Wir vier
Über das, worüber wir noch nicht geschrieben haben
Ich sitze am Küchentisch. Draußen stürmt es. Zypressen stemmen sich gegen den Wind. Wasser schlägt gegen die Fensterscheiben. Der Horizont verschwimmt zu einer einzigen grauen Fläche. Selbst hier drinnen ist es kälter als sonst.
An so einem Tag geht niemand freiwillig vor die Tür.
Also sitze ich hier und schreibe.
Nicht weil ich unbedingt etwas zu sagen habe. Sondern weil ich nicht rausgehen kann.
Weil die Wohnung voll ist und der Küchentisch der einzige Ort, an dem gerade niemand sitzt.
In zehn Minuten wird jemand kommen und etwas von mir wollen. Bis dahin gehört der Tisch mir.
Fast ein halbes Jahr sind wir nun unterwegs, fünf Monate davon auf Kreta. In wenigen Tagen geht es dann weiter.
Und über vieles aus dieser Zeit haben wir geschrieben. Über das Licht, die Landschaft, die Begegnungen. Über die Menschen. Über das, was an diesem Leben besonders ist.
Nur darüber noch nicht.
Es gibt ein Paradox in diesem Leben, das man nicht sofort erkennt. Eines, das mit Enge und Weite zu tun hat. Und mit außen und innen.
Wir haben die Seiten gewechselt. Nach außen ist jetzt alles offen. Nach innen aber ist es enger als je zuvor.
Ortsunabhängigkeit, so wie wir sie jetzt leben, verspricht Weite. Freiheit. Und das stimmt auch. Wir können sein, wo wir wollen. Morgen aufbrechen, übermorgen woanders aufwachen. Geographie ist kein bindender Faktor mehr.
Gleichzeitig sind wir jetzt nur noch wir. Wir vier.
Zuhause hatte jeder seine eigenen Wege und Orte. Anja ging ins Studio. Die Kinder trafen Freunde, gingen in die Schule, bis sie irgendwann nicht mehr gingen. Sie hatten ein eigenes Leben. Ich hatte mein Büro, meine Baustellen, meine Leute.
Morgens zerstreuten wir uns, abends kamen wir wieder zusammen. Dazwischen hatte jeder seinen Raum.
Genau das fällt unterwegs weg.
Unser Haus ist jetzt Büro, Klassenzimmer, Yogastudio und Rückzugsort in einem. Für alle gleichzeitig. Wir vier sind die einzige Konstante. Und eine, der man nicht so leicht ausweichen kann.
Das ist kein Urlaub. Im Urlaub ist man für ein paar Wochen ganz auf Familie gestellt. Man hockt aufeinander, und das ist auch deshalb schön, weil man weiß, dass es nicht so bleibt. Danach geht es zurück in einen Alltag, in dem jeder wieder seinen eigenen Raum hat.
Hier hört es nicht auf. Das hier ist der Alltag.
Nach außen haben wir Freiraum gewonnen. Kein Hamsterrad mehr, kein Neun-bis-Fünf, kein bürokratisches Dauerfeuer. Der Tag gehört jetzt uns.
Aber das heißt eben auch: Wir vier sind es. Und wir sind viel stärker aufeinander angewiesen als früher.
Auch das ist eine Form von Enge. Ich würde sie der alten jederzeit vorziehen. Aber sie ist da.
“Wir vier” heißt aber nicht, dass es jetzt nur noch uns gibt.
Wir haben Menschen kennengelernt. Freundschaften geschlossen. Und das ist das Schöne an diesem Leben, auch hier, auch auf Zeit.
Nur gehört uns das alles nicht. Es ist geliehen. In ein paar Tagen geben wir es zurück.
Henk etwa habe ich im Fitnessstudio kennengelernt. Er ist Holländer und lebt seit September mit seiner Frau Jannet in Litsarda, gleich hier im Nachbardorf.
Er hatte mich ein paarmal im Studio beobachtet und sprach mich dann irgendwann an. Warum ich an jedem Gerät alles aufschreibe. Das mache hier niemand.
Zuerst redeten wir auf Englisch. Als er hörte, dass ich aus Deutschland komme, wechselten wir auf Deutsch.
Ein paarmal sind wir mit den beiden ausgegangen.
Jannet bemalt Steine und legt sie draußen aus, damit jemand sie findet und sich daran freut. Dazu zwei Bulldoggen und ein Haus, das sie für zwei Jahre gemietet haben.
Kürzlich habe ich mit Henk eine Offroad-Tour in die Berge gemacht. Über Schotterpisten. Durch Schnee.
Dann landeten wir zufällig auf einem Schießstand, der gerade offen war.
Nachdem wir mit dem Schießen fertig waren, saßen wir in der Bar und haben die Leute beobachtet. Es schien, als kenne dort jeder jeden. Frauen und Kinder waren auch da.
