Das gespiegelte N
Wie das Slawische das Lesen und Schreiben lernte
Bin ich noch in Griechenland?
Das Schild am Ortseingang steht ein wenig schief da. Der Lack ist von der Sonne ausgeblichen, ein Riss zieht quer über das Blech.
Oben der Name des Dorfes in kyrillischen Buchstaben, darunter in lateinischer Umschrift, wie es hier üblich ist, damit auch die Fremden ihn lesen können:
Николаево
Unser Dorf für die nächste Zeit. Ein paar Häuser im Balkangebirge.
Das kyrillische Alphabet ist mir nicht fremd. Zu meiner Schulzeit war Russisch noch Pflichtfach. Die Buchstaben sind also alte Bekannte.
Und doch sehe ich hier etwas, das mir in all den vielen Jahren nie aufgefallen ist. Ich sehe die Buchstaben einzeln. Und fast jeder von ihnen ist ein griechischer.
Und auch das kommt nicht von ungefähr. Wir waren sieben Monate auf Kreta, bevor wir hierher kamen. Sieben Monate griechische Schilder, griechische Speisekarten, griechische Ladenfronten.
Und nun, mit diesem Blick, sehe ich es hier im Kyrillischen wieder. Da ist das А, das Alpha. Das О, das Omikron. Das К, das Kappa. Das Е, das Epsilon. Das В, das Beta. Ich lese Николаево und sehe ein griechisches Wort, das eigentlich keines sein soll.
Ein Zeichen fällt heraus. Das zweite, das И. Es sieht aus wie ein N, das jemand in den Spiegel gehalten hat. Es ist der einzige Buchstabe in diesem Namen, der sich dem griechischen Bild verweigert.
Auch der erste Buchstabe spielt ein Spiel, nur ein versteckteres. Das Н sieht aus wie das große griechische Eta, das auf Kreta wie ein langes I klingt. Hier aber klingt es wie ein N.
Dieselbe Gestalt zwar, aber ein anderer Laut. Und das I, das auf Kreta dem Eta gehörte, wohnt jetzt im Nachbarn nebenan, im gespiegelten N. Die beiden haben, irgendwann auf dem langen Weg von dort nach hier, die Plätze getauscht.
Ich stehe also vor einem Ortsschild im Balkangebirge und frage mich, halb im Scherz, ob ich wirklich aus Griechenland fort bin. Dieses Ortsschild hätte genauso gut unweit von Vamos oder Houdetsi auf Kreta stehen können. Es wäre dort kaum aufgefallen.
Ich weiß natürlich, dass ich hier und nicht dort bin. Und ich weiß natürlich auch, dass dies zwei verschiedene Alphabete sind, mit zwei verschiedenen Namen und jedes mit einer langen, eigenen Geschichte.
Das macht die Sache nicht einfacher, sondern rätselhafter. Denn wenn es zwei Schriften sind, warum teilen sie sich dann dieselben Buchstaben? Wer hat bei wem abgeschrieben, und warum überhaupt?
Diese Frage hat mich die letzten Tage nicht losgelassen, und die Antwort, die ich fand, war größer, spannender und interessanter als das schiefe Schild es ahnen ließ.
Dieser Newsletter ist anders als die anderen. Diesmal geht es kaum um uns. Es geht um eine Schrift und darum, woher sie kommt.
Und die Antwort reicht mehr als tausend Jahre zurück, zu einem Bruderpaar, einem gescheiterten Auftrag und einem Streit darüber, in welcher Sprache zu Gott zu beten sei.
Ein Lehrer aus Thessaloniki
Um zu verstehen, woher das kyrillische Alphabet kommt, müssen wir weit zurück. Mehr als tausend Jahre, in das neunte Jahrhundert.
Und weit weg. In den Süden, ans Meer.
Dort gab es ein großes Reich. Byzanz, der griechische Osten des alten Rom, der das Ende des Westens überdauert hatte.
Seine Hauptstadt war Konstantinopel, am Übergang zwischen Europa und Asien, die größte Stadt der christlichen Welt.
