Wie man eine Ikone liest
Teil 2: Ein Symbol für die Nation
Eine Reise durch orthodoxe Kirchen, in zwei Teilen. Hier ist der zweite.


Wir sind vor kurzem zum Kloster des Erzengels Michael gefahren. Es liegt in einer Schlucht. Zwischen senkrechten Kalkwänden rauscht lautstark ein Fluss. Man stellt das Auto ab und geht über eine Steinbrücke auf das Tor zu.
Im Durchgang vom Tor in den Hof gibt es einen kleinen Laden. Vor ihm kann man Kräutertee und Honig kaufen. Drinnen werden Ikonen verkauft, in Folie, zum Mitnehmen. Der Pantokrator, die Hodegetria, der heilige Nikolaus. Gedruckt, gestapelt, ein paar Euro das Stück.
In der Kirche dann die geschnitzte Wand mit die Heiligen in der richtigen Reihenfolge. Rechts der Tür der Pantokrator, links Hodegetria. Dieselbe Grammatik wie überall sonst.
Weil wir noch Zeit hatten, fuhren wir weiter, ein paar Minuten talabwärts, in die Stadt Dryanovo. Viel ist da nicht zu sehen. Eine Hauptstraße, ein Uhrturm, ein Denkmal. Wir liefen ein wenig herum.
Unweit vom Uhrturm steht das Ikonomow Haus, ein schönes Beispiel für die bulgarischen Wiedergeburtshäuser. Unten ein massiver Sockel aus Stein. Darüber das leichtere Obergeschoss aus Fachwerk und Lehm. Es ist breiter als der Sockel und ragt ein wenig auf die Straße hinaus, getragen von Holzbalken, die unter ihm herausragten wie kurze Streben.
Die Wände sind weiß verputzt und kontrastieren mit dem dunklen Holz der Fenster und Gesimse. Eine Reihe kleiner Scheiben fing das Nachmittagslicht ein. Über allem ein flaches, mit massiven grauen Steinplatten gedecktes Dach, das dem Gebäude Präsenz verleiht.
Es ist dieser Baustil, der mir an dieser Gegend so gefällt. Oben breiter als unten, fast kopflastig, und doch leicht. Darüber ein Dach aus großen, schweren Steinplatten, dick und grau, eine über die andere geschoben, wie der Panzer einer riesigen Schildkröte.
Gebaut hatte es Kolyo Ficheto, der Baumeister, dessen Denkmal wir eben passiert hatten, im Jahr 1859, für einen Priester namens Wasil Ikonomow. Das einzige seiner Wohnhäuser, das in Dryanovo noch steht.
Wir gingen näher heran und bemerkten, dass darin ein Museum untergebracht war. Die Tür war verschlossen. Wir klingelten und warteten. Niemand kam.
Als wir schon gingen, rief uns eine ältere Frau zurück. Sie hatte einen Schlüssel in der Hand und machte uns auf.
Drinnen führte sie uns nach oben. Die Räume hatten geschnitzte Decken aus dunklem Holz. Sonst war von der alten Einrichtung fast nichts geblieben.
In den Zimmern hingen Ikonen. Eine ganze Sammlung, zusammengetragen aus den Kirchen und Häusern der Gegend. Kleine Hausaltäre, Tafeln mit Flügeln zum Zuklappen, dazwischen die großen einzelnen Bilder, an der Wand aufgereiht, mit Schildern daneben.
Es war das erste Mal, dass ich Ikonen in einem Museum sah. Und diese hier waren definitiv anders.
Der Goldgrund war fort. Hinter dem heiligen Spiridon, der wie ein Hirte einen geflochtenen Korb auf dem Kopf hatte, lag ein Himmel mit Wolken, und in den Himmel waren Schneeflocken gemalt.
Hinter anderen Figuren sah man Grün, fast eine Landschaft. Auf den Gewändern blühten Rosen und das Gold war in feinem Muster in die Throne und Brokate gewandert. Die Gesichter waren weicher.