Henk sagte dann: “Die Griechen sind sehr familiär.” Ein Satz auf einem Schießstand.
Am Wochenende gehen wir noch einmal zusammen essen. Wahrscheinlich ins Sterna Tou Bloumosifi, wo wir inzwischen fast zu Hause sind.
Dort kennt man uns gut. Jeder weiß, was wir gerne essen. Unsere Getränke kommen, ohne Bestellung.
Auch dafür gibt es ein letztes Mal.
Und dann sind da noch Arno und Barbara, zwei Holländer, die seit siebzehn Jahren auf Kreta leben und Eselwanderungen anbieten. Über sie haben wir bereits geschrieben.
Anja war heute mit Helena bei Barbara. Sie haben Mandalas gemalt, am Kamin, in der Wohnküche. Draußen Regen und Sturm. Vielleicht die letzte Begegnung.
Arno hat mir angeboten, noch einmal allein mit ihm und den zwei großen katalanischen Eseln eine lange Wanderung zu machen. Aber die letzten beiden Wochen hat es fast durchgängig geregnet. Vor unserer Weiterreise klappt das nicht mehr.
Wir sind noch zwei Monate auf Kreta, dann allerdings etwa zwanzig Minuten südlich von Heraklion.
Bis zu Arno nach Kournas wären es von dort aus zwei Stunden Fahrt pro Strecke. Ich denke, ich mache das trotzdem. Aber wenn wir erst in Bulgarien sind, werden wir die beiden wohl kaum wiedersehen.
Und dann ist da noch Vasilis, der Schäfer. Ich sehe ihn fast jeden Tag, wenn ich meine Runde mache.
Wir können nicht viel miteinander reden. Er spricht nur Griechisch. Aber wir freuen uns jedes Mal, wenn wir uns begegnen. Ein Winken, ein Hupen aus dem Auto.
Kein großes Ding. Aber herzlich. Ein Stück neuer Alltag, den es bald nicht mehr gibt.
Wenn das Wetter schön ist, laufen wir manchmal nach Vamos. Wir kaufen ein paar Dinge ein und setzen uns dann ins Karli Kardia am Hauptplatz. Für ein Bier, einen Kaffee oder eine heiße Schokolade.
Auch dort kennt man uns inzwischen. Weiß, was wir wollen. Viele sagen inzwischen Yassas oder Kalimera.
Es erinnert ein wenig an Taubenheim, wo wir vorher gelebt haben. Dort gab es einen Bioladen mit kleinem Café. Man holte noch eine Kleinigkeit. Die Leute kannten einen. Kurzer Schwatz. Manchmal ein Kaffee.
Es ist an jedem Ort dasselbe. Man baut Vertrautheit auf. Zugehörigkeit. Leute, die wissen, was man trinkt. Und dann lässt man es zurück.
Ende Dezember hatte ich ein Projekt begonnen. Einen Newsletter über Geschäftsmodelle für Soloselbständige. Mitte Februar habe ich es wieder aufgegeben, weil die Grundidee nicht trug. Jetzt will ich einen Podcast starten, mit Leuten, die unterwegs ein funktionierendes Business aufgebaut haben.
Aber ich zögere.
Nicht weil ich denke, dass es nichts bringt. Sondern weil ich das Gefühl habe, dass es mich noch stärker an diesen Tisch bindet.
Und gerade habe ich das Gefühl, dass ich von diesem Tisch weg muss. Nicht von der Arbeit. Von dem Ort, an dem sie stattfindet.
Ich kann das nicht genauer erklären. Mein Kopf sagt: Setz dich hin, bau etwas auf. Mein Körper sagt: Geh raus. Und “raus” gibt es gerade nicht.
Also sitze ich hier. Und schreibe.
In wenigen Tagen packen wir unseren Hänger wieder ein.
Und wir werden dann nicht nur den Ort wechseln. Auch die Menschen. Die Gewohnheiten. Die Wege. Die Taverne, in der unsere Getränke kommen, ohne dass wir etwas sagen. Alles beginnt wieder von vorn.
Außer wir vier. Wir sitzen dann in einem anderen Haus. An einem anderen Küchentisch. Lernen wieder Menschen kennen. Andere eben.
Und schreiben wieder einen Newsletter. Über die Weite. Das Licht. Die Menschen.




Sehr schön…
🤩
"Die meisten Ehen scheitern im oder nach dem Urlaub", lieber Holm... Nicht, dass Ihr Euch noch satt kriegt. Ich könnte so etwas gar nicht, komme nur mit mir selbst klar, langfristig vielleicht noch mit den Kindern und Enkeln. Aber es hat eben jede Lebensart Vor-und Nachteile.
Eines ist jedoch immer gleich:
"Nur gehört uns das alles nicht. Es ist geliehen. In ein paar Tagen geben wir es zurück."
Egal wo, mit wem und wie man lebt, es ist alles nur geliehen und nur eine Frage der Zeit, wann man loslassen muss !