Und die zweite Stadt dieses Reiches, kleiner, aber alt und reich, lag am Meer. Thessaloniki. Eine Hafenstadt, laut und gemischt, in der das Griechische der Verwaltung und des Handels den Ton angab.
Hinter der Stadt, in den Dörfern und auf den Hügeln, lebten bereits Slawen. Wer dort aufwuchs, hörte ihr Slawisch so selbstverständlich wie das Griechische der Kaufleute unten am Kai.
Einer, der dort aufwuchs und beide Sprachen sehr gut kannte, war der Sohn eines kaiserlichen Offiziers. Er hieß Konstantin.
Schon als Kind fiel er auf, weil ihm Sprachen zuflogen wie anderen das Atmen. Eine solche Begabung blieb in einer Provinzstadt nicht lange verborgen. Man holte ihn nach Konstantinopel, ins Herz des Reiches, und ließ ihn an der kaiserlichen Hochschule studieren und später selbst lehren.
Er lehrte Philosophie. Und er tat es so gut, dass man ihm den Beinamen “der Philosoph” anhängte.
Er hätte ein ruhiges Gelehrtenleben führen können, zwischen Büchern und Schülern. Aber im Jahr 863 kam ein Brief an den Hof von Konstantinopel, aus dem Norden, und dieser Brief schickte ihn auf die Reise seines Lebens.
Der Brief kam aus Großmähren, einem slawischen Fürstentum jenseits der Donau. Sein Absender war ein Fürst namens Rastislav.
Rastislav, ursprünglich ein fränkischer Vasall, hatte sich in den 850er Jahren von seinem einstigen Herrscher Ludwig dem Deutschen politisch unabhängig gemacht.
Später versuchte er, die Unabhängigkeit Mährens auch auf kirchlicher Ebene durchzusetzen. Er wandte sich daher an den Papst in Rom und bat ihn um einen eigenen Bischof, um so die mährische Kirche der Kontrolle der ostfränkischen Kirche zu entziehen.
Nachdem der Papst dies mit Rücksicht auf die Franken abgelehnt hatte, schickte Rastislav 862 ein Ersuchen an den byzantinischen Kaiser Michael III. mit der Bitte, Gelehrte und einen Bischof nach Mähren zu senden, die den Mährern den christlichen Glauben in ihrer eigenen slawischen Sprache bringen könnten.
Byzanz lehnte die Entsendung eines Bischofs vorerst ab, schickte jedoch die Brüder Konstantin und Method auf den langen Weg nach Mähren, die dort 863 ankamen.

Die beiden Brüder hatten mehr im Gepäck, als Rastislav für seine Pläne brauchte. Sie kamen nicht nur als Lehrer, sondern brachten einen speziell für den Gottesdienst kodifizierten slawischen Dialekt mit, den Konstantin bereits in Konstantinopel ausgearbeitet hatte.
Das war notwendig, da das Slawisch der Bauern die meisten Worte nicht kannte, die eine Bibel braucht. Wer den ganzen Tag das Feld bestellt, hat keinen Namen für die Dreifaltigkeit, keinen für Gnade, keinen für Auferstehung.
Konstantin nahm das südliche Slawisch, das er aus Thessaloniki kannte, und machte daraus eine Sprache, in der sich die Bibel übersetzen ließ. Wo ein Wort fehlte, erfand er es, lieh es aus dem Griechischen, bog es zurecht.
Es war nicht ganz die Sprache der Bauern, und doch war es ihre. Konstantin erweiterte sie um alles, was der Glaube brauchte.
Diese Sprache nennt man heute Altkirchenslawisch.
Und sie war von Anfang an keine kleine Sprache. In ihr ließ sich die Bibel übersetzen, das Evangelium auslegen, mit den Gelehrten von Byzanz streiten. Sie konnte, dank Konstantin. mithalten mit dem Latein und dem Griechischen, den großen Sprachen der Kirche.
Für Rastislav war das die ideale Lösung. Eine Kirche in der Sprache seines Volkes, die ohne den fränkischen Klerus auskam.
Für die fränkischen Priester jedoch, die bereits im Land waren, war es eine Bedrohung. Wer den Slawen ihren eigenen Gottesdienst in ihrer eigenen Sprache gab, nahm ihnen das Mittel, mit dem sie das Land an den Westen banden.
