen im Jahr. Und es werden jedes Jahr mehr. Der Tourismus ist mit großem Abstand die wichtigste Einnahmequelle hier.
Das gilt aber nur in der Saison, also von Mai bis Oktober. Die anderen sechs Monate gehören denen, die hier tatsächlich leben. Und während dieser Zeit sieht die Insel anders aus. Geschlossene Tavernen, leere Strände, der Markt für die Nachbarn. An der Strandbar, die im Sommer voll und laut ist, klappert im Januar ein loses Blech im Wind.
Der Wechsel ist nicht nur eine Frage des Wetters, sondern auch eine des Preises.
Oben im Nordwesten bei Vamos war für uns Ende März Schluss. Anfang April begann die Saison, und dann zahlten die Sommergäste ein Vielfaches von dem, was wir im Winter gezahlt hatten.
Vor ein paar Tagen waren wir an einem Strand nahe Heraklion, an dem wir im April mehrfach waren. Der Parkplatz davor war jetzt bewacht und kostete Geld.
Am Zugang zum Strand stand eine junge Frau. Sie sagte uns, dieser Weg gehöre zur Strandbar und sei nur für Gäste. Im April war die Strandbar noch ein Flachdach aus Wellblech gewesen.
Der Strand selbst lag voller Sonnenliegen. Wer dort liegen wollte, zahlte Miete. Wer nur durchwollte, musste den langen Weg über die Dünen nehmen.
Das ist der große Wechsel auf dieser Insel. Sie hat ein Wintergesicht und ein Sommergesicht, und im Frühjahr legt sie das eine ab und das andere an.
Wie stark man das spürt, hängt auch vom Ort ab. An den Stränden und in den Städten haben wir im April und Mai gesehen, wie die Saison anläuft. Wie sich die Promenaden füllen, die Stühle wieder rauskommen, die Strandbars aufmachen. Sogar die Palmen werden jedes Jahr neu aufgestellt.
Hier im Zentrum von Kreta, in Houdetsi, ist davon weniger zu spüren. Der Ort liegt zu weit von den Stränden entfernt, egal in welche Richtung. Die Tavernen öffnen auch im Mai nicht nach Plan, sondern stundenweise, wenn ein paar Einheimische sich treffen wollen.
Aber der Unterschied ist klein. Auch hier dreht sich im Sommer mehr um die Gäste als im Winter, nur leiser. Der Wechsel der Saison gilt für die ganze Insel. Er trifft nur den einen Ort härter als den anderen.
Alexandros erzählt, dass Kreta vor fünfzig Jahren anders ausgesehen hat. Als der Tourismus noch nicht die wichtigste Einnahmequelle war, hatte jede Familie ihren Olivenhain, einen Weinhang und einen Gemüsegarten.
Heute sieht man fast nur noch Olivenhaine. Sie dominieren das Bild der Insel.
Olivenhaine machen vor allem im Winter Arbeit. Im November werden die Oliven geerntet, im Januar und Februar geschnitten. Im Sommer gibt es kaum etwas zu tun. Dann ist Saison, und fast jeder arbeitet im Tourismus.
Mit dem Wein ist es genau umgekehrt. Im Weinberg fällt die Arbeit im Sommer an, genau dann, wenn die Tavernen offen sind. Daher wird heute auf Kreta sehr viel weniger Wein angebaut als früher. Die Zyklen überlagern sich.
Erst geben, dann nehmen
An einem unserer ersten Abende landeten wir in einer kleinen Taverne, mehr Küche als Lokal.
Wir hatten noch nichts gesagt, noch nichts bestellt, da stand schon das Brot auf dem Tisch. Warm, in dicken Scheiben, daneben Öl. Es kam einfach. Erst danach wollte jemand wissen, was wir essen möchten.
Das klingt nach einer Kleinigkeit. Aber es kehrt eine Reihenfolge um, die ich für selbstverständlich gehalten hatte. Etwas wurde gegeben, bevor von Bestellen die Rede war.