Zu Haralampis Füßen kniet eine dunkle Gestalt, gefesselt, ein Dämon an einer Kette. So etwas hatte ich auf keiner Ikone zuvor gesehen.
Haralampi gilt in Bulgarien als der Heilige gegen die Pest und gegen Krankheiten, und die Legende lässt ihn den Dämon binden, der die Seuche bringt. Darum die Kette.
An seinem Gedenktag im Februar tragen die Gläubigen Honig in die Kirche und lassen ihn weihen, um ihn so als Arznei gegen die Krankheit zu verwenden.

Und neben jeder Ikone war ein Schild angebracht, auf dem der Maler, der Spender und das Jahr der Entstehung standen. Joanikij Witanow aus Trjawna. Petar Krastew mit seinem Sohn Genko, Vater und Sohn, die zusammen gemalt hatten. Gentscho Filipow und Iwantscho Wassilew aus Gabrowo.
Ein Ort. Ein Jahr. Eine Kirche, in der sie mal hing, und das Dorf oder die Stadt, aus der der Maler kam. Und wer die Ikone bezahlt hatte.
Den Spiridon hatten die Pantoffelmacher von Dryanowo gestiftet. Den Haralampi ein Mann namens Stojtscho Iliew.
In der unteren Ecke des Athanasius hatte einer mit dünnem Pinsel das Wort für “Maler” (зограф) daruntergesetzt. Und dann seinen Namen: Peter Krustev und sein Sohn Genko.
In diesem Raum drehte sich meine Frage um. In den Kirchen hatte ich gefragt, warum alle Bilder gleich sind. Und ich habe eine Antwort darauf gefunden.
Hier nun fragte ich, warum diese anders sind. Warum einer die Rosen seines Tals in das Bild ließ, wo es doch um die Ewigkeit gehen sollte? Warum er seinen Namen daruntersetzte?
Die Frau schloss hinter uns ab. Ich nahm die Frage mit, und sie ließ mich nicht mehr los.
Ein paar Tage später machte ich mich zu Fuß auf den Weg nach Tryavna, ins Nachbartal, wo es ein Museum geben sollte, in dem Ikonen aus den Tryavnaer Werkstätten ausgestellt werden.
Der Weg von Nikolaevo steigt zunächst bis auf den Bergrücken an. Oben öffnen sich dann Bergwiesen, die voller Blüten sind. Es ist still bis auf den Wind und die eigenen Schritte. Einmal sprang vor mir ein Feldhase auf und verschwand dann im hohen Gras. Ein andermal, schwerfällig und laut, ein Fasan.
Nach gut zwei Stunden fiel das Land wieder ab, und unten lag die Stadt am Fluss. Das Museum steht auf einer Anhöhe, etwas abseits in der Sonne. Eine Frau saß davor auf einer Bank, lächelte und kam mir entgegen. Ich war verschwitzt und durstig und der einzige Besucher.


Drinnen hingen dann dieselben Bilder wie in Dryanovo. Das verlorene Gold, die Landschaften, die Rosen, die weichen Gesichter, die Namen darunter.
In Tryavna gab es eine eigene Malerschule, die älteste im Land. Sie entstand am Ende des siebzehnten Jahrhunderts und hielt fast zweihundert Jahre.
Über zweihundert Maler brachte sie hervor. Die einzelnen Werkstätten waren Familienbetriebe. Der Beruf vererbte sich vom Vater auf den Sohn.
Die Witanows bildeten die größte und älteste Werkstatt. Der Legende nach hat ihr Gründer sein Handwerk auf dem Athos gelernt - also genau dort, wo einst der Mönch Dionysos sein Handbuch zum Ikonenmalerhandwerk erstellt hatte.
Die Zaharievs sind eine weitere wichtige Familie, deren früheste Spuren weit unten im Land liegen, in der Strandscha. Daneben die Wenkows, die Mintschews, die Minews, die Werkstatt des Priesters Dimitar Kantschow. Männer mit Namen, Witan und Simeon, Joanikij, Zahari und Krastju, ganze Stammbäume von Malern.