Sie bezichtigten Konstantin der Häresie und hielten ihm eine alte Lehre entgegen, nach der es nur drei heilige Sprachen gäbe, Hebräisch, Griechisch und Latein, die drei Sprachen, in denen die Tafel über dem Kreuz beschrieben war. In diesen dreien dürfe man beten und schreiben. In keiner sonst.
Konstantin musste nach Rom reisen und seine Sache vor dem Papst verteidigen. Und der Papst gab Konstantin recht. Er segnete die slawischen Bücher und erlaubte, in dieser Sprache den Gottesdienst zu halten.
Was die Franken als unwürdig verworfen hatten, sprach der oberste Herr ihrer Kirche heilig. Aus den drei heiligen Sprachen waren vier geworden. Das Slawische durfte fortan in der Kirche erklingen. Bis ins 20. Jahrhundert war Slawisch die einzige Sprache, die diese nachträgliche Segnung erlangen konnte.
Buchstaben aus einer anderen Welt
Eine Sprache für eine neue slawische Kirche brachte Konstantin nach Mähren mit. Was ihr noch fehlte, waren die Zeichen. Eine Schrift, mit der sich das Slawische in Gesetze, Kirchenschriften und vor allem in eine Bibel für die Bauern setzen ließ.
Auch diese hatte Konstantin im Gepäck. Man kann sie bis heute ansehen, in alten Handschriften, hinter Glas. Kreise, Schlaufen, kleine Dreiecke. Zeichen, die aussehen wie aus einem Zauberbuch oder wie der geschnitzte Schmuck an einer alten Truhe.
Konstantin hatte sich das selber ausgedacht und hatte damit bei null begonnen. Für jeden slawischen Laut erfand er ein neues Zeichen, das mit nichts auf der Welt verwandt sein sollte.
Diese Schrift hat einen sperrigen Namen: Glagolitisch
Sie war seine eigentliche Schöpfung, das zweite Werkzeug, mit dem er nach Mähren kam.

Dass sie so fremd aussah, war kein Zufall. Konstantin wollte mehr als ein Werkzeug zum Schreiben. Er wollte dem Slawischen eine Gestalt geben, die niemand mit einer fremden Macht verwechseln konnte. Eine eigene Schrift für eine eigene Sprache, ebenbürtig und unverwechselbar.
Man könnte das für die Marotte eines einzelnen Gelehrten halten. Aber das wäre ein Irrtum. Konstantin war nicht der Erste, der so dachte.
Mehr als vierhundert Jahre vor ihm, am anderen Ende der christlichen Welt, hatte ein anderer Mann vor derselben Aufgabe gestanden. Er hieß Mesrop Maschtoz, ein Mönch aus Armenien - ich habe bereits darüber geschrieben.
Sein Volk hatte das Christentum früh angenommen, früher als jedes andere. Aber es feierte seinen Glauben in fremden Sprachen, im Griechischen und im Syrischen, die kaum jemand verstand.
Also setzte sich Maschtoz hin und erfand eine Schrift für das Armenische. Eine völlig neue, eigene, die wie keine andere aussah.
Und kaum war das geschehen, geschah dasselbe gleich nebenan. Im benachbarten Georgien, im selben Winkel zwischen den Bergen des Kaukasus, bekam auch das Georgische seine eigene Schrift. Ebenso eigen, ebenso fremd.
Wer sie schuf, ist nicht sicher überliefert. Manche Quellen nennen denselben Mönch, Mesrop Maschtoz. Andere bestreiten das. Sicher ist nur, dass die Schrift in derselben Zeit entstand, im selben christlichen Umfeld.
Es handelt sich übrigens nicht um das Georgisch, das man heute auf den Schildern und in den Büchern des Landes sieht. Diese Schrift, das Mchedruli, kam erst Jahrhunderte später.
Was damals entstand, war die älteste der georgischen Schriften, das Assomtawruli, rund und feierlich, die Schrift der Kirche.
Aus ihr ging später eine zweite hervor, das Nuschuri, und beide zusammen werden bis heute für die Bücher der georgischen Kirche benutzt.