Später standen die Schüsseln in der Mitte des Tisches. Jeder nahm, gab weiter, schob das Öl herüber. Eine große Flasche dunkles Bier, die niemand für sich allein trank. Am Ende kleine Gläser mit Tsikoudia (ein kretischer Tresterbrand) für alle, ohne dass jemand sie bestellt hätte.
Es zieht sich durch. In Gavalochori blieben wir mit dem Anhänger in einer engen Gasse stecken. Bevor wir recht begriffen, was los war, standen drei Männer an der Deichsel und schoben mit. Niemand rechnete etwas auf. Niemand wartete auf Dank.
Selbst an unserem letzten Tag. Alexandros kam, um die Schlüssel zu holen. Bevor wir über das Haus sprachen, saßen wir auf der Terrasse und tranken Kaffee. Das Geschäftliche kam danach, fast nebenbei.
Vielleicht ist das nicht kretisch. Vielleicht ist es griechisch, vielleicht gehört es dem ganzen alten Mittelmeer, vielleicht einfach den Orten, an denen ein Zeichen guten Willens dem Handel vorausgeht.
Ich weiß es nicht, aber es ist präsent.
Chill-Faktor
Viele sagen, Kreta sei entspannt. Und ich kann das gut nachvollziehen.
Im April war ich drei Wochen allein unterwegs, in Georgien und Armenien. Als ich zurückkam, fiel mir etwas auf, das ich bis heute nicht recht fassen kann.
Hier ist es ruhiger.
Nicht nur leiser, nicht nur langsamer, das auch. Etwas anderes. Die Schultern sinken. Der Blick hört auf zu suchen. Kreta ist, was es ist. Hier muss sich niemand neu erfinden.
Georgien war anders. Mehr Wettbewerb, mehr Blicke auf das Auto des anderen, teure Wagen auf schlechten Straßen. Mehr von der Frage, wer hier wer ist und wo das alles hin soll. Etwas lag in der Luft, das wach hielt.
Hier liegt das nicht in der Luft.
Ich habe versucht, die Ruhe zu erklären. An der Landschaft, am Licht. An den Straßen, die hier ganz sind. An den Autos, die niemandem etwas beweisen müssen. Und an der Vertrautheit, weil ich Kreta inzwischen kenne und Georgien nicht gut genug.
Jede Erklärung stimmt ein bisschen. Keine ganz.
Am liebsten würde ich es auf die Vertrautheit schieben. Das wäre die bequeme Erklärung. Drei Wochen unter Fremden, dann heim ins Bekannte. Natürlich fühlt sich das entspannend an.
Aber so einfach ist es nicht. Diese Ruhe war vom ersten Tag an da, im Oktober, als ich hier noch gar nichts kannte. Sie war da, bevor irgendetwas vertraut sein konnte.
Und umgekehrt. In Georgien und Armenien wurde mir mit den Wochen manches vertrauter, und ruhiger wurde es deshalb kein bisschen. Dort lag die Unruhe im Ort, nicht in meinem fremden Blick.
Es ist also nicht die Gewöhnung. Und wenn, dann ist das nur teilweise richtig.
Es ist dieser Ort. Länder, Gegenden, Orte unterscheiden sich auch in ihrem Chill-Faktor, wie ich das nennen würde, und der ist hier höher als woanders. Eine 8 auf der nach oben offenen Chill-Skala.
Aufgeschlossenheit gegenüber Fremden
Am Anfang fanden wir die Menschen hier ausgesprochen freundlich. Entspannt, zugewandt, schnell mit einem Nicken, einem Wort, einem Kaffee. Es war leicht, sich willkommen zu fühlen.
Das war nicht falsch. Aber es ist nicht die ganze Geschichte.
In Vamos lebt eine große Zahl von Zugezogenen. Engländer, Holländer, das ganze Jahr über. Es gibt Orte, an denen man sich trifft, Runden, in die man hineinrutscht. Wir lernten Leute kennen, ohne es zu erzwingen. Es ging fast von allein.