Um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts hatten sich in dieser kleinen Bergstadt vierzig Werkstätten etabliert.
Es waren Werkstätten, und sie arbeiteten wie Werkstätten. Sie malten nicht nur Ikonen. Sie schnitzten auch die hölzernen Ikonostasen, ganze Wände voll Ranken und Vögel. Die Ikonostasen der Erzengel Michael Kirche oder der Kirche des heiligen Georg in Tryavna beispielsweise stammen von ihnen.

Sie nahmen Aufträge an, von einer Dorfkirche, von einer Zunft, von einem Mann, der ein Bild stiften wollte. Sie führten Bücher, gaben das Handwerk weiter, hatten einen eigenen Stil, an dem man sie erkannte.
Die Maler hielten noch am alten Kanon fest und wirkten darum konservativ. Aber jede Neuerung, die zu ihnen vordrang, nahmen sie auf und bauten sie ein.
Und was da vordrang, kam aus dem Westen. Über das Meer, über Druckgrafiken, über Maler, die herumgekommen waren, sickerten neue Dinge in das alte Schema ein.
Tiefe hinter den Figuren. Wolken und Landschaft. Faltenwürfe, die fielen wie an einem wirklichen Körper. Blumen aus den Gärten. Barockes Schnörkelwerk an Thron und Rahmen.
Das hatte im Westen tausend Jahre früher begonnen, als das Bild dort ein Bild blieb und langsam zur Kunst wurde.
Hier holte das die Ikonen spät ein, in einem fernen Winkel der orthodoxen Welt, in einem Tal unter osmanischer Herrschaft, wo die Maler den Kanon länger gehütet hatten als nirgendwo sonst.
Und gerade hier ließ er nach.
Das Gold wich, weil dahinter ein Ort entstand. Der Maler trat hervor, weil er einen Stil hatte, den er sah und auf den er stolz war. Die Ikone wurde langsam wieder zu einem Bild.
Es war noch eine Ikone. Man küsste sie, man stellte Kerzen hin. Noch war sie Symbol. Aber sie stand mit einem Bein schon in der Ähnlichkeit, die man tausend Jahre erfolgreich gebändigt hatte.
Das wirklich Unerhörte in dieser Ausstellung war jedoch eine Ikone mit Kyrill und Method.
Oben, in einer Wolke, ist Christus zu sehen, der zwei Kronen herabreicht.
Darunter steht links Method, im Bischofsgewand und mit Krone, ein aufgeschlagenes Evangelium in der Hand, den Anfang des Johannes: “Im Anfang war das Wort.”
Rechts steht Kyrill. In der einen Hand hält er ein Kreuz hoch, in der anderen eine Schriftrolle, auf der das kyrillische Alphabet steht.
Gemalt wurden die beiden Brüder schon seit dem neunten Jahrhundert. Das älteste Bild Kyrills ist ein Fresko in San Clemente in Rom, wo er begraben liegt.
Im Mittelalter tauchten sie manchmal auch gemeinsam auf, in Handschriften, auf Wänden in Ohrid und Serbien. Aber dort standen sie als zwei einzelne Kirchenväter nebeneinander, ohne die Rolle mit dem Alphabet.
Der Bildtyp, den wir hier sehen, ist viel jünger. Das Motiv entstand in Moskau. Dort entwarf 1844 ein russischer Meister des Farbdrucks, ein Mann namens Tromonin, ein Titelblatt für eine bulgarische Fibel. Den Druck hatte ein bulgarischer Kaufmann in Auftrag gegeben.
Das Titelblatt trug die Überschrift “Bulgarische Schriftgelehrte” und zeigte zum ersten Mal die zwei Brüder vereint, mit der Rolle und dem kyrillischen Alphabet in einem Bild - passend gemacht für ein bulgarisches Schulbuch.