Drei sehr verschiedene Völker, drei neue Schriften, erfunden jeweils von einem einzelnen Gelehrten.
Die Armenier sprachen ein Indogermanisch, das mit dem Slawischen nur eine ferne Wurzel teilt, so fern, wie Deutsch mit Persisch verwandt ist.
Die Georgier sprachen eine Sprache, die nicht einmal diese Wurzel teilte. Sie gehört einer ganz anderen Familie an, der kartwelischen, die mit keiner anderen Sprache der Welt verwandt ist.
Auch die Buchstaben, die sie ersannen, ähnelten einander nicht. Wer das Armenische kennt, liest darum noch lange kein Georgisch, und das Glagolitische bleibt beiden fremd.
Und doch steckt in allen dreien dieselbe stille Ordnung.
Denn so verschieden die Zeichen aussahen, so ähnlich war ihr Bauplan. Alle drei folgten dem Vorbild des Griechischen. Nicht in der Form der Buchstaben, sondern in der Art, wie eine Schrift überhaupt gebaut wird: Ein Zeichen für jeden Laut. Eigene Buchstaben auch für die Vokale, nicht nur für die Mitlaute. Und ungefähr die Reihenfolge, in der das Griechische seine Buchstaben ordnet.
Das Glagolitische war also keine Laune. Es war die jüngste von drei Antworten auf dieselbe Lage. Ein Volk wird christlich. Und bald will es seinen Glauben nicht länger in der Sprache der übermächtigen Kirche feiern, die über ihm steht, sondern in der eigenen.
Die Armenier hatten sich dafür eine Schrift genommen, die Georgier auch. Nun nahmen sich die Slawen ihre.
Das war die Eigenart des Ostens. Im Westen betete man weiter auf Latein, für alle Völker gleich, über viele Jahrhunderte.
Damit hätte die Geschichte zu Ende sein können. Eine mächtige Kirchensprache, die auch die Bauern verstehen konnten, und eine stolze, eigene Schrift für ein eigenes Volk, wie schon zweimal zuvor.
Sie war zu Ende. Nur anders. Konstantin kam nicht zurück. Er erkrankte und starb in Rom, kaum dass der Papst das Slawische als Kirchensprache gesegnet hatte.
Wenige Jahre später fiel Rastislav, der Fürst, der die Brüder gerufen hatte. Sein eigener Neffe verriet ihn an die Franken. Sie stellten ihn vor Gericht, verurteilten ihn zum Tod, und weil sie gnädig sein wollten, stachen sie ihm nur die Augen aus. Geblendet starb er in einem fränkischen Kloster.
Method hielt noch eine Weile als Bischof in Mähren aus. Als auch er tot war, brach alles zusammen. Die fränkischen Priester, gegen die Konstantin angetreten war, nahmen sich das Land zurück. Die slawische Messe wurde verboten.
Die Schüler, die Konstantin und Method ausgebildet hatten, wurden gejagt. Man warf sie in Kerker. Einige verkaufte man als Sklaven, über die Alpen, an fremde Händler. Andere trieb man aus dem Land.
Was Konstantin geschaffen hatte, die Schrift, die Sprache, die Kirche, wurde im Norden ausgelöscht, als hätte es nie etwas gegeben.
Das Glagolitische war tot. Die slawische Messe verboten.
Ein junges Reich im Süden
Das Slawische fand seine Schrift nicht in Mähren. Es fand sie erst später, weiter südlich, in einem Reich, das lange Zeit niemand für einen Ort der Gelehrsamkeit gehalten hat.
Zweihundert Jahre zuvor, im Jahr 681, waren turksprachige Reiter aus der Steppe über die Donau in den Süden gekommen. Sie wurden “Bulgaren” genannt.
Ihr Khan, Asparuch, zwang dem byzantinischen Kaiser einen Vertrag ab und gründete südlich des Flusses ein Reich, das Byzanz fortan als Nachbarn und Gegner hinnehmen musste.
Das “erste bulgarische Reich”, wie man es heute nennt.
Es war ein Reich aus zwei Völkern, die wenig gemein hatten. Oben eine dünne Schicht bulgarischer Krieger, die eine Sprache aus dem Osten sprachen, verwandt mit dem Türkischen.