So lernten wir Arno und Barbara kennen, die mit ihren vier Eseln am Hang wohnen, und besuchten sie mehrmals. Und Henk und Jannet, zwei Holländer, die im Nachbarort ein Haus für zwei Jahre gemietet haben. An sie werden wir uns gern erinnern.
In Houdetsi ging es nicht von allein. Der Ort lebt von sich selbst. Die Taverne öffnet für die, die dazugehören. Die Runden sind alt und vollständig. Niemand war unfreundlich. Aber es gab keine offene Stelle, in die wir hätten treten können.
Erst da habe ich verstanden, dass der warme Empfang vielleicht nicht der Insel gehörte, sondern den anderen Fremden, die schon da waren. Wo Zugezogene leben, ist Platz für Zugezogene. Wo nur Einheimische leben, ist man Gast und bleibt es.
Ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich so ist oder von weiteren Faktoren abhängt.
Wir waren fünf Monate in Vamos und hier nur zwei. Vielleicht war es nicht der Ort, sondern die Zeit. Zwei Monate sind kurz, um irgendwo anzukommen. Wahrscheinlich ist es von beidem etwas.
Am deutlichsten sehen wir es an den Kindern.
Freundschaften entstehen vor Ort nicht von selbst. Für Erwachsene nicht und für Kinder noch weniger. Es braucht eine Schule, einen Verein, eine Wiederholung über Wochen, etwas, das Kinder zusammenbringt und zusammenhält.
An einem Ort, an dem man zwei Monate bleibt, gibt es das kaum.
Wir wissen noch nicht, wie wir das lösen werden.
Am Ende sind wir oft nur wir vier. Das ist das Schöne an diesem Leben und das Schwere zugleich. Wir haben einander sehr. Aber wir haben fast nur einander.
Nächster Halt: Zentralbalkan
Gegen Abend ist alles verstaut. Die Boxen, die Fahrräder, die Matten, das Spielzeug. Es passt erstaunlich gut in einen Anhänger.
Was nicht hineinpasst, ist der Rest.
Die Ruhe zum Beispiel, die ich noch immer nicht erklären kann. Sie hängt an diesem Ort, nicht an mir, so viel weiß ich. Aber man kann sie nicht einpacken und am nächsten Ort wieder auspacken. Sie bleibt, wo sie ist.
Die Runden in Houdetsi, in die wir nicht hineinkamen. Die Tische, an denen schon alle saßen. Das leise Gefühl, höflich behandelt zu werden und trotzdem draußen zu stehen.
Und die größte Frage, die wir ungelöst mitnehmen. Wie die Kinder Freunde finden, wenn wir nirgends lange genug bleiben. Und wie wir es schaffen, nicht immer nur zu viert zu sein. Darauf haben wir bis heute keine Antwort.
Das nehmen wir auch mit.
Am Abend legt die Fähre ab. Heraklion wird kleiner, dann die Berge, dann nichts mehr als Wasser. In ein paar Tagen sind wir in Bulgarien, Zentralbalkan, einem Ort, den wir noch nicht kennen.
Und dann fängt alles wieder von vorn an.
Eine Schrift, die wir nicht lesen können, kyrillische Buchstaben statt griechischer. Ein Markt, auf dem wir nicht wissen, was die Dinge kosten und wie man grüßt. Runden, in die wir vielleicht wieder nicht hineinkommen. Oder vielleicht doch.
Sieben Monate hat es auf Kreta gebraucht, bis ein Ort ein klein wenig Heimat wurde. In Bulgarien haben wir drei.
Unten steht das Haus, das nie unseres war. Die Eiche, unter der wir gefrühstückt haben, wirft jetzt einen dichten Schatten. Morgen schon sitzen dort andere Menschen.
Für Gäste bleiben wir überall zu lange. Für ein Zuhause ziehen wir überall zu schnell weiter. Wir leben zwischen beidem, und dafür gibt es kein gutes Wort.





Wieder großes Dankeschön für den spannenden Bericht, lieber Holm. Langsam schwingt darin etwas Melancholie mit...was überaus verständlich ist. Gute Weiterreise ! ;-)