Von eben diesem Titelblatt wanderte das Motiv dann auf Wände, auf Ikonen, in Schulbücher, bis es hier ankam, in Tryavna. 1868 steht daneben als Entstehungsjahr.
Ein gedrucktes, datiertes, gewerblich gestochenes Titelblatt für ein weltliches Schulbuch war so zu einer Ikone geworden. Ganz außerhalb des alten byzantinischen Kanons.
Und es war dieselbe Stadt, in der ein paar Jahre zuvor die erste Schule geöffnet hatte, die Alte Schule am Uhrturm, von der ich an anderer Stelle erzählt habe. Auch dort hing diese Ikone noch an der Wand.
Schule
Tryavna liegt nicht weit von hier. Das ist die nächste Kleinstadt, die wir zwei, drei Mal die Woche besuchen.
Die bulgarische Wiedergeburt wollte eine Vergangenheit, auf die sie stolz sein konnte. Helden, eine eigene Schrift, ein eigenes Volk. Und sie nahm sich die beiden Schriftgelehrten dafür.
Die Ikone selbst ehrt die beiden über ihren Rang hinaus. Christus reicht ihnen von oben den Kranz, und Kyrill hält das Kreuz hoch. Kranz und Kreuz sind in der Ikonenmalerei das Zeichen des Märtyrers.
Kyrill und Method aber waren keine. Sie starben friedlich, der eine als Mönch in Rom, der andere als Bischof in Mähren. Die Kirche verehrt sie nicht als Märtyrer, sondern mit einem eigenen Rang, “den Aposteln gleich”, weil sie wie die Apostel ein ganzes Volk zum Glauben brachten.
Die Ikone jedoch leiht den beiden Schriftbringern die höchste Ehre, die es kennt, und macht so aus zwei Missionaren nationale Heilige.
Die eigentliche Sensation jedoch ist eine zweite Schriftrolle. Sie hängt unten in der Mitte von einem kleinen Tisch herab.
Auf anderen Ikonen liegt dort eine Bibel, weil die beiden sie ins Altkirchenslawische übersetzt hatten. Dieses Motiv war hier in der Gegend bekannt.
Hier aber liegt keine Bibel. Hier hängt ein Fließtext, den ich im Ganzen zitieren will:
Diese Erleuchter und Apostel, dem Geschlecht nach slawische Bulgaren, schufen die heutige slawische Schrift im Jahr 855 nach Christus und übertrugen die Heilige Schrift in die altbulgarische, das heißt slawische Sprache. Deshalb ist der ganze slawische Stamm verpflichtet, ihr Andenken zu ehren. Ihr Wunsch wurde erfüllt vom frommen bulgarischen Zaren Simeon.
Im Jahr 1868. In Tryavna
Was hier am Fuß der Tafel geschieht, ist die Schöpfung eines nationalen Mythos, und es ist ganz die Sprache der bulgarischen Wiedergeburt.
Man sieht es an den Worten. “Slawische Bulgaren” - was nicht stimmt. Sie kamen aus Thessaloniki. “Altbulgarisch” stimmt auch nicht. Kyrill entwickelte das Kirchenslawische aus einem südlichen Dialekt heraus, den er aus seiner Heimatstadt Thessaloniki kannte.
Und sie schufen auch nicht die slawische Schrift - das kyrillische Alphabet, das Kyrill hier in den Händen hält. Es wurde zwar nach ihm benannt, aber geschaffen hatte er ein anderes, das Glagolitische.
Hier die ganze Geschichte von Kyrill und Method:
Selbst das Jahr, 855, stammt aus einer Überlieferung und ist historisch gesehen falsch.
Es bezieht sich nicht auf das kyrillische Alphabet, sondern auf die Glagoliza, die Kyrill tatsächlich entwarf.
Die Zahl selbst geht auf einen mittelalterlichen Text zurück. Ein Mönch aus der Schule von Preslaw, der sich Chrabr nannte, schrieb gegen Ende des neunten Jahrhunderts eine Abhandlung über die Buchstaben.