Unten die große Mehrheit, slawische Bauern, die das Land bestellten und eine ganz andere Sprache sprachen.
Christen waren weder die einen noch die anderen. Die Krieger beteten zu einem Himmelsgott der Steppe, die Bauern zu ihren eigenen alten Göttern.
Zwei Völker, zwei Sprachen, zwei Glauben, und keiner davon der, der bald das ganze Reich zusammenhalten sollte.
Über Generationen lebten sie nebeneinander, ohne eins zu werden.
Der Mann, der das ändern wollte, saß an der Spitze dieses Reiches. Er hieß Boris und trug den Titel der Steppe, Khan, wie die bulgarischen Herrscher vor ihm.
Um das Jahr 864, in den Jahren, als im Norden die slawische Messe verboten und Konstantins Schüler aus Mähren gejagt wurden, ließ er sich taufen und machte das Christentum zur Religion des ganzen Reiches.
Und mit dem Glauben legte er den alten Titel ab. Aus dem Khan der Steppe wurde ein christlicher Fürst.
Das war kein Erweckungserlebnis. Es war ein kühler Zug. Zwei Völker, die denselben Gott anbeten, hören mit der Zeit auf, Bulgare oder Slawe zu sein, und werden etwas Drittes. Ein gemeinsamer Glaube war das Band, das stark genug war, sie zu verschmelzen.
Doch der Glaube kam aus Byzanz, und mit ihm kam das Griechische. Die Priester predigten griechisch, die heiligen Texte waren griechisch.
Es war dasselbe Problem, vor dem Rastislav aus Mähren gestanden hatte, nur seitenverkehrt.
Rastislav hatte die Franken im Westen gefürchtet und Byzanz zu Hilfe gerufen. Boris hatte Byzanz schon im Haus. Was dem einen das fränkische Latein war, war dem anderen das byzantinische Griechisch.
Boris hatte sein Reich geeint und sich im selben Schritt ein neues Problem geschaffen. Die Sprache, die alle verbinden sollte, verstand im Volk kaum jemand. Und solange sie griechisch blieb, blieb die Tür für den byzantinischen Einfluss weit offen.
Genau in diesem Augenblick, mit diesem ungelösten Problem, geschah das, was wie ein Zufall aussieht und doch keiner war.
Aus dem Norden kamen, gejagt und verfolgt, die Schüler Konstantins und Methods über die Grenze. Es waren die letzten, die der Zusammenbruch in Mähren übrig gelassen hatte.
Boris empfing sie nicht aus Mitleid. Er empfing sie, weil sie mitbrachten, was ihm fehlte. Eine slawische Schrift und einen Gottesdienst in slawischer Sprache. Das Werkzeug, das die offene Tür schließen konnte.
Der Augenblick war glücklich. Und der Ort ebenso. Das bulgarische Reich war das einzige Land weit und breit, in dem dieses Werkzeug auf ein echtes Bedürfnis traf. Ein slawisches Volk, eben christlich geworden, mit einem Herrscher, der genau diese Schrift brauchte und die Macht hatte, sie durchzusetzen.
Boris - oder jetzt: Fürst Michael - verteilte die Ankömmlinge mit Bedacht. Die einen schickte er weit in den Südwesten, an den See von Ohrid.
Dort lehrte Kliment, der größte unter den Schülern Konstantins. Er soll Tausende ausgebildet haben. Und dort - am Ohridsee - hielt man fest an Konstantins Schrift, dem Glagolitischen.
Die anderen Schüler schickte er in den Nordosten, nahe dem Hof, in eine Stadt namens Preslaw.
Und dort, nicht in Ohrid, geschah das, was diese Geschichte entscheidet.
Die Schrift, die seinen Namen trägt
Preslaw liegt keine hundert Kilometer von hier. Was dort geschah, geschah fast in dieser Landschaft, in derselben Ecke des Landes, durch die sich heute diese Straße ins Gebirge zieht.
Dort, am Hof, erfanden die Gelehrten die Schrift für die slawische Sprache ein zweites Mal. Der Grund für diesen Neuanfang war geographisch. Bulgarien war, anders als Mähren, viel näher an Byzanz gelegen.
Und das hieß auch, es war durchzogen vom Griechischen. Die Verwaltung schrieb griechisch. Die Kirche hatte griechisch begonnen. Wer im Bulgarenreich überhaupt lesen und schreiben konnte, tat es auf Griechisch.
Für die Menschen hier war das Glagolitische eine fremde Last. Jedes Zeichen neu, nichts, woran das Auge sich festhalten konnte.
Und so taten die Gelehrten von Preslaw das Naheliegende. Sie nahmen die griechischen Buchstaben, die ohnehin alle kannten, und bauten auf ihnen auf. Sie behielten das A, das B, das E, das K, das O und all die vertrauten Formen.
Und nur für die Laute, die das Griechische nicht kannte, die zischenden und schnurrenden Laute des Slawischen, erfanden sie neue Zeichen. Viele davon borgten sie aus Konstantins Glagolitischen.
Das Ergebnis war eine Schrift mit einem griechischen Haupthaus und einem slawischen Anbau. Leicht zu lernen für jeden, der schon Griechisch konnte. Und genau deshalb setzte sie sich schließlich durch.
Und hier scheiden sich die Wege. Die Armenier und die Georgier waren bei ihrer eigenen, fremden Schrift geblieben, stolz und unverwechselbar. Griechisch war dort nicht bereits eine etablierte Schriftsprache.
Die Slawen hatten es ihnen zuerst gleichgetan, mit dem Glagolitischen. Doch dieser Weg scheiterte durch den Verrat eines Neffen.
Eine Generation später wählten sie einen anderen Weg, in einem anderen Reich. In Bulgarien. Sie blieben mit einem Bein in der Welt von Byzanz und richteten sich in ihr ein, statt sich ganz gegen sie zu stemmen.
Das Glagolitische wurde verdrängt, geriet in Vergessenheit, überlebte nur am Rand, in ein paar Klöstern, ein paar Jahrhunderte länger, dann fast nirgends mehr.
Die zweite Schrift bekam einen Namen. Und die Gelehrten aus Preslaw nannten sie nach dem Mann, der die slawische Schrift überhaupt erst möglich gemacht hatte. Nach Konstantin.
Nur hieß Konstantin am Ende nicht mehr Konstantin. Als er alt und krank in Rom lag, wenige Wochen vor seinem Tod, legte er das Mönchsgewand an und nahm einen neuen Namen an, wie es Brauch war.
Er nannte sich Kyrill.
Fünfzig Tage später starb er.
Diesen Namen, den er in den letzten fünfzig Tagen seines Lebens trug und unter dem er bis heute bekannt ist, gaben die Gelehrten von Preslaw ihrer eigenen Schrift, der kyrillischen Schrift, wie wir sie heute immer noch nennen.

Hier liegt die stille Ironie der ganzen Geschichte. Die Schrift, die Kyrills Namen trägt, ist nicht seine Schrift. Er kannte sie nicht. Es sah sie nie. Er war schon lange Tod als seine Schüler sie erfanden.
Seine eigene Schrift, das Glagolitische, ging unter.
Kyrill hatte eine Schrift gebaut, die sich vom Griechischen abwandte. Seine Schüler entwarfen eine, die sich ihm wieder zuwandte.
Den Namen des Mannes trägt das Werk, das seinen eigenen Ideen widerspricht.
Was blieb, als das Reich fiel
Mit Simeon, Boris’ Sohn, verbindet sich der Höhepunkt des ersten bulgarischen Reiches. Er war in Konstantinopel erzogen, ein gelehrter Mann.
Unter ihm wurde Preslaw zur Hauptstadt, und das Reich begann, sich mit Byzanz zu messen.
Simeon führte Krieg gegen Byzanz, stand mit seinen Heeren vor den Mauern von Konstantinopel, und am Ende nahm er einen Titel an, den vor ihm kein Slawe getragen hatte. Den des Kaisers. Auf Griechisch “Basileus”, in slawischer Form “Zar” - das alte Caesar im Mund der Slawen.