In ihr verteidigt er die slawische Schrift gegen ihre griechischen Kritiker, und sie ist die einzige bekannte Quelle, die ein Jahr für die Erfindung der slawischen Schrift nennt.
Chabr selbst nannte allerdings nicht das Jahr 855, sondern das Jahr 6363 nach Erschaffung der Welt. Die Slawen zählten die Jahre nicht ab Christi Geburt, sondern ab dem angenommenen Anfang der Welt.
Um aus dieser Jahreszahl ein Jahr nach unserer Zählung zu gewinnen, muss man wissen, nach welchem Kalender gerechnet wurde. Davon gab es mehrere.
Nach dem byzantinischen Kalender ergibt Chabrs 6363 das Jahr 855. Nach dem alexandrinischen ergibt es 863.
Historisch spricht das meiste für die spätere Zahl. Die Mission, für die Kyrill die Schrift schuf, begann 863, als die Brüder auf Bitten des Fürsten Rastislav nach Großmähren zogen. Davor, um 855, ist nichts dergleichen belegt.
Trotzdem hat sich das Jahr 855 als Schöpfung der Schrift gehalten. Sie gilt in Bulgarien bis heute als ein offizielles Datum der Schriftschöpfung, gelehrt und gefeiert, obwohl das Ereignis in ein anderes Jahr fällt und ein anderes Schriftsystem betrifft.
Am Fuß der Rolle steht noch ein Name, Zar Simeon. Er regierte das erste bulgarische Reich von 893 bis 927, lange nach den beiden Brüdern. Kyrill war da seit über zwanzig Jahren tot, Method seit acht.
Die Rolle stellt sie trotzdem in eine Reihe. Die Brüder hätten die Erleuchtung ihres Volkes gewünscht, und Simeon habe sie erfüllt. Das stimmt zum Teil, denn während seiner Herrschaft haben die Mönche in Preslaw, unweit von hier, tatsächlich die Kyrilliza entworfen, die auf der Ikone abgebildet ist.
Die Herkunft der beiden Schriftgelehrten, die Sprache, in die sie die Bibel übersetzten, und die Schrift, die Kyrill erfunden haben soll, werden hier zu einem bulgarischen Mythos verdichtet, der nur wenig mit der historischen Wirklichkeit zu tun hat.
Das ist keine Schlamperei. Das ist die Arbeit, die der Text zu leisten hatte.
Bleibt das Bild selbst, und mit ihm meine Frage vom Anfang.
In den Kirchen hatte ich vor Piktogrammen gestanden. Ikonen, die man liest wie eine Zeichnung, in der jedes Zeichen festgelegt ist, damit der Blick durch das Bild hindurch gehen kann auf etwas, das außerhalb von Ort und Zeit steht.
Auch diese Ikone hier ist so ein Piktogramm. Sie zeigt nicht, sie verweist, über die festen Zeichen, das Alphabet, die Rolle, die Krone, den Kranz.
Tausend Jahre hatte die Ikone auf das Reich der Heiligen gezeigt. Ein Reich, das niemand gesehen hat, das kein Maler je vor Augen hatte, das ganz aus Regeln gebaut war, aus festgelegten Bärten, Farben, Gesten.
Jetzt zeigt dieselbe Maschinerie auf ein zweites Reich, ebenso unsichtbar, ebenso erfunden. Auf eine Nation mit einer eigenen Schrift, einer eigenen Sprache, und einer ruhmreichen Vergangenheit.
Auch das hat niemand vor Augen gehabt. Diese Nation ist aus Behauptungen zusammengesetzt, hier sogar aus nachweislich falschen.
Zwei Reiche, beide nicht von dieser Welt, beide nur über das Bild zu haben. Die byzantinische Erfindung, mit Zeichen auf ein Unsichtbares zu zeigen, hat hier ein neues Thema gefunden.
Acht Jahre später begann dieses Idee, ihre Kraft zu entfalten.