Das war keine Eitelkeit. Es war ein Anspruch. Es gab im christlichen Osten nur einen Kaiser, den in Konstantinopel. Wer sich selbst Kaiser nannte, stellte sich neben ihn, auf dieselbe Stufe. Simeon sagte damit, mein Reich ist nicht geringer als deines.
Und für eine Weile stimmte es fast. Man nennt diese Jahrzehnte die Goldene Zeit. Eine slawische Hochkultur, geschrieben, gelehrt, gedichtet, in der Sprache der Bauern, die nun in Büchern stand.
Was in Preslaw geschah, geschah auf Augenhöhe mit dem griechischen Vorbild.
Es wäre schön, die Geschichte hier enden zu lassen, im Glanz. Aber das Reich war sterblich, wie alle Reiche.
Bevor es starb, geschah etwas, das wichtiger war als das Reich selbst. Etwas, das niemand als Rettung plante und das doch eine wurde.
Die Schrift verließ das Land. Sie ging mit Mönchen und Büchern über die Grenzen, zu den Serben im Westen.
Und sie ging nach Norden, weit nach Norden, zu den Ostslawen am Dnjepr. Dort lag das Reich der Rus, mit seinem Zentrum in Kiew, und auch dort stand ein Herrscher vor dem Schritt, den Rastislav und Boris vor ihm getan hatten.
Wolodymyr von Kijiv christianisierte die Kyjiwer Rus im Jahre 988 anlässlich seiner Vermählung mit Prinzessin Anna von Byzanz, der Tochter des byzantinischen Kaisers Romanos II.
Dafür erhielt er den Beinamen “der Heilige” und wurde nach seinem Tod in den Stand eines Heiligen der orthodoxen Kirche erhoben.
Wolodymyr musste nicht mehr suchen, was die beiden vor ihm gebraucht hatten. Rastislav hatte sich seine Lehrer aus Byzanz holen müssen. Boris hatte die Flüchtlinge aus Mähren aufgefangen.
Wolodymyr fand alles fertig vor. Eine slawische Sprache, in der sich beten ließ, von Konstantin geschaffen. Und ein Alphabet, in dem sie geschrieben stand, von dessen Schülern in Preslaw geschaffen.
Als er das Christentum annahm, kam mit dem Glauben beides ins Land, die Schrift und die kirchenslawische Sprache. Fertig, erprobt, gebrauchsfertig.
Es war die natürliche Bewegung einer Schrift, die taugte und gebraucht wurde. Aber es bedeutete auch, dass das Werk nicht mehr an einem Ort hing. Es war verstreut, abgeschrieben, vervielfältigt, über die halbe slawische Welt verteilt, lange bevor dem bulgarischen Reich das Ende kam.
Und das Ende kam.
Nach Simeon ließ die Kraft nach. 971 nahm Byzanz den Osten des Reiches ein. Im Westen hielt sich noch eine Weile ein bulgarischer Staat unter einem Herrscher namens Samuil.
Doch 1018 eroberte der byzantinische Kaiser Basileios II. das ganze Land. Die Griechen nannten ihn den Bulgarentöter, und er hatte sich den Namen verdient.
Nach einer Schlacht ließ er Tausende gefangene Soldaten blenden und schickte sie heim, je einem Hundertschaftsführer ließ er ein Auge, damit er die Blinden nach Hause führen konnte.
Bulgarien hörte damit auf zu existieren. Es wurde wieder, was es vor Boris gewesen war: eine byzantinische Provinz. Für fast zwei Jahrhunderte.
Das ist die zweite Katastrophe in dieser Geschichte. Wie in Mähren brach ein Reich zusammen, das die slawische Schrift getragen hatte. Wie in Mähren siegte die größere Macht.
Aber diesmal war es zu spät, das Werk zu treffen. Die Schrift war längst fort, jenseits der Grenzen, in Kiew, bei den Serben, in hundert Klöstern, die kein Eroberer alle erreichen konnte.
Sie überdauerte das Reich, in dem sie entstand, um tausend Jahre und mehr. Heute lesen sie Hunderte Millionen Menschen, von hier bis an den Pazifik.
Zu wem man gehört
Wir steigen wieder ins Auto. Die Straße führt weiter hinauf, in die Berge. Am Ortsausgang noch einmal das Schild.
Acht verschiedene Buchstaben. Insgesamt neun, weil das “O” doppelt vorkommt. Jetzt lese ich sie anders.
Sie sehen aus wie griechische, und sie sind es auch. Alle. Das Erbe der Schreiber von Preslaw, die das griechische Gerüst nahmen, weil es schon dastand.
Николаево
Н, vom griechischen Eta. Das И, das ebenfalls aufs Eta zurückgeht, also auch griechisch. К, das Kappa. О, das Omikron. Л, vom Lambda. А, Alpha. Е, Epsilon. В, vom Beta. Und dann das zweite О am Ende, wieder Omikron. Neun griechische Buchstaben!
Der slawische Anbau, die wirklich neuen Zeichen, die Konstantins Erben für die zischenden Laute erfanden, steht nicht auf diesem Schild. Dafür hätte das Wort anders heißen müssen. Aber er ist da, auf tausend anderen Schildern.
Und es ist nicht nur die Schrift. Es ist auch der Name.
Nikolaevo, das ist der “Ort des Nikola”. Nikola aber ist die slawische Form von Nikolaos, und Nikolaos ist griechisch, aus “nike”, dem Sieg, und “laos”, dem Volk. Es ist der heilige Nikolaus, der Bischof von Myra, den die Ostkirche über alles verehrt.
Mit dem Glauben kam er aus Byzanz zu den Slawen und wurde in ihrem Mund zu Nikola und dann zu den Orten, die nach ihm benannt wurden.
Wie dieser hier.
Derselbe Vorgang wie bei den Buchstaben, nur eine Schicht tiefer. Der Kern kam aus dem Griechischen, die Form wurde slawisch. Das Schild sagt zweimal dasselbe, einmal in seinen Zeichen und einmal in seinem Namen.
Und wenn ich lange genug davorstehe, sagt das Schild noch etwas Größeres. Denn was hier geschah, geschah überall, wo eine Sprache Schreiben und Lesen lernte.
Immer stand am Anfang dieselbe Wahl. Man borgt sich eine vorhandene Schrift und passt sie an. Oder man schafft eine eigene, neue, von Grund auf.
Das Borgen war der häufigste Weg. Die Schreiber von Preslaw gingen ihn, als sie das Griechische nahmen.
Aber sie waren nicht die Ersten. Schon ein halbes Jahrtausend früher hatte ein gotischer Bischof namens Wulfila dasselbe getan, um die Bibel für sein Volk zu übersetzen.
Auch er baute auf dem Griechischen auf und fügte hinzu, was ihm fehlte. Eine fremde Schrift, zurechtgebogen für die eigene Sprache.
Die eigene Schrift dagegen, neu erfunden, war der seltene Weg. Und fast immer ging ihn, wer sich abgrenzen wollte. Wer sagen wollte, ich gehöre keinem von euch an.
Die Armenier taten es, eingeklemmt zwischen Byzanz und Persien.
Kyrill tat es mit dem Glagolitischen, um sich von Rom und von Byzanz abzusetzen.
Und noch einmal ein halbes Jahrtausend später, am anderen Ende der Welt, tat es ein König in Asien.
In Korea schrieb man Chinesisch, eine Schrift, so schwer, dass nur eine schmale gebildete Schicht sie beherrschte.
König Sejong wollte das ändern. 1446 verkündete er eine neue Schrift, eigens für das Koreanische erdacht, leicht genug, dass jeder sie lernen konnte. Hangul nannte er sie.
Dieselben Motive wie bei Konstantin.
Eine Schrift ist nie nur ein Werkzeug, um Laute festzuhalten. Sie ist auch eine Antwort auf die Frage, zu wem man gehört.
Die Schreiber von Preslaw beantworteten sie anders als Konstantin. Konstantins Antwort ging unter. Die seiner Schüler steht heute auf einem Schild an dieser Straße. Aber sie trägt noch den Namen, den er sich am Ende seines Lebens zugelegt hatte: Kyrillisch.
Wir fahren weiter, an Schildern vorbei, die ich seit Jahren lesen kann und erst jetzt verstehe.