1876 erhob sich das Land gegen die osmanische Fremdherrschaft. Unten in der Schlucht, im Kloster des Erzengels Michael, das ich vor ein paar Tagen besucht hatte, verschanzte sich eine Schar Aufständischer.
Ihre Anführer waren der Priester Hariton und der Lehrer Batscho Kiro. Mit ihnen führten zweihundert Mann einen verzweifelten Kampf gegen die Übermacht einer 10.000 Mann starken osmanischen Armee.
Neun Tage lang hielten sie die Mauern, dann brachen die Osmanen durch die Reihen. Siebenundvierzig kamen davon, der Lehrer unter ihnen.
Das Kloster brannte, die Bibliothek mit ihm. Den Lehrer fingen sie wenige Wochen später und hängten ihn auf einem Platz in Tarnowo auf.
Das ist alles hier passiert. In demselben Tal, zu einer Zeit, in dem sich die Ikonen gerade aus der Ewigkeit herausgearbeitet hatten. Die Gegenwart brach ein, mit Blut, mit Feuer, mit Hinrichtungen.
Wer aus der Ewigkeit heraus tritt, tritt in die Zeit. Und Zeit heißt auch Tod.
Ich stehe noch immer in dem stillen Raum, allein, und sehe mich um.
Dieses Gebäude war nie eine Kirche.
1938 kam die letzte Zarin Bulgariens, Joanna, nach Tryavna. Das Parlament hatte ihr Geld zugeteilt, und sie wollte damit ein Heim bauen für Kinder, die eine Krankheit der Lunge überstanden hatten und sich erholen sollten.
Im Sommer stand sie mit ihrer Familie hier oben und suchte den Platz aus, einen der sonnigsten der Gegend, von früh bis spät im Licht. Ein Architekt namens Sewow baute das Sanatorium, das 1943 fertiggestellt wurde.
Daneben setzte man eine Kapelle. Für die Kinder. Doch sie wurde nie geweiht. Kein Priester sprach je in ihr, kein Mensch kniete darin. Sie stand viele Jahrzehnte leer.
Vierzig Jahre später, 1984, regierte ein sozialistischer Staat, der die Kirchen verachtete und keinen Gott duldete. Und ausgerechnet dieser Staat trug die heiligen Bilder aus den Kirchen und Häusern der Gegend herauf, hängte sie in die leere Kapelle und widmete sie zu einem Museum um.
Jetzt hängen die Ikonen hier an der Wand, hinter Glas. Neben jedem ein Schild. Der Name des Malers. Das Jahr. Die Schule. Die Stifter. Tempera auf Holz.
Einmal, vor langer Zeit, hatte man Ikonen mit einem Hammer angegriffen. Kaiser Leo III aus Konstantinopel schickte Männer mit einer Leiter an ein Tor und ließ den Christus abhacken. Man riss die Ikonen herab und verbrannte das Holz. Nach hundert Jahren hingen sie dann wieder dort.
Hier brauchte es keinen Hammer. Die Ikonen sind heil. Sie hängen an der Wand hinter Glas, ein Schild daneben. Niemand küsst sie mehr, niemand stellt eine Kerze davor.
Man tritt einen Schritt zurück und betrachtet sie, würdigt sie, bewundert den Künstler, der sie schuf.
Es sind jetzt Werke, die man ansieht. Kunst.
Woran der Bildersturm in Konstantinopel scheiterte, gelang den Genossen fast mühelos. Und vielleicht nicht einmal mit Absicht. Sie haben nur zu Ende geführt, womit die Werkstätten in Tryavna begonnen hatten.
Denn die hatten angefangen, Bilder zu malen. Den Pantokrator, die Hodegetria, das ganze Panoptikum der Heiligen, mit Landschaft, mit Blumen, mit Tiefe, mit dem Gesicht eines Mannes, den man kennen könnte.
Und der richtige Ort für solche Bilder ist keine Kirche und kein Kloster. Sondern das hier.
Ein Museum